Auf 9.000 Jahre alten Spitzen wurden rätselhafte Zeichen gefunden – niemand versteht ihre Bedeutung

Pfeilspitze Nr. 4 mit Rillen aus Tepedjik-Ciftlik. Quelle: A. Vinet.

Vor etwa 9.000 Jahren ritzten die Bewohner Zentralanatoliens gezielt Linien, Kreuze, Winkel und komplexe geometrische Figuren in schwarze Obsidian-Pfeilspitzen. Einige Muster erforderten bis zu 20 einzelne Einschnitte, doch keiner davon gleicht genau einem anderen, und ihre Bedeutung können Archäologen bis heute nicht erklären.

Die neue Studie hat gleich 11 solcher Spitzen aus der neolithischen Siedlung Tepedjik-Çiftlik in Kappadokien hinzugefügt. Zusammen mit dem zuvor gefundenen Exemplar sind dort nun 12 bekannt, in ganz Zentralanatolien hingegen nur 54. Die Wissenschaftler haben Hypothesen zu zufälligen Kratzern, Besitzermarkierungen und ritueller Bestimmung geprüft, doch bisher konnte keine davon überzeugend bestätigt werden.

Details

Tepedjik-Ciftlik liegt in Zentralanatolien auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Im Neolithikum existierte hier eine Ackerbau- und Viehzuchtsiedlung, deren Bewohner Getreide anbauten, Tiere züchteten und weiterhin jagten. Die Hauptneolithum-Schichtfolge der Fundstätte lässt sich auf etwa 6800–6100 v. Chr. datieren, während eine der markierten Speerspitzen aus einer noch früheren Schicht stammt, die auf etwa 7100–7000 v. Chr. datiert wird.

Obsidian war hier reichlich vorhanden: Die Siedlung befand sich nur etwa 5 km von den Vorkommen bei Göllüdag und 20 km von Nenezi-Dag entfernt. Dieses vulkanische Gestein spaltet sich unter Bildung extrem scharfer Kanten, weshalb es in großem Umfang zur Herstellung von Werkzeugen und Waffen verwendet wurde.

Die Archäologen haben in Tepedjik-Çiftlik 740 Spitzen registriert, von denen 730 aus Obsidian und nur 10 aus Feuerstein gefertigt sind.

Einkerbungen wurden nur bei 12 der 740 Exemplare festgestellt, was etwa 1,6 % der Sammlung entspricht. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Beschädigungen und Retuschen manchmal die Sichtbarkeit der Linien beeinträchtigen, war diese Praxis offensichtlich selten.

Die mikroskopische Analyse zeigt, dass viele Linien absichtlich angebracht wurden.

Das komplexeste Exemplar weist drei quadratähnliche Figuren auf, die durch eine vertikale Linie verbunden sind. Zur Gestaltung dieser Komposition waren 20 einzelne Ritzungen erforderlich. Anhand der Abfolge der sich überlappenden Linien konnten die Wissenschaftler sogar die Arbeitsreihenfolge rekonstruieren: Zunächst schuf der Meister die drei Figuren und fügte erst danach die lange vertikale Linie hinzu.

Auf anderen Spitzen finden sich Kreuze, Chevrons, V-förmige Figuren, rechteckige Formen sowie wellenförmige und parallele Linien.

Manchmal wurde ein und dieselbe Kerbe zwei- oder dreimal eingraviert, wahrscheinlich, um sie auf der dunklen, glasartigen Oberfläche besser sichtbar zu machen. Dabei wurden einige der Motive vor der abschließenden Nachbearbeitung der Spitze angebracht, andere hingegen erst danach. Es gab also offenbar keine einheitliche Produktionsphase, in der die Markierung angebracht wurde.

Um zu überprüfen, ob die Kratzer zufällig bei der Herstellung oder Verwendung der Pfeile entstanden sein könnten, führten die Forscher ein Experiment durch.

Der Versuch, Obsidian mit einem anderen Obsidianstück zu zerkratzen, schlug fehl: Die Materialien weisen die gleiche Härte auf. Eine Feuersteinscheibe hinterließ hingegen deutliche Linien auf der Oberfläche, deren mikroskopische Spuren denen ähnelten, die auf den antiken Artefakten entdeckt wurden.

