Warum „dunkle“ Persönlichkeitsmerkmale dabei helfen können, Stress gelassener zu bewältigen
Bestimmte Charaktereigenschaften, die gemeinhin als unangenehm und gesellschaftlich schädlich angesehen werden, können einen unerwarteten „positiven Nebeneffekt“ haben: Menschen mit solchen Eigenschaften reagieren in Stresssituationen mitunter gelassener.
Eine neue Studie hat gezeigt, dass Studierende mit ausgeprägteren narzisstischen Zügen während eines Stresstests über geringere Angst berichteten, während Teilnehmer mit ausgeprägteren psychopathischen Zügen einen geringeren Anstieg der Herzfrequenz aufwiesen.
Die Studie wurde im „International Journal of Psychophysiology“ veröffentlicht.
Details
Psychologen bezeichnen drei Gruppen von Persönlichkeitsmerkmalen als „dunkle Triade“: Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus. Narzissmus ist mit einem überhöhten Selbstwertgefühl und dem Streben nach Dominanz verbunden. Psychopathische Züge gehen mit emotionaler Kälte, Impulsivität und einer geringeren Sensibilität gegenüber Regeln einher. Machiavellismus ist mit Berechnung und der Neigung verbunden, andere für die eigenen Zwecke zu nutzen.
Im Alltag können solche Merkmale Beziehungen beeinträchtigen: Eine Person kann weniger einfühlsam, manipulativer oder zu sehr auf den eigenen Vorteil fixiert sein. Die Wissenschaftler interessierte jedoch eine andere Frage: Wie reagiert der Körper von Menschen mit solchen Merkmalen auf kurzzeitigen Stress?
An der Studie nahmen 139 Studierende einer großen Forschungsuniversität im Südwesten der USA teil. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer lag bei etwa 19 Jahren. Vor dem Test schlossen die Wissenschaftler Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie diejenigen aus, die Medikamente einnahmen, die den Herzrhythmus beeinflussen.
So verlief das Experiment
Zunächst füllten die Teilnehmer Fragebögen aus, mit denen die Ausprägung der Merkmale der „dunklen Triade“ gemessen wurde. Anschließend saßen sie etwa 10 Minuten lang ruhig da, während die Forscher ihren Puls und ihren Blutdruck im Ruhezustand maßen.
Danach begann der Stressabschnitt. Den Teilnehmern wurde eine Aufgabe zum lauten Rechnen gestellt: Sie sollten 13 von der Zahl 1022 abziehen und dann laut weiterzählen. Wenn jemand einen Fehler machte oder zu langsam antwortete, wurde er gebeten, von vorne zu beginnen. Dabei wurde er von einem Forscher in einem weißen Laborkittel beobachtet – dies verstärkte das Gefühl, bewertet zu werden, sowie den Druck.
Während der Aufgabe wurden bei den Teilnehmern ständig Puls und Blutdruck gemessen. Vor und nach dem Test bewerteten sie zudem, wie stark sie Stress und Angst empfanden.
Was sich herausstellte
Im Durchschnitt löste die Aufgabe tatsächlich Stress aus: Bei den Teilnehmern stiegen Puls und Blutdruck an, und sie gaben an, sich ängstlicher zu fühlen. Die Stärke der Reaktion hing jedoch von den Persönlichkeitsmerkmalen ab.
Personen mit ausgeprägterem Narzissmus berichteten nach der Aufgabe von geringerer Angst. Bei ihnen war auch der Anstieg des mittleren Blutdrucks geringer – ein Wert, der den durchschnittlichen Druck in den Blutgefäßen während des Herzzyklus widerspiegelt.
Teilnehmer mit ausgeprägteren psychopathischen Zügen empfanden die Aufgabe als weniger stressreich und zeigten einen geringeren Anstieg der Herzfrequenz. Machiavellismus ergab im Gegensatz zu den beiden anderen Merkmalen kein ebenso „ruhiges“ Bild: In einem strengeren Modell war er sogar mit einer etwas höheren subjektiven Angst verbunden.
Warum könnte dies so sein?
Eine mögliche Erklärung ist Selbstsicherheit. Eine Person mit ausgeprägten narzisstischen Zügen könnte eine Stresssituation als weniger bedrohlich wahrnehmen, da sie stärker an ihre eigene Überlegenheit oder Kontrolle glaubt.
Im Falle psychopathischer Züge gibt es eine andere mögliche Erklärung: emotionale Kälte und eine geringere Empfindlichkeit gegenüber Bedrohungen. Eine solche Person reagiert möglicherweise weniger stark auf Druck, Bewertung oder eine unangenehme Situation.
