Was ist Selbstsabotage und warum manche Menschen es vorziehen, im Voraus zu scheitern
Eine Party am Vorabend einer wichtigen Prüfung, die Vorbereitung auf einen Bericht im letzten Moment oder das Laufen in einem schweren Anzug - all dies sind Beispiele für ein Verhalten, das Psychologen als Self-Handicapping bezeichnen: Eine Person schafft sich selbst Hindernisse, um im Falle eines Misserfolgs im Voraus eine Entschuldigung zu haben oder, im Gegenteil, um im Falle eines Erfolgs noch kompetenter zu wirken.
"Es ist ein sehr verbreitetes Phänomen", sagt Yang Xiang, Psychologiestudent an der Harvard University. - Es gibt jahrzehntelange Untersuchungen, die dieses Verhalten beschreiben."
In der Vergangenheit wurde die Selbstsabotage häufiger mit Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung gebracht - wie der Neigung, Misserfolge zu vermeiden. Eine neue Harvard-Studie vertritt eine andere Auffassung: Unter bestimmten Umständen kann es sich um eine rationale soziale Strategie handeln. Die Studie wurde in der Zeitschrift Cognition veröffentlicht.
Ein mathematisches Modell der Selbstsabotage
Xiang und ihre Kollegen entwickelten ein formales, mathematisches Modell - die "Signaltheorie der Selbstsabotage". Sie beschreibt
wann es für eine Person von Vorteil ist, sich selbst zu sabotieren,
und wie dies die Beurteilung ihrer Kompetenz durch andere beeinflusst.
Im Grunde genommen ist Selbstsabotage ein Versuch, damit zu "spielen", wie andere über unsere Fähigkeiten urteilen:
wenn eine Person trotz ihres Handicaps erfolgreich ist, sieht sie noch kompetenter aus ("sieh nur, wie gut er das gemacht hat, obwohl er sich so sehr behindert hat");
wenn er versagt, kann die Verantwortung auf äußere Faktoren geschoben werden ("Ich hätte es besser gemacht, wenn ich nicht...").
"Wir sagen, dass es unabhängig vom Persönlichkeitstyp durchaus rational sein kann", erklärt Xiang. - Wir können vorhersagen, wann eine Person diese Strategie wählen wird und wann nicht."
Wie die Experimente aufgebaut sind
Die Forscher führten zwei Online-Experimente durch, die wie ein Fernsehquiz gestaltet waren:
Runde 1.
200 Teilnehmer sahen "Spielern" zu, denen jeweils 20 Fragen gestellt wurden.
Um zu "bestehen", mussten sie mindestens 8 beantworten.
Einige wurden nach allen 20 Fragen beurteilt, andere nur nach 10 zufälligen Fragen.
Runde 2.
Die Teilnehmer wurden selbst zu Spielern.
Ihnen wurde angeboten, im Voraus zu wählen:
ob sie für alle Antworten bewertet werden sollten oder
nur auf eine zufällige Hälfte (d.h., um die Aussagekraft der Bewertung absichtlich zu "verschlechtern" - das ist das Modell des Self-Handicapping).
Runde 3.
Den Teilnehmern wurden erneut die Spieler aus der ersten Runde gezeigt.
Jetzt wussten sie, ob der Spieler sich selbst sabotiert hatte (eine unvollständige Punktzahl gewählt hatte) und ob er die Schwelle überschritten hatte.
Die genaue Punktzahl wurde nicht mitgeteilt, sondern nur die Tatsache, ob der Spieler bestanden hat oder nicht und ob er sich selbst sabotiert hat.
Was wir gefunden haben
Das Modell und die Experimente haben gezeigt:
Selbstmanipulation wird am häufigsten von Personen gewählt, die entweder eine sehr hohe oder eine sehr niedrige Erfolgschance haben.
Ein Beobachter, der Selbstmanipulation sieht, neigt dazu zu denken:
die Person ist entweder sehr kompetent
oder sehr schwach.
Wenn jemand jedoch kein Self-Handicapping betreibt, ist er wahrscheinlich "durchschnittlich".
Selbsthandicapper, die die Schwelle überschritten, erhielten die höchsten Kompetenzwerte.
Wenn ein Teilnehmer bei einer Aufgabe versagte, sich aber auch selbst sabotierte, wurde er von den Beobachtern nachsichtiger bewertet als jemand, der ohne "Entschuldigung" versagte.
Wenn die Teilnehmer die Selbstsabotage-Strategie jedoch selbst als Spieler ausprobierten, bewerteten sie andere, die sich in ähnlicher Weise "eingerichtet" hatten und am Ende scheiterten, strenger.
"Menschen, die sich selbst sabotiert haben, bemerken die gleichen Techniken eher bei anderen und nehmen sie als absichtlich wahr", stellt Xiang fest.
Die Gefahr für das Lernen - und mögliche Lösungen
In der Vergangenheit haben zahlreiche Studien Selbstüberlistung mit folgenden Faktoren in Verbindung gebracht:
geringerer Motivation,
geringerem Selbstwertgefühl,
schlechtere akademische Leistungen im Laufe der Zeit.
Die neue Arbeit fügt ein wichtiges Detail hinzu:
In einem Experiment wurden die Teilnehmer aufgefordert, den Eindruck ihrer Kompetenz zu maximieren - Selbstmanipulation wurde häufig eingesetzt.
In einem anderen - Maximierung des Erfolgs - wurde Selbstmanipulation weniger häufig angewandt, aber immer noch häufiger bei denjenigen, deren Kompetenz sehr hoch oder sehr niedrig war.
Fazit: Ein Fokus auf "Erfolg" allein reicht nicht aus, um Selbstsabotage zu beseitigen.
Die Forscher schlagen vor:
betonen Sie das Lernen und den Fortschritt, anstatt Vergleiche und Bewertungen anzustellen;
die Aufgaben auf das Niveau des Schülers zuzuschneiden, so dass die Aufgaben handhabbar, aber nicht zu leicht sind - dann wird die Motivation, sich zu "entschuldigen", geringer;
im Bildungsbereich den Schwerpunkt von "Versagen" und "Bewertung" auf den Entwicklungsprozess verlagern.
"Wir hoffen, dass wir durch die Formalisierung der kognitiven Mechanismen dieses Verhaltens Vorschläge machen können, wie man die schädliche akademische Selbstbeschränkung reduzieren kann", schließt Xiang.