Korallen, die als ausgestorben galten, wurden 60 Jahre später lebend vorgefunden
Vor der Westküste Afrikas wurden lebende Korallen entdeckt, deren Existenz seit über 60 Jahren nicht mehr bestätigt werden konnte. Unterwasserkameras zeigten, dass sich in einer Tiefe von 54 Metern ein ganzer Korallengarten erhalten hat, in dessen Nähe Fische fressen und sich verstecken.
Auf ein mögliches Riff vor der Küste Benins wiesen erstmals Untersuchungen aus den Jahren 1963–1964 hin. Damals verfügten die Wissenschaftler noch nicht über moderne Messgeräte und gingen davon aus, dass die Tiefseekorallen höchstwahrscheinlich abgestorben seien.
Die neue Entdeckung bedeutet nicht, dass das untergegangene Ökosystem „wieder zum Leben erwacht“ sei. Den Forschern ist nicht bekannt, in welchem Zustand sich die Korallen in den 1960er Jahren befanden. Möglicherweise war die frühere Einschätzung falsch, und der Korallengarten blieb die ganze Zeit über lebendig.
Details
Die Wissenschaftler griffen auf alte Berichte zurück, die im Rahmen der Suche nach vielversprechenden Fischereigebieten erstellt worden waren. Darin wurden Strukturen erwähnt, die einem Korallenriff ähnelten und sich entlang der Küste Benins im Golf von Guinea erstreckten.
Von April bis Dezember 2025 untersuchten die Forscher den Meeresboden mithilfe eines Seitensichtsonars. Das Gerät sendet Schallsignale aus und ermöglicht es anhand der Art der Reflexion, weiche Bodensedimente von Steinen und anderen festen Objekten zu unterscheiden.
Das Team untersuchte etwa 11,5 Kilometer Meeresboden und entdeckte zwei Bereiche mit ungewöhnlich starken Reflexionssignalen. Bei diesen Abschnitten könnte es sich um felsige Formationen handeln, die für das Wachstum von Korallen geeignet sind.
Anschließend wurden ein Unterwasserfahrzeug und eine Tiefseekamera, die vom Technologielabor von National Geographic zur Verfügung gestellt worden war, zu den vielversprechendsten Stellen geschickt. Die aufgenommenen Bilder ermöglichten es erstmals, den Bereich direkt zu betrachten.
In einer Tiefe von etwa 54 Metern entdeckten die Forscher lebende Korallengemeinschaften. Diese befanden sich in einzelnen Gruppen auf dem felsigen Meeresboden und bildeten keine durchgehende Barriere.
Anhand der Bilder konnten die Wissenschaftler vorläufig mindestens acht verschiedene Korallenarten identifizieren: sechs Arten von Oktokorallen und zwei Gruppen schwarzer Korallen. Oktokorallen verfügen in der Regel über ein flexibleres Skelett als die aus tropischen Fotos bekannten riffbildenden Steinkorallen.
In der Nähe wurden acht Fischarten entdeckt. Darunter befanden sich goldfarbene afrikanische Schnapper, guineische Kaiserfische, westafrikanische Barabuli, dreistreifige Schmetterlingsfische und mehrere Arten von Schwalbenfischen. Die Korallen dienen ihnen als Schutz und als Nahrungsquelle.
Die Autoren bezeichnen das gefundene Ökosystem als mesophotisch. Solche Lebensgemeinschaften befinden sich im Dämmerungsbereich des Ozeans: Sonnenlicht dringt dort zwar noch ein, ist jedoch deutlich schwächer als an der Oberfläche.
Kein Riff, sondern ein Korallengarten
Trotz des Titels der Studie ähnelt das entdeckte Gebiet nicht einem herkömmlichen Korallenriff mit einem mächtigen Kalksteinfundament. Es bestand überwiegend aus Oktokorallen, die in einzelnen Gruppen an geeigneten Stellen des felsigen Meeresbodens wuchsen.
