Der Mythos von den verrückten Künstlern hat sich als eine zu starke Vereinfachung erwiesen

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Stimmt es, dass große Künstler eher an psychischen Störungen leiden?
22:00, 14.01.2026

Kann eine psychische Störung einen Menschen zu einem Genie machen?



Die landläufige Meinung, dass große Künstler und Schriftsteller zwangsläufig an schweren Geisteskrankheiten litten, wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht gestützt.

Zu diesem Schluss kommt die Forscherin und Professorin am University College London, Daisy Fancourt, in einem Artikel für The Conversation.

Die Geschichte der Kunst kennt in der Tat viele tragische Beispiele. Vincent van Gogh litt an einer Psychose, Ballettmeister Wenzel Nijinsky litt an Schizophrenie und die Schriftstellerin Virginia Woolf lebte mit einer bipolaren Störung. Auch in der Neuzeit haben berühmte Künstler öffentlich über solche Diagnosen gesprochen. Diese Fälle haben das Bild des "verrückten kreativen Genies" geprägt.

Wie Fancourt jedoch betont, beweisen einzelne Biografien keinen direkten Zusammenhang zwischen schweren Geisteskrankheiten und kreativen Fähigkeiten. Darüber hinaus ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich künstlerische Tätigkeit im Allgemeinen positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt, das Stressniveau senkt und das allgemeine Wohlbefinden verbessert.

Das Berufsleben von Künstlern und Musikern ist jedoch oft mit psychischen Schwierigkeiten verbunden. Unsichere Einkommen, Konkurrenz, öffentlicher Druck und der Stress des Ruhmes können das Risiko von Angstzuständen, Depressionen und Süchten erhöhen. Studien zeigen auch, dass eine erhöhte Popularität den Fokus einer Person auf sich selbst verstärken kann, was nicht immer gut für die Psyche ist.

Wissenschaftler haben auch mögliche biologische Zusammenhänge zwischen Kreativität und psychischen Störungen untersucht. Einige genetische Variationen, die mit einem erhöhten Psychoserisiko verbunden sind, wurden auch mit unkonventionellem Denken und der Suche nach Neuem in Verbindung gebracht. Die Ergebnisse dieser Studien sind jedoch uneinheitlich und deuten nicht auf einen direkten kausalen Zusammenhang hin.

Auch groß angelegte demografische Daten stützen diesen Mythos nicht. Eine der größten Studien in Schweden, an der mehr als 1,2 Millionen Menschen teilnahmen, ergab, dass Menschen mit Schizophrenie, schweren Depressionen und Angststörungen seltener in kreativen Berufen arbeiten als die Allgemeinbevölkerung. Nur bei bipolaren Störungen war die Wahrscheinlichkeit, in einem kreativen Bereich tätig zu sein, etwas höher.

Ein anderes Ergebnis war noch interessanter: Verwandte von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen - Eltern und Geschwister - wählten eher kreative Berufe. Die Wissenschaftler vermuten, dass sie möglicherweise mildere Eigenschaften aufweisen, wie z.B. eine erhöhte Sensibilität, Offenheit für Erfahrungen oder eine Tendenz, über den Tellerrand zu schauen, ohne eine klinische Störung zu entwickeln.

Unterm Strich, so Fancourt, unterstützt die Wissenschaft nicht die Idee, dass Geisteskrankheiten die Quelle kreativer Genialität sind. Vielmehr vereinfacht dieser Mythos die Realität und kann die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen verstärken.

Den Forschern zufolge ist es viel produktiver, die Kunst als ein Instrument zur Unterstützung der psychischen Gesundheit zu betrachten - sowohl für professionelle Künstler als auch für Menschen, die Kreativität im Alltag nutzen.

Maria Grynevych

Maria Grynevych, Projektmanagerin, Journalistin, Mitautorin des Reiseführers Heilige Berge der Dnjepr-Region, Vortragskurs: Kultische Topographie der mittleren Dnjepr-Region.

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