Wissenschaftler haben einen wissenschaftlichen Mythos entlarvt, der mehr als hundert Jahre alt war

Früher wurde die Helligkeit des Leuchtens eines Glühwürmchens gemessen, indem man sie mit der einer Kerze verglich. Bildnachweis: David Silver.

Manchmal halten sich wissenschaftliche Irrtümer erstaunlich lange. Einer davon hielt sich über hundert Jahre lang und schaffte es, weltweit in Lehrbücher und wissenschaftliche Artikel Einzug zu halten.

Eine neue Studie hat gezeigt, dass die allgemein akzeptierte Einschätzung der Leuchtkraft von Glühwürmchen stark überhöht war. Alles begann mit einem Experiment aus dem Jahr 1912; anschließend wurde das fehlerhafte Ergebnis jahrzehntelang einfach übernommen und in neue Maßeinheiten umgerechnet, doch fast niemand überprüfte die Ausgangsdaten erneut.

Die Arbeit wurde im American Journal of Physics veröffentlicht.

Wie der Fehler entstand

Im Jahr 1912 unternahm der amerikanische Physiker William Koblenz erstmals den Versuch, die Helligkeit der Leuchtfeuