Der neue Handelspakt zwischen der EU und den USA: Wer gewinnt und wer verliert?

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18:30, 29.07.2025

Ein vorläufiges Handelsabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union wurde am Sonntag auf dem schottischen Golfplatz von US-Präsident Donald Trump abgeschlossen.



POLITICO berichtet über die Details des Abkommens.

Der Zeitung zufolge waren die Bedingungen des Abkommens trotz seiner großen Bedeutung eindeutig nicht zu Gunsten der EU: Die meisten europäischen Waren unterliegen nun einem Zoll von 15%, wenn sie in die USA exportiert werden, und im Gegenzug hat sich Brüssel verpflichtet, amerikanische Energieressourcen zu kaufen und für Rekordsummen in die US-Wirtschaft zu investieren.

Dennoch gab es selbst bei einem für die Europäische Union so ungünstigen Abkommen einige "Gewinner" in der Industrie: Die Automobil-, Luftfahrt- und Halbleiterindustrie in Europa konnte die schlimmsten Folgen vermeiden.

Energie

Als Teil des Abkommens erklärte sich die EU bereit, jährlich US-Öl, Flüssigerdgas und Kernbrennstoffe im Wert von 750 Mrd. Dollar (250 Mrd. Dollar pro Jahr) zu kaufen, was laut der Leiterin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, dazu beitragen wird, die Abhängigkeit Europas von russischen Energieressourcen endlich loszuwerden. Experten sind jedoch skeptisch, ob solche Mengen realisierbar sind: Die Importe aus den USA müssten verdreifacht werden, und die größten Energiegeschäfte hängen eher von privaten Unternehmen als von Beamten ab. Formal gewinnen die US-Exporteure, aber in der Praxis ist eine solche Steigerung der Exporte unwahrscheinlich.

Autoindustrie

Die USA haben die Zölle auf Autos und Autoteile auf ein Basisniveau von 15% gesenkt (ein ähnlicher Zoll wurde zuvor mit Japan vereinbart), und die EU hat ihre 10%igen Zölle auf US-Autoimporte ganz aufgehoben. Die Einzelheiten müssen jedoch noch festgelegt werden: Die EU hat versprochen, an konvergierenden Standards zu arbeiten, einschließlich einer möglichen Anerkennung der US-Autopilot-Vorschriften. Industrieverbände, insbesondere in Deutschland, bezeichnen das Abkommen jedoch als ungünstig: Die Zölle auf Autos aus Mexiko bleiben bei 25 %, und es wird erwartet, dass europäische Hersteller gezwungen sein werden, Werke in die USA zu verlegen, um neue Zölle zu vermeiden, was bis zu 70.000 Arbeitsplätze in der EU kosten könnte.

Luftfahrt

Beide Seiten haben sich auf Nullzölle auf alle Luftfahrtprodukte und -komponenten geeinigt, was für globale Produktionsketten und Luftfahrtunternehmen von entscheidender Bedeutung ist. Die Gefahr neuer "Luftkriege" ist gebannt, und selbst US-Fluggesellschaften, die mit europäischen Flugzeugen fliegen, haben zusätzliche Kosten vermieden.

Pharmazeutika

Hier konnten sich die Parteien nicht auf eine gemeinsame Position einigen: Trump sagte, Pharmazeutika seien nicht Teil des Abkommens, während von der Leyen das Gegenteil behauptete. Im Moment ist der Zollsatz Null, aber Washington erwägt, einen 15-prozentigen Zoll zu erheben, sobald die nationale Sicherheitsuntersuchung (Section 232) abgeschlossen ist. Das größte Risiko besteht für die Hersteller von Generika, insbesondere für Unternehmen mit geringen Gewinnspannen. Irland, ein wichtiges Pharmazentrum, hält die Zugeständnisse der EU für übertrieben.

Technologie und Halbleiter

Die europäische Halbleiterindustrie (z.B. die niederländische ASML) hat die Abschaffung der Zölle auf Chip-Ausrüstung erreicht - ein wichtiger Sieg der EU. Allerdings hat sich die EU verpflichtet, weiterhin US-Chips für künstliche Intelligenz zu kaufen, was die Abhängigkeit der europäischen Technologie von den USA erhöht.

Digitale Regulierung

In diesem Bereich hat die Europäische Kommission ihre Regeln verteidigt: Weder bei den digitalen Dienstleistungen noch bei den Steuern auf IT-Giganten wurden Zugeständnisse gemacht. Es gibt neue EU-Vorschriften (DMA, DSA), die nach Ansicht der US-amerikanischen IT-Lobby die Branche jährlich 97,6 Mrd. Dollar kosten, aber die EU hat dem Druck bisher getrotzt.

Verteidigung

Obwohl Trump von "massiven Käufen" von US-Waffen gesprochen hat, gibt es keine formelle Verpflichtung seitens der EU. Angesichts steigender Militärbudgets und NATO-Aktivitäten könnten die US-Hersteller jedoch in den kommenden Jahren davon profitieren.

Stahl und Aluminium

Die Parteien scheinen zu einem Quotensystem zurückzukehren, das dem der Biden-Ära ähnelt: oberhalb der Quote gibt es einen Zoll von 50%. Die Höhe der Quoten wurde noch nicht festgelegt. Die USA und die EU planen außerdem die Errichtung eines "Stahlvorhangs" gegen Billigprodukte aus China und anderen Ländern. Wenn dies umgesetzt wird, wird vor allem die chinesische Stahlindustrie darunter leiden.

Landwirtschaft und Lebensmittel

Einige landwirtschaftliche Erzeugnisse aus den USA werden bei Exporten nach Europa mit "Null"-Zöllen belegt, allerdings nur sogenannte "nicht empfindliche" Produkte (z.B. Nüsse, Futtermittel, Bison). Für empfindliche Kategorien, einschließlich US-Rindfleisch, gelten weiterhin die bisherigen Sätze. Die Verhandlungen über Spirituosen, Weine und andere Produkte laufen noch.

Investitionen

Die EU hat zugesagt, die Investitionen in die US-Wirtschaft um 600 Milliarden Dollar zu erhöhen, aber diese Klausel ist nach Ansicht von Experten eher symbolischer Natur: Es geht um die Pläne privater Unternehmen, nicht um eine Richtlinie aus Brüssel. Es ist noch unklar, ob diese Mittel der EU-Wirtschaft entzogen werden, was deren Wachstum beeinträchtigen würde, oder ob sie zu zusätzlichen Investitionen werden.

Unterm Strich sind die meisten Sektoren in der EU mit höheren Zöllen und der Notwendigkeit umfangreicher Käufe aus den USA konfrontiert, während nur bestimmte Sektoren - Luftfahrt, Halbleiter und ein Teil der Autoindustrie - davon profitieren. Insgesamt spiegelt das Abkommen eine Asymmetrie wider: Die USA diktieren die Bedingungen, während die EU versucht, die Verluste zu minimieren und Schlüsselsektoren vor dem schlimmsten Fall zu bewahren. Die genauen Einzelheiten des Abkommens und die Verteilung der Vorteile/Verluste werden deutlicher werden, sobald der endgültige Text des Abkommens veröffentlicht ist und seine Umsetzung beginnt.

Maryna Boryspolets
Schreibе über Politik bei SOCPORTAL.INFO

Journalistin und Redakteurin von Nachrichten- und Analysesendungen.

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