Frauen auf Dating-Websites werden mit Hunderten von Nachrichten überschüttet – Wissenschaftler haben eine einfache Lösung gefunden
Vielen kommt diese Situation bekannt vor: Eine Frau meldet sich bei einer Partnerbörse an – und wird schon in den ersten Tagen von einer Flut von Nachrichten überschwemmt. Es ist unmöglich, den Überblick zu behalten, die Erschöpfung macht sich schnell bemerkbar, und es ist einfacher, einfach wieder auszusteigen. Eine neue Studie hat bestätigt: Dies ist keine persönliche Erfahrung, sondern ein systemisches Problem. Und sie hat eine praktikable Lösung vorgeschlagen.
Wissenschaftler aus den USA führten ein Experiment auf einer großen Partnervermittlungsplattform in Indien durch und stellten fest: Ein einfacher Filter, der einschränkt, wer das Profil einer Frau sehen kann, reduzierte den Informationsüberfluss und verbesserte die Qualität der Übereinstimmungen um 72 %. Dabei wurden die Männer davon kaum beeinträchtigt.
Die Arbeit wurde zur Veröffentlichung in der Zeitschrift „Information Systems Research“ angenommen.
Wichtiger Vorbehalt: Die Studie wurde auf einer spezifischen Plattform zur Partnersuche für die Ehe in Indien mit charakteristischen kulturellen Normen durchgeführt. Die Schlussfolgerungen sollten mit Vorsicht auf europäische Apps wie Tinder oder Bumble übertragen werden – der Kontext unterscheidet sich erheblich.
Details
Auf den meisten Dating-Plattformen gibt es deutlich mehr Männer als Frauen. Auf indischen Heiratsportalen – also solchen, auf denen Menschen einen Partner für eine ernsthafte Beziehung und die Ehe suchen – kann das Verhältnis bis zu 90:10 zugunsten der Männer betragen. In einer solchen Situation beginnen Männer, Einladungen massenhaft zu versenden, um einfach ihre Chancen auf eine Antwort zu erhöhen.
Das Ergebnis ist vorhersehbar. Die Studie ergab: Frauen erhielten im Durchschnitt 40 Mal mehr Interessensbekundungen als Männer. In den ersten Tagen nach der Registrierung wurden sie buchstäblich mit Anfragen überschüttet. Es war unmöglich, sich darin zurechtzufinden, und ebenso unmöglich, zu verstehen, wie die Plattform überhaupt funktioniert. Viele gaben einfach auf.
Forscher unter der Leitung von Sabari Rajan Karmegam von der George Mason University (USA) beschlossen, die Idee des „Gender-Gateways“ zu überprüfen. Das Prinzip ist einfach: Die Profile von Frauen werden nur jenen Männern angezeigt, die bestimmte Kriterien erfüllen – hinsichtlich Alter, Bildung und Einkommen. So konnte beispielsweise ein Mann über vierzig keine Profile von Frauen einsehen, die mehr als zehn Jahre jünger oder mehr als ein paar Jahre älter waren als er.
Dabei behielten die Frauen die volle Kontrolle: Sie konnten die Einstellungen nach ihren eigenen Wünschen anpassen. Die Männer konnten den Filter nicht deaktivieren.
Das Experiment wurde in zwei indischen Bundesstaaten mit ähnlichen sozialen und wirtschaftlichen Indikatoren durchgeführt – einer diente als Kontrollgruppe, der andere als Testgruppe. Die Ergebnisse waren überzeugend. Die Frauen in der Testgruppe erhielten 6 % weniger eingehende Anfragen – doch die Qualität der Übereinstimmungen stieg um 72 %. Frauen über 25 Jahre – diejenigen, die altersmäßig besser zu potenziellen Partnern passten – verzeichneten einen Anstieg der Übereinstimmungsqualität um 103 % und schrieben selbst um 113 % häufiger als Erste. Das heißt, sie erhielten nicht nur bessere Vorschläge, sondern zeigten auch aktiver Initiative.
Bei den Männern hatte das Experiment keine wesentlichen Auswirkungen: Ihre Werte verschlechterten sich nicht.
Warum dies wichtig ist
Das in der Studie beschriebene Problem ist weit über Indien hinaus aktuell. Auf den meisten Dating-Plattformen weltweit ist ein ähnliches Ungleichgewicht zu beobachten: Es gibt mehr Männer als Frauen, und die Flut irrelevanter Nachrichten ist enorm. Dies verschlechtert die Erfahrung der Frauen, verringert ihr Engagement und schadet letztendlich der Plattform selbst – denn ohne aktive Frauen verliert sie ihren Wert für alle.
Die Studie zeigt: Das Problem muss nicht unbedingt mit radikalen Maßnahmen gelöst werden. Es reicht ein intelligenter Filter, der den Datenrausch reduziert, ohne die Vielfalt zu beeinträchtigen. Und zwar ein Filter, der den Frauen das Wahlrecht lässt – sie können ihn deaktivieren.
Die Autoren schlagen zudem vor, über den Tellerrand hinauszuschauen. Eine ähnliche Logik könnte auch in anderen Bereichen funktionieren: bei der akademischen Personalauswahl (Filterung von Bewerbern nach dem Profil der Bildungseinrichtung) oder bei Diensten für Jugendliche (Eltern können zusätzliche Einschränkungen für die Konten ihrer Kinder beantragen). Dies sind bereits Ideen für die Zukunft und keine Schlussfolgerungen der Studie – doch sie zeigen, wie universell das Prinzip selbst ist.
Hintergrund
Online-Dating ist längst zu einer der wichtigsten Methoden geworden, um in Europa und weltweit einen Partner zu finden. Studien zufolge beginnt heute ein erheblicher Anteil neuer Beziehungen über Apps und Websites. Doch mit der wachsenden Beliebtheit der Plattformen nimmt auch die Kritik zu: Algorithmen verstärken oft bestehende Ungleichheiten, anstatt sie auszugleichen.
Partnervermittlungsplattformen in Indien stellen einen Sonderfall dar. Es handelt sich nicht einfach um Dating-Websites, sondern um Instrumente zur Suche nach einem Ehepartner, wobei die Familie nicht selten in den Auswahlprozess einbezogen wird. Die kulturellen Erwartungen hinsichtlich Alter, Bildung und Einkommen sind dort weitaus strenger als auf westlichen Plattformen. Genau aus diesem Grund fügte sich der „Gender-Filter“ mit solchen Kriterien nahtlos in den lokalen Kontext ein.
Die Untersuchung von Ungleichgewichten auf bilateralen Plattformen ist ein sich dynamisch entwickelnder Bereich in der Wirtschaft und in Informationssystemen. Die vorliegende Arbeit ist eines der seltenen Beispiele, bei denen die Idee in einem realen Feldversuch überprüft und nicht nur theoretisch modelliert wurde.
Quelle
Sabari Rajan Karmegam, Jui Ramaprasad, Anand Gopal, „Gender Gating? Addressing the Impact of Congestion on the User Experience for Women in Online Matching Platforms“, zur Veröffentlichung in Information Systems Research angenommen.