Doch dies sind bislang nur Hypothesen. Die Studie belegt nicht, welcher Mechanismus genau hinter der schwächeren Stressreaktion steckt. Die Autoren weisen darauf hin, dass zukünftige Untersuchungen prüfen müssen, ob es sich um echte Stressresilienz oder um eine abgestumpfte emotionale Reaktion handelt.
Warum dies keine „Superkraft“ ist
Eine geringere Stressreaktion ist nicht immer eindeutig positiv zu bewerten. Einerseits kann es für den Organismus von Vorteil sein, wenn Puls und Blutdruck unter Stress weniger stark schwanken. Eine hohe kardiovaskuläre Reaktivität auf Stress gilt langfristig als einer der Risikofaktoren für die Herzgesundheit.
Andererseits kann eine schwache Reaktion nicht mit Resilienz, sondern mit emotionaler Abstumpfung zusammenhängen. Das heißt, eine Person „bewältigt“ Stress nicht unbedingt „besser“ – möglicherweise verarbeitet sie die Bedrohung einfach schlechter oder nimmt deren soziale Bedeutung weniger wahr.
Daher fällt die wichtigste Schlussfolgerung zurückhaltend aus: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale können mit einer ruhigeren physiologischen Reaktion auf einen einzelnen Stresstest im Labor in Verbindung stehen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Merkmale insgesamt von Vorteil sind.
Warum es wichtig ist, Persönlichkeitsmerkmale und Diagnosen nicht zu verwechseln
In dieser Studie geht es nicht um klinische Diagnosen. Die Teilnehmer wurden nicht im medizinischen Sinne als „Narzissten“ oder „Psychopathen“ bezeichnet. Sie erzielten lediglich mehr oder weniger Punkte in einem Fragebogen zu Persönlichkeitsmerkmalen.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Viele Menschen können einzelne narzisstische, kalte oder manipulative Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, doch dies bedeutet nicht, dass eine Persönlichkeitsstörung vorliegt, und liefert keinen Grund für eine Diagnose.
Ebenso wenig rechtfertigt die Studie schädliches Verhalten. Manipulation, Härte oder mangelndes Einfühlungsvermögen können Beziehungen zerstören und anderen schaden, selbst wenn der Körper bei einer bestimmten Stressaufgabe gelassener reagiert.
Einschränkungen der Studie
Die Studie weist einige wichtige Einschränkungen auf. Erstens war die Stichprobe klein: 139 Personen. Zweitens handelte es sich um junge, gesunde Studierende, weshalb die Ergebnisse nicht automatisch auf Menschen anderen Alters, mit chronischen Erkrankungen oder anderen Lebenserfahrungen übertragen werden können.
Drittens handelte es sich um einen laborbedingten und sehr spezifischen Stress: das mündliche Zählen unter Beobachtung. Im realen Leben kann Stress langanhaltend, persönlich, traumatisch oder mit der Arbeit, Krieg, Krankheit, Verlust oder Beziehungen verbunden sein. Die Reaktion in solchen Situationen kann ganz anders ausfallen.
Viertens wurden zur Messung der „dunklen Triade“ kurze Fragebögen verwendet. Diese eignen sich zwar gut für Experimente, geben jedoch nicht alle Nuancen der Persönlichkeit wieder. So kann Narzissmus beispielsweise nicht nur grandios und selbstbewusst sein, sondern auch verletzlich – mit starker Unsicherheit und Abwehrreaktionen.
Warum dies wichtig ist
Die Studie hilft zu verstehen, warum Menschen unterschiedlich auf Stress reagieren. Die einen geraten schnell in Unruhe, ihr Puls und ihr Blutdruck steigen sprunghaft an. Andere bleiben äußerlich und physiologisch ruhiger – doch die Gründe für diese Gelassenheit können unterschiedlich sein.
Für die Psychologie und die Medizin ist dies von Bedeutung, da Stress nicht nur mit Emotionen, sondern auch mit dem Körper zusammenhängt. Wenn Persönlichkeitsmerkmale die kardiovaskuläre Reaktion beeinflussen, kann dies zu einem besseren Verständnis individueller Gesundheitsrisiken und unterschiedlicher Strategien zur Stressbewältigung beitragen.
Dies ist jedoch weder ein praktischer Ratschlag noch eine Anleitung zur „Entwicklung dunkler Persönlichkeitsmerkmale“. Vielmehr handelt es sich um eine Erinnerung daran, dass selbst unangenehme Persönlichkeitsmerkmale komplexe biologische Zusammenhänge aufweisen können, die sich nicht mit einem einzigen Begriff wie „gut“ oder „schlecht“ beschreiben lassen.
Quelle
Studie: Adam O’Riordan, Tyler L. Minnigh, Aisling M. Costello, „Examining the association between the dark triad personality traits and cardiovascular reactivity to acute psychological stress“, International Journal of Psychophysiology, 2026.