Wie der Krieg die Identitäten von Ukrainern und Russen in den USA "neu formatiert" hat
Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur Auswirkungen auf die Weltpolitik und die Wirtschaft, sondern auch auf die Identität der Bürger der verschiedenen Länder.
Eine neue Studie, die auf den Daten einer großen Bundesbevölkerungserhebung (ACS) basiert, zeigt: Nach dem Ausbruch eines umfassenden Krieges begannen Amerikaner ukrainischer Abstammung, ihre nationale Identität stärker zu betonen, während sich Amerikaner russischer Abstammung im Gegenteil seltener als Russen bezeichneten.
Der Analyse zufolge stieg die Zahl der (in den USA geborenen) "Ukrainer" nach 2021 um etwa 18,9 Prozent, während die Zahl der "Russen" um 6,8 Prozent sank.
Gleichzeitig ist festzustellen, dass keine wirtschaftlichen Gründe für diese Veränderungen gefunden wurden: die Arbeit und die Gehälter der Vertreter beider Gruppen blieben ähnlich. Das bedeutet, dass die Veränderungen nicht mit der materiellen Situation zusammenhängen, sondern mit neuen Werten und der Reaktion auf die politische Situation.
Die wichtigsten Ergebnisse
Wachsende ukrainische Identität: Die ukrainischen Amerikaner haben sich aktiver auf ihre Wurzeln berufen. Der Anteil der in den USA Geborenen, die sich als Ukrainer bezeichnen, stieg um ~18,9% (von 0,38% auf 0,47% der Befragten). Viele begannen, zu Hause Ukrainisch zu sprechen - im Jahr 2022 gaben etwa 42% der ukrainischen Einwanderer an, zu Hause Ukrainisch zu sprechen, gegenüber 35,6% ein Jahr zuvor. Die Forscher führen diese Verschiebung auf den "Verschiebungseffekt" zurück: Nach dem Beginn der umfassenden Invasion wurde es für viele Menschen inakzeptabel, Russisch zu sprechen, und sie wechselten zum Ukrainischen.
Abnehmende russische Identität: Gleichzeitig bezeichnen sich russischstämmige Amerikaner immer seltener als "Russen". Nach 2021 sank die Zahl der in den USA geborenen Russen um etwa 6,8% (die Daten für 2022 lagen unter den Prognosen). Dieser Trend macht sich besonders in ländlichen Gebieten und Kleinstädten bemerkbar: Hier ging der Anteil der "Russen" stark zurück (2022 um fast 25,7 Prozent). Unter den russischen Einwanderern setzte sich die bereits früher begonnene Assimilierung fort - 2022 sprachen nur noch etwa 71,5 Prozent von ihnen zu Hause Russisch (gegenüber 85,3 Prozent im Jahr 2012), während der Anteil der englischsprachigen Haushalte auf 28,5 Prozent anstieg.
Fehlende wirtschaftliche Gründe: Die Forscher fanden keine Hinweise auf eine ernsthafte Diskriminierung oder eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen für irgendeine Gruppe aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Das Beschäftigungs- und Lohnniveau von Ukrainern und Russen in den USA blieb in etwa gleich. Dies deutet darauf hin, dass die Wurzeln des Wandels eher im sozio-politischen Kontext und in den persönlichen Werten liegen als in der Wirtschaft.
Veränderungen im sprachlichen Verhalten
Die Untersuchung der Daten zeigte deutliche Veränderungen in der Sprache, die von diesen Einwanderergruppen zu Hause gesprochen wird.
DieZuwanderer aus der Ukraine haben nach 2022 merklich zum Ukrainischen "gewechselt": Während 2021 nur 35,6 Prozent der zugewanderten Ukrainer zu Hause Ukrainisch sprachen, waren es 2022 bereits 42,1 Prozent. In der Tat ist Ukrainisch zur häufigsten Sprache in diesen Familien geworden, während die Rolle des Russischen abgenommen hat.
DieEinwanderer aus Russland hingegen setzten die vor dem Krieg begonnene Assimilation fort: Der Anteil der russischsprachigen Bevölkerung sank von 85,3% im Jahr 2012 auf 71,5% im Jahr 2022, während der Anteil der englischsprachigen Bevölkerung auf 28,5% anstieg. In den Jahren 2021-2022 sank der Anteil der "Russischsprachigen" unter den Ex-Russen um weitere 3,7 Prozentpunkte. - Der englischsprachige Anteil hat sich fast verdoppelt. Die russischsprachigen Migranten wechseln also selbstbewusst zum Englischen, aber es gibt keinen direkten "Rollback"-Effekt des Krieges (wie bei den Ukrainern) in ihrem Sprachverhalten.
Politische und demographische Faktoren
Die Studie ergab, dass sowohl die soziodemografischen als auch die politischen Bedingungen den Identitätswechsel beeinflussen:
Politische Einstellungen: In "roten" (republikanischen) Bezirken war die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ukrainer nach 2021 als Ukrainer bezeichneten, geringer als in "blauen" (demokratischen) Bezirken. Einfach ausgedrückt: Je mehr republikanische Stimmen in einem Bezirk, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, eine ukrainische Identität zu zeigen.
Alter und Bildung: Es waren die ältere Generation (65+) und Menschen mit höherer Bildung, die stärker auf die Ereignisse reagierten. Sie "wechselten" eher zu einer ukrainischen Identität, nachdem die Invasion des Krieges in vollem Umfang begonnen hatte. Die Forscher interpretieren dies folgendermaßen: Die Älteren und Gebildeten haben eine stärkere emotionale Bindung an die historische Heimat.
Wohnort: Bei Bewohnern von Kleinstädten und ländlichen Gebieten war ein besonders starker Rückgang der "russischen" Identität zu verzeichnen. In den Jahren zuvor war der Rückgang in den Provinzen milder ausgefallen, aber das Ausmaß des Krieges zwang diese Gemeinden, den Trend aufzuholen: Nach 2022 gaben sie die russische Identität fast ebenso aktiv auf wie die Bewohner der Großstädte.
Der Krieg stimulierte also die Revision der ethnischen Grenzen auf ungleiche Weise: Das politische Umfeld und die demografischen Merkmale verstärkten oder schwächten die Veränderungen.
Nach Ansicht der Autoren der Studie wurde der Krieg in der Ukraine zu einem echten "Katalysator" für Veränderungen der ethnischen Identität in der amerikanischen Diaspora.
Amerikaner ukrainischer Herkunft stärkten ihre Identität nach dem Beginn des Konflikts - sie wechselten zu Hause zur ukrainischen Sprache und bezeichneten sich häufiger als Ukrainer, während Amerikaner russischer Herkunft sich von der russischen Selbstbezeichnung entfernten.