Gebete, Esel und heilige Brunnen: wie man früher mit obskuren Krankheiten umging
Das Füttern eines Esels mit Brot, um Keuchhusten zu heilen, oder das Einreiben einer Warze mit einer schwarzen Schnecke, die dann auf einen Dorn gesteckt wird, sind nur zwei der Hunderte von erstaunlichen irischen Volksrezepten, die einst als durchaus praktikabel galten.
Forscher der Brunel University London haben ein einzigartiges Archiv von 3.655 volkstümlichen "Heilmitteln" analysiert, das in den 1930er Jahren gesammelt wurde, um eine seit langem bestehende anthropologische Hypothese zu testen: Menschen greifen eher zu religiösen und übernatürlichen Heilmitteln, wenn die Ursache einer Krankheit unklar ist. Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.
Wie ein einzigartiges Archiv von Volksheilmitteln entstand
In den 1930er Jahren wurde in Irland ein groß angelegtes Folkloreprojekt gestartet: Etwa 50.000 Schulkinder wurden gebeten, ihre Eltern, Großeltern und Nachbarn nach der lokalen Geschichte, dem Glauben und den Heilmitteln zu befragen. Die Lehrer trugen die Geschichten in Notizbücher ein, die schließlich eines der detailliertesten Archive der mündlichen Volksmedizin bildeten.
"Es ist eine wahre Fundgrube", sagt der Leiter der Studie, der Psychologe Michal de Barra vom Centre for Culture and Evolution der Brunel University. - "Kinder schreiben die Geschichten älterer Generationen auf, Notizbücher gehen zurück in die Schulen, und seit kurzem ist alles digitalisiert worden.
Je mysteriöser die Krankheit ist, desto mehr "Magie" ist im Spiel
Um Muster zu erkennen, konzentrierten sich die Forscher auf 35 Krankheiten und baten zwei Ärzte zu bewerten, wie verständlich sie für den Durchschnittsmenschen zu dieser Zeit gewesen wären:
offensichtliche Probleme wie Schnittwunden und Verstauchungen wurden als "verständlich" eingestuft;
krankheiten wie Tuberkulose, Warzen oder Epilepsie als eher mysteriös.
Als nächstes verglich das Team, welche Krankheiten am häufigsten mit Gebeten, Ritualen oder Magie "behandelt" wurden.
"Wir fanden heraus, dass Krankheiten mit unklaren Ursachen etwa 50 Prozent häufiger von religiösen oder magischen Verordnungen begleitet wurden", bemerkt die Mitautorin der Studie, die Psychologin Ayana Willard. - "Allerdings standen weder die Schmerzen, die Schwere der Krankheit noch die Komplexität der Behandlung in Zusammenhang mit dem Anteil des 'Übernatürlichen' in der Behandlung."
Ungewöhnliche Rituale waren besonders häufig bei Infektionskrankheiten wie Mumps, Keuchhusten, Hautrost (Erysipel) und Skrofulose (vergrößerte Lymphknoten im Nacken, die oft mit Tuberkulose einhergehen). Für solche Krankheiten gab es keine offensichtliche Ursache und keine klare Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen - und das, so die Forscher, ermutigte die Menschen, eine Lösung in Gebeten und Ritualen zu suchen.
Von heiligen Steinen bis zur "Kraft des siebten Sohnes"
In den gesammelten Rezepten findet sich eine Reihe von Praktiken:
religiös - Gebete über blutenden Wunden, Besuche bei heiligen Brunnen und Steinen;
magisch - zum Beispiel der Rat, ein krankes Kind dreimal unter einen Esel zu legen und ihm Brot zu geben, auf dem das Tier "geatmet" hatte.
Ein anderes Rezept versprach, dass der siebte Sohn einer Familie geheilt werden konnte, wenn man ihm als Säugling einen Wurm in die Hand gab und ihn bis zu seinem Tod hielt.
"Das waren keine zufälligen Traditionen", betont de Barra. - Sie spiegeln den menschlichen Wunsch wider, die eigene Gesundheit irgendwie zu verstehen und zu kontrollieren, wenn es keine wirklichen Antworten gibt."
Warum es auch heute noch wichtig ist
Die Autoren bringen ihre Ergebnisse mit klassischen Arbeiten der Anthropologie in Verbindung, die zeigen, dass Rituale besonders aktiv sind, wenn eine große Unsicherheit herrscht - sei es beim gefährlichen Fischen oder bei riskanten Reisen. Im Falle von Krankheiten, so die Forscher, füllten Glaube und Rituale ein Erklärungsvakuum.
Und obwohl es sich um Rezepte handelt, die fast ein Jahrhundert alt sind, sind die Erkenntnisse nach Ansicht der Wissenschaftler auch heute noch relevant.
"Es ist sehr unbefriedigend, wenn man einfach ohne Lösung dasteht", stellt de Barra fest. - Wenn die offizielle Medizin keine verständliche Antwort oder wirksame Behandlung anbietet, werden die Menschen wahrscheinlich weiter nach etwas suchen, das zumindest psychologisch 'Sinn' für sie macht."
Der nächste Schritt des Teams besteht darin, anhand der originalen Schulakten zu untersuchen, wie sich solche Überzeugungen über die Regionen hinweg verbreiteten: wo einzelne "Heilungen" ihren Ursprung hatten, wie sie sich verbreiteten, wo sie sich durchsetzten und wo sie verschwanden.
"Es ist eine unglaublich reiche Quelle, die noch nicht einmal vollständig erforscht wurde", fasst de Barra zusammen.