Was Affirmationen wirklich bewirken - die Analyse eines Psychologen
Psychologe: Positive Affirmationen können das Selbstwertgefühl stärken, aber die Wirkung ist gering und nicht für jeden geeignet
Positive Affirmationen - Phrasen wie "Ich bin würdig" oder "Ich wähle das Glück" - sind in sozialen Netzwerken und Selbstentwicklungs-Apps zum gängigen Inhalt geworden. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch: Affirmationen können nur in bestimmten Situationen nützlich sein und manchmal sogar das Gegenteil bewirken. Darüber schreibt ein Psychologe in der Zeitschrift The Conversation.
Wie in dem Artikel erklärt wird, basiert die Idee auf der Theorie der Selbstbestätigung (Self-Affirmation), die von dem Psychologen Claude Steele Ende der 1980er Jahre vorgeschlagen wurde. Die Idee ist, dass es für Menschen wichtig ist, sich "gut genug" und wertgeschätzt zu fühlen, und dass stressige Ereignisse - Fehler, Misserfolge, Trennungen - dieses Gefühl untergraben und Selbstkritik, Angst und Depression verstärken können.
Was sagt die Faktenlage? Der Autor zitiert eine Studie aus dem Jahr 2025, in der die Ergebnisse von 67 Studien zusammengefasst wurden: Die Teilnehmer schrieben entweder Affirmationen auf oder wiederholten sie laut. Die Schlussfolgerung lautet, dass es eine Auswirkung auf das Selbstbild und das Gefühl der Verbundenheit mit anderen gibt, die jedoch gering ist. In separaten Studien wurden Affirmationen mit der Stärkung des Selbstwertgefühls bei Nutzern sozialer Medien und der Verbesserung des Wohlbefindens bei Studenten in Verbindung gebracht.
Allerdings gibt es einen wichtigen Vorbehalt: "harte Positivität" ist nicht für jeden geeignet. In einer berühmten Studie aus dem Jahr 2009 fanden Forscher heraus, dass die Wiederholung eines Satzes wie "Ich bin ein Lieblingsmensch" die Stimmung von Menschen mit hohem Selbstwertgefühl verbessert, bei Menschen mit geringem Selbstwertgefühl jedoch zu einer Verschlechterung der Stimmung führen kann. Spätere Versuche, den Effekt zu wiederholen, ergaben gemischte Ergebnisse - die Frage, "wem genau es hilft", bleibt also offen.
Ein weiteres Risiko ist die toxische Positivität, wenn unangenehme Emotionen beginnen, sich selbst und anderen zu "verbieten": sagen wir, man muss nur gut denken. Nach Ansicht des Autors kann diese Einstellung Schuld- und Schamgefühle verstärken, wenn "es nicht klappt, positiv zu sein", und die Wahrscheinlichkeit verringern, Hilfe zu suchen. Ein weiteres Risiko ist die Angewohnheit, das Problem mit Schlagwörtern zu "dämpfen", wo eine echte Einschätzung der Situation erforderlich ist (z.B. in einer unsicheren Beziehung).
Anstatt endlos "leichte" Phrasen zu wiederholen, schlägt der Psychologe zuverlässigere Ansätze vor: Selbstmitgefühl (sich selbst zu sagen "es ist schwer für mich, und das ist normal", so wie Sie einen Freund unterstützen würden) und Distanz zu den Emotionen - zum Beispiel, indem Sie von sich selbst in der dritten Person sprechen, was dazu beiträgt, weniger mit der Erfahrung zu "verschmelzen" und sie gelassener zu erleben.
Fazit: Affirmationen sind kein universelles Werkzeug. Wenn sie funktionieren, dann am besten, wenn sie realistisch klingen, komplexe Gefühle nicht auslöschen und durch flexiblere Fähigkeiten zur Selbstunterstützung ergänzt werden.