Psychologen haben herausgefunden, wie Paare die Ängste des jeweils anderen erraten
Menschen in einer Beziehung glauben oft, genau zu wissen, wovor ihr Partner Angst hat: verlassen oder abgelehnt zu werden, zu abhängig zu sein oder umgekehrt, den eigenen Freiraum zu verlieren.
Eine neue Studie hat gezeigt: In vielen Fällen trifft dies tatsächlich zu. Partner erkennen solche emotionalen Schwachstellen in der Regel mit mäßiger Genauigkeit.
Es gibt jedoch eine Nuance: Menschen neigen oft dazu, die Ängste des anderen etwas zu übertreiben. Sie nehmen ihren Partner als unsicherer, ängstlicher oder verschlossener wahr, als dieser sich selbst beschreibt.
Und das ist nicht immer schlecht. Wenn jemand seinen Partner als ängstlicher und besorgter um den Fortbestand der Beziehung einschätzte, bot er ihm häufiger Unterstützung an: Er sprach von Liebe, zeigte Zärtlichkeit und vermittelte das Gefühl, dass die Beziehung sicher sei.
Die Studie wurde im „Personality and Social Psychology Bulletin“ veröffentlicht.
Details
Die Psychologen untersuchten nicht beliebige Ängste, sondern das, was in der Wissenschaft als Bindung in Beziehungen bezeichnet wird. Einfacher ausgedrückt: Es geht darum, wie sich ein Mensch im Beisein eines engen Partners verhält.
Es gibt zwei häufige Formen der Unsicherheit.
Die erste ist die ängstliche Bindung. Ein solcher Mensch hat möglicherweise Angst, nicht mehr geliebt zu werden, verlassen zu werden oder nicht mehr die erste Wahl zu sein. Er benötigt oft mehr Bestätigungen: „Ich liebe dich“, „Ich bin für dich da“, „Zwischen uns ist alles in Ordnung“.
Die zweite Form ist die vermeidende Bindung. Einem solchen Menschen fällt es möglicherweise schwer, übermäßige Nähe zuzulassen. Er schützt seinen persönlichen Freiraum stärker, verlässt sich mehr auf sich selbst und kann kalt oder distanziert wirken.
An der Studie nahmen zwei Gruppen von Paaren teil. Die erste Gruppe bestand aus 108 jungen Paaren, die im Durchschnitt seit etwa anderthalb Jahren zusammen waren. Die zweite Gruppe umfasste 147 Paare, von denen viele schon deutlich länger zusammen waren. Die Autoren verglichen, wie eine Person sich selbst beschreibt und wie der Partner sie wahrnimmt.
Es stellte sich heraus, dass Partner tatsächlich die Ängstlichkeit und Verschlossenheit des anderen „erkennen“ können. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Gedankenlesen. Vielmehr nehmen Menschen wiederkehrende Signale wahr: Wer bittet häufiger um Liebesbekundungen, wer zieht sich in schwierigen Momenten zurück, wer fürchtet Konflikte, wer vermeidet allzu offene Gespräche.
Dabei war die Wahrnehmung nicht immer zutreffend. Die Wissenschaftler stellten mehrere typische Fehler fest.
Erstens: Menschen nehmen ihren Partner oft als unsicherer wahr, als dieser sich selbst einschätzt.
Zweitens: Ein Mensch kann seine eigenen Ängste auf den Partner übertragen. Wenn er beispielsweise selbst in der Beziehung ängstlich ist, fällt es ihm leichter anzunehmen, dass der Partner ebenfalls ängstlich ist.
Drittens: Menschen sehen ihren Partner manchmal als ihr Gegenteil. Einem ängstlichen Menschen mag der Partner zu kühl erscheinen. Und einem Menschen, der selbst Nähe meidet, mag der Partner zu fordernd und „anhänglich“ erscheinen.
Was sich als besonders interessant herausstellte
Die wichtigste Erkenntnis betrifft die Unterstützung. In der zweiten Studie berichteten die Paare 10 Tage lang mehrmals täglich, wie sie Zärtlichkeit und Fürsorge zeigten: ob sie „Ich liebe dich“ sagten, ihren Partner umarmten oder ihm bei alltäglichen Aufgaben halfen.