Dies ist ein interessantes Detail, da Obsidian mehr als 99 % der Steinwerkzeuge von Tepejik-Çiftlik ausmachte, während Feuerstein und andere Materialien in weniger als 1 % der Fälle vorkamen. Wer ein klares Muster anbringen wollte, benötigte wahrscheinlich ein speziell ausgewähltes, härteres Werkzeug.

Die Autoren behaupten dabei nicht, das Werkzeug eindeutig identifiziert zu haben: Das Experiment zeigt lediglich, dass Feuerstein geeignet ist und ähnliche Spuren hinterlassen kann.

Doch die Gesamtheit der wiederkehrenden Linien, der komplexen Kompositionen und der Reihenfolge ihrer Anbringung bestätigt das Wesentliche – zumindest wurden die meisten ungewöhnlichen Markierungen bewusst angebracht, und die Zeichnungen wiederholen sich nicht.

Genau hier beginnt das Rätsel.

Wäre es sich um ein Zeichensystem mit einer konkreten allgemeinen Bedeutung gehandelt, hätte man die Wiederholung bestimmter Symbole erwarten können. In Tepedjik-Çiftlik ist jedoch jede Gruppe von Ritzspuren einzigartig.

Einige erinnern an Quadrate, Kreuze oder V-förmige Figuren, doch keine der Kompositionen lässt sich eindeutig als Darstellung eines Menschen, eines Tieres, einer Pflanze oder eines anderen erkennbaren Objekts identifizieren. Sie stimmen auch nicht mit den bekannten Ornamenten auf neolithischer Keramik und den Siegeln dieser Siedlung überein.

Die Forscher konnten keinen Zusammenhang zwischen der Art des Zeichens und der Qualität der Spitzen, ihrer Form, der Herkunft des Obsidians oder der Herstellungsweise feststellen.

Selbst das komplexeste Muster ist nicht auf die am besten gearbeitete oder die symmetrischste Spitze aufgebracht.

Daraus ergibt sich ein seltsames Bild: Die Menschen pflegten über mehr als tausend Jahre hinweg eine sehr seltene Tradition, verwendeten dabei jedoch offenbar keinen einheitlichen Zeichensatz.

Möglicherweise handelte es sich um „Signaturen“ der Jäger

Eine der bekanntesten Theorien entstand bereits in den 1980er Jahren nach der Untersuchung ähnlicher Pfeilspitzen aus einer anderen anatolischen Siedlung – Dschan-Hasan III.

Die Archäologin Kathryn Ataman vermutete, dass die Zeichen den Besitzer des Pfeils oder den Jäger selbst kennzeichnen könnten. Ähnliche Praktiken sind aus der Volkskunde bekannt: Anhand einer individuellen Markierung ließ sich feststellen, wessen Pfeil die Beute getroffen hatte und wem sie zusteht.

Die neuen Erkenntnisse widerlegen diese Hypothese nicht. Mehr noch: Das Fehlen exakter Wiederholungen passt potenziell zu individuellen Markierungen.

Doch es gibt auch zahlreiche Probleme.

Es gibt zu wenige markierte Pfeilspitzen: Wenn die Markierungen tatsächlich zur Identifizierung der Pfeile notwendig waren, ist unklar, warum die überwiegende Mehrheit der Waffen ohne solche Markierungen blieb. Zudem haben die Forscher bislang keine eindeutigen Serien identischer Markierungen gefunden, die sich einer bestimmten Person oder Gruppe zuordnen ließen.

Daher bleiben die „Signaturen der Jäger“ eine mögliche, aber unbewiesene Hypothese.

Auch die rituelle Hypothese lässt sich nicht bestätigen

Eine weitere naheliegende Möglichkeit sind symbolische oder magische Zeichen.

Der archäologische Kontext stützt jedoch eine einfache rituelle Interpretation kaum.

In Tepedjik-Çiftlik wurden über 100 Bestattungen entdeckt, darunter Massengräber und ungewöhnlich bearbeitete menschliche Schädel. Allerdings wurde keine der markierten Pfeilspitzen direkt in einer Bestattung gefunden. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch an anderen Fundstätten: Solche Gegenstände konzentrieren sich nicht auf Heiligtümer oder spezielle Bauwerke, sondern kommen inmitten des gewöhnlichen Steininventars vor.

Dies beweist nicht, dass die Markierungen keine symbolische Bedeutung hatten. Ein Gegenstand konnte durchaus gleichzeitig als Waffe dienen und eine persönliche, soziale oder magische Bedeutung tragen.

Es gibt sogar Hinweise auf einen tatsächlichen Einsatz: Eine der markierten Speerspitzen aus Tepejik-Ciftlik weist einen charakteristischen Bruch durch einen Treffer auf, den Archäologen mit der Verwendung als Wurfwaffe in Verbindung bringen. An einer anderen Fundstätte ist ein weiteres ähnliches Exemplar bekannt.

Daher gehen Wissenschaftler davon aus, dass diese Gegenstände Teil der alltäglichen Jagd oder bewaffneter Auseinandersetzungen waren und nicht ausschließlich zeremonielle Objekte darstellten.

Eine seltsame Tradition, die sich über mehr als tausend Jahre hinweg erhalten hat

Das Rätsel wird noch interessanter, wenn man nicht nur eine einzige Fundstätte betrachtet.

Derzeit sind in Zentralanatolien 54 Pfeilspitzen mit Rillen bekannt. Die größte Serie – 31 Exemplare – stammt aus Dschan-Hasan III, weitere fünf wurden in Çatalhöyük gefunden, 12 sind mittlerweile in Tepejik-Çiftlik bekannt, die übrigen stammen aus mehreren anderen Fundorten.

Die frühesten Exemplare stammen noch aus dem 8. Jahrtausend v. Chr., und diese Praxis setzte sich bis ins 7. Jahrtausend fort. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass sie über mehr als tausend Jahre hinweg bestand und dabei erhebliche Veränderungen in der Lebensweise und der materiellen Kultur der Bevölkerung der Region überstanden hat.

Dabei ist außerhalb Zentralanatoliens eine solche neolithische Tradition bislang nicht bekannt.

Und dies ist besonders merkwürdig, da kappadokischer Obsidian enorme Entfernungen zurücklegte – daraus gefertigte Gegenstände gelangten bis in den Südlichen Levante. Doch die auf diese Weise markierten Spitzen verbreiteten sich nicht zusammen mit dem Material.

Dies lässt Forscher vermuten, dass es sich um eine lokale kulturelle Praxis handelte und nicht lediglich um eine bequeme Methode, Obsidian zu verzieren.

Was diese Linien bedeuteten, ist bislang unbekannt

Eine neue Fundreihe lieferte den Wissenschaftlern zwar weitaus mehr Material, brachte sie jedoch paradoxerweise einer eindeutigen Deutung nicht näher.

Die Ritzungen könnten durchaus absichtlich angebracht worden sein. Die Tradition hielt sich lange Zeit. Zwischen mehreren Fundstätten lassen sich gemeinsame Prinzipien erkennen, doch gibt es keinen standardisierten Zeichensatz. Die Spitzen unterscheiden sich weder in ihrer Qualität, ihrem Rohmaterial noch in ihren Funktionen und stehen in keinem Zusammenhang mit bestimmten rituellen Stätten.

Die Autoren lassen daher gleich mehrere Möglichkeiten zu: persönliche Markierungen von Jägern, Gruppensymbole, dekorative Gestaltung, symbolische oder magische Bedeutung – oder eine Kombination mehrerer Funktionen.

Die archäologischen Daten lassen jedoch bislang keine eindeutige Entscheidung zu.

Genau das macht die 54 seltenen Pfeilspitzen so außergewöhnlich: Die Menschen in Zentralanatolien haben über viele Generationen hinweg bewusst Zeit darauf verwendet, Zeichen auf einen kleinen Teil ihrer Waffen anzubringen, doch der Grund für diese Praxis bleibt auch nach neun Jahrtausenden unbekannt.

Quelle

Studie:„Intentional incisions on Neolithic Obsidian arrowheads from Central Anatolia: A techno-functional and iconographic approach“

Autoren: Alice Vinet, Denis Guilbeau.

Zeitschrift: PLOS ONE, 21(7), e0354715.