Daher ist es zutreffender, von einem mesophotischen Korallengarten zu sprechen. Die Forscher fanden keine Hinweise darauf, dass es sich um eine zusammenhängende Riffbarriere handelte.
In älteren Dokumenten heißt es, dass sich die vermutete Korallenzone etwa 40 Kilometer entlang der Küste erstrecken könnte. Die neue Expedition untersuchte jedoch nur einen kleinen Teil dieses Gebiets und führte eine begrenzte Anzahl von Aufnahmen durch. Die mögliche Fortsetzung des Korallengartens muss noch entdeckt werden.
Bislang haben die Wissenschaftler zudem noch keine Proben entnommen. Die Korallenarten wurden anhand von Videoaufnahmen bestimmt, weshalb ihre genaue Artenzugehörigkeit im Rahmen der nächsten Expedition bestätigt werden muss.
Auch der allgemeine Zustand des Ökosystems ist noch unbekannt. Das Vorhandensein lebender Korallen und Fische reicht noch nicht aus, um es als vollständig gesund zu bezeichnen: Dazu müssen die Bedeckungsfläche, die Koloniedichte, die Wachstumsraten, das Alter sowie Anzeichen möglicher Schäden gemessen werden.
Warum dies wichtig ist
Dies ist der erste durch Videoaufnahmen belegte Nachweis für die Existenz lebender mesophotischer Korallengemeinschaften vor der Küste Benins. Nach Angaben der Autoren wurden ähnliche Funde bislang auch auf dem Festlandsockel des Golfs von Guinea nicht beschrieben.
Tiefe Korallengärten schaffen einen komplexen Lebensraum in Gebieten, in denen andernfalls ein relativ ebenes Meeresbodenprofil vorherrschen würde. Zwischen den Korallen können sich Fische und Wirbellose verstecken, ernähren und fortpflanzen.
Dabei garantiert die große Tiefe keine Sicherheit. Solche Ökosysteme können durch Fischereigeräte, Rohstoffgewinnung, Verschmutzung, Sedimentablagerungen und Veränderungen der Meerestemperatur bedroht sein.
Ohne eine genaue Karte des Korallengartens ist es schwierig, diesen bei der Planung der Fischerei und anderer Arbeiten auf See zu berücksichtigen. Eine neue Studie liefert erste Daten, die für die weitere Beobachtung und den möglichen Schutz des Gebiets erforderlich sind.
Hintergrund
Flachwasser-Korallenriffe lassen sich relativ einfach mithilfe von Tauchern und Satellitenaufnahmen untersuchen. Mesophotische Lebensgemeinschaften befinden sich in größeren Tiefen, weshalb für ihre Erkundung Sonare, ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge und Spezialkameras erforderlich sind.
Vor der Küste Westafrikas wurden bisher besonders wenige solcher Untersuchungen durchgeführt. Daher bedeutet das Fehlen von Informationen über Korallen nicht zwangsläufig, dass es dort keine gibt. Viele Bereiche des Meeresbodens wurden einfach noch nie mit modernen Methoden untersucht.
Die Geschichte des Fundes vor der Küste Benins verdeutlicht den Wert alter wissenschaftlicher Archive. Selbst kurze Aufzeichnungen von Expeditionen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts können Hinweise darauf geben, wo nach wenig erforschten Ökosystemen gesucht werden sollte.
Die Autoren vermuten, dass es vor der Küste Westafrikas noch weitere, bisher nicht dokumentierte Korallengärten geben könnte. Allerdings lässt sich diese neue Entdeckung noch nicht auf die gesamte Region übertragen: Jeder vermutete Bereich muss vor Ort überprüft werden.
Quelle
Die Studie von Koffi Gérard Frank Zinzindohoué und seinen Kollegen „First evidence of live mesophotic coral reefs on the Benin continental shelf“wurde im Jahr 2026 in der Fachzeitschrift „Frontiers in Marine Science“ veröffentlicht.