Außerdem notierten die Paare, wie sie sich während eines Gesprächs über ein persönliches Problem oder Stress verhielten. Die Wissenschaftler untersuchten, ob der Partner mehr Zuversicht und Unterstützung bot, wenn er den anderen als ängstlich einschätzte.
Das Ergebnis lautete wie folgt: Wenn eine Person ihren Partner als ängstlicher wahrnahm, versuchte sie häufiger, ihn zu beruhigen. Sie zeigte häufiger Liebe, Fürsorge und die Bereitschaft, in der Beziehung zu bleiben.
Das heißt, ein kleiner Wahrnehmungsfehler kann manchmal wie eine Art Absicherung wirken. Man könnte denken: „Für ihn ist es gerade wichtig, zu spüren, dass ich für ihn da bin“ – und wird deshalb aufmerksamer.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es immer sinnvoll ist, die Ängste des Partners zu übertreiben. Wenn man den anderen ständig als schwach, ängstlich oder bestätigungsbedürftig einschätzt, kann dies für beide Seiten ermüdend sein. Die Studie zeigt zwar einen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Unterstützung auf, beweist jedoch nicht, dass jegliche Fehlwahrnehmungen die Beziehung stets verbessern.
Warum dies wichtig ist
In Beziehungen reagieren Menschen nicht nur auf das tatsächliche Verhalten ihres Partners, sondern auch auf ihre eigene Vorstellung davon. Wenn jemand glaubt, dass sein Partner Angst hat, verlassen zu werden, spricht er möglicherweise häufiger über Liebe und Beständigkeit. Wenn er denkt, dass der Partner mehr Freiraum braucht, übt er möglicherweise weniger Druck aus.
Manchmal hilft das. Der Partner hat das Gefühl, verstanden zu werden. Die Beziehung wird ruhiger.
Doch es gibt auch eine Kehrseite. Eine falsche Wahrnehmung kann sich verfestigen. Beispielsweise hält eine Person die andere für „zu ängstlich“ und beginnt, mit ihr wie mit einer zerbrechlichen Person umzugehen. Oder sie kommt im Gegenteil zu dem Schluss, dass der Partner „kalt“ ist, obwohl dieser einfach nur müde ist oder unter Stress steht.
Daher lautet die wichtigste praktische Schlussfolgerung ganz einfach: Die Gefühle des Partners zu erraten, ist hilfreich, doch es ist besser, die Vermutungen im Gespräch zu überprüfen. Nicht „Ich weiß, dass du Angst hast“, sondern „Ich habe den Eindruck, dass du gerade Unterstützung brauchst – habe ich das richtig verstanden?“.
Hintergrund
Die Bindungstheorie wird in der Beziehungspsychologie schon seit Langem angewendet. Sie hilft zu erklären, warum manche Menschen große Angst vor Distanz haben, während andere im Gegenteil vor zu großer Nähe zurückschrecken.
Früher haben Forscher intensiv untersucht, wie sich ängstliche oder vermeidende Bindungsstile auf Beziehungen auswirken. Weniger klar war jedoch ein anderer Aspekt: Inwieweit erkennen Partner diese Merkmale beim anderen und ändern sie aufgrund dessen ihr Verhalten?
Eine neue Studie zeigt, dass es in Paarbeziehungen sowohl korrekte Wahrnehmungen als auch Verzerrungen gleichzeitig gibt. Menschen können ihren Partner zwar recht gut verstehen, ihn aber dennoch durch ihre eigenen Ängste, Erwartungen und vergangenen Erfahrungen betrachten.
Quelle
Studie: Elina R. Sun, Xiangjing Kong, Jason A. Mitala, Jeewon Oh, Brett K. Jakubiak, „Perceiving to Provide: How Partner Attachment Perceptions Inform Reassurance Provision in Romantic Relationships“, Zeitschrift „Personality and Social Psychology Bulletin“, 2026.