Die Geschichte der Seide erwies sich als fast zweitausend Jahre länger

Quelle: CC0 Public Domain

Archäologen haben in Usbekistan drei hervorragend erhaltene Kokons der Hausseidenraupe entdeckt, die etwa viertausend Jahre alt sind. Es handelt sich dabei um die ältesten zuverlässig datierten Kokons, die außerhalb Chinas gefunden wurden.

Der Fund zeigt, dass die Seidenherstellungstechnik fast zweitausend Jahre früher nach Zentralasien gelangte, als Wissenschaftler bisher angenommen hatten. Sollten sich diese Erkenntnisse bestätigen, müsste die Geschichte der Verbreitung der Seidenproduktion und der frühen Verbindungen zwischen Ost- und Zentralasien neu betrachtet werden.

Kokons, die älter sind als die Seidenstraße selbst

Lange Zeit ging man davon aus, dass sich das Wissen über die Seidenherstellung von China aus verbreitete, zeitgleich mit der Entstehung der Großen Seidenstraße in der Han-Dynastie und zur Zeit des Römischen Reiches.

Neue Funde deuten jedoch auf weitaus frühere Kontakte hin.

Bei Ausgrabungen aus der Bronzezeit an der Stätte Sapallitepa im Süden Usbekistans entdeckten Archäologen drei gut erhaltene Seidenraupenkokons. Das trockene Klima ermöglichte es, dass sie fast in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten blieben.

Die Forscher extrahierten Seidenfasern aus den Kokons, führten eine Radiokarbondatierung durch und bestätigten, dass diese von der Hausseidenraupe Bombyx mori stammten – genau jener Art, die im alten China domestiziert wurde.

Das Alter des Fundes wurde auf etwa 2000 v. Chr. datiert, das heißt auf etwa viertausend Jahre.

Es handelt sich nicht nur um Seide, sondern um eine ganze Technologie

Den Autoren der Studie zufolge ist vor allem entscheidend, dass es sich nicht um zufällig mitgebrachten Stoff handelt.

Die Hausseidenraupe kann in der Natur ohne den Menschen nicht überleben. Um Seide zu gewinnen, ist es notwendig, gleichzeitig die Insekten zu züchten, Maulbeerbäume anzubauen und über Kenntnisse in der Pflege der Larven zu verfügen.

Daher zeugen die gefundenen Kokons vom Transfer einer ganzen Technologie und nicht nur vom Handel mit Fertigprodukten.

Es wurden auch weitere Beweise gefunden

Die Kokons waren bei weitem nicht der einzige Fund.

Die Archäologen entdeckten außerdem:

  • Holzkohle aus weißem Maulbeerbaum – dem Hauptnahrungsmittel für die Hausseidenraupe;
  • Reste von Zitrusbäumen;
  • ein zuvor gefundenes Stofffragment, das nach einer für die chinesische Seidenraupenzucht typischen Methode hergestellt wurde.

Nach Ansicht der Forscher ergeben all diese Funde zusammen ein überzeugendes Bild davon, dass es in der Region bereits in der Bronzezeit Seidenraupenzucht gab.

Möglicherweise gelangte die Seidenherstellung auf einem anderen Weg dorthin

Eine weitere unerwartete Schlussfolgerung betrifft den Verbreitungsweg der Technologie.

Die Autoren sind der Ansicht, dass die Seidenproduktion möglicherweise gar nicht über die nördlichen Gebirgswege nach Zentralasien gelangte, die später Teil der Großen Seidenstraße wurden.

Das Vorkommen von Maulbeerbäumen und Zitrusfrüchten könnte auf frühere Verbindungen über den Himalaya und Südasien hindeuten.

Sollte sich diese Hypothese bestätigen, müssten die Vorstellungen über die frühesten Handels- und Kulturkontakte in Eurasien grundlegend überdacht werden.

Warum die Tradition später verschwand

Das Rätselhafteste daran ist, dass das frühe Aufkommen der chinesischen Seidenraupenzucht nicht zur Entstehung einer beständigen lokalen Tradition führte.

Später verbreiteten sich in Südasien andere Seidenarten – Tussar, Eri und Muga –, die nicht von Hausseidenraupen, sondern von anderen Schmetterlingsarten produziert werden.

Warum sich die Technologie rund um Bombyx mori in der Region nicht etablieren konnte, können Wissenschaftler bislang nicht erklären.

Ein weiterer Beleg für frühe Globalisierung

Die Autoren der Studie sind der Ansicht, dass die gefundenen Kokons die wachsende Zahl von Belegen dafür ergänzen, dass die Bewohner Eurasiens bereits lange vor der Entstehung der Großen Seidenstraße einen regen Technologieaustausch betrieben haben.

Zuvor hatten Archäologen bereits die frühe Verbreitung von Weizen, Gerste, Hirse, Haustieren und metallurgischen Technologien zwischen China, Zentral- und Südasien nachgewiesen.

Nun ist auch die Seidenraupenzucht zu dieser Liste hinzugekommen.

Im Grunde handelt es sich um eine neue Form der antiken Globalisierung, die bereits vor viertausend Jahren existierte.

Warum dies wichtig ist

Der Fund liefert erstmals direkte archäologische Beweise dafür, dass die chinesische Technologie zur Zucht der Hausseidenraupe Zentralasien deutlich früher erreichte, als bisher angenommen.

Dies verändert nicht nur die Vorstellungen von der Geschichte der Seide, sondern auch vom Ausmaß der kulturellen und technologischen Verbindungen zwischen den Zivilisationen der Bronzezeit.

Quelle

Studie: „Silkworm cultivation predating the Silk Road in southern Central Asia (2000 v. Chr.)“.

Autoren: Xinying Zhou und Mitautoren.

Zeitschrift: Science Advances.

Jahr: 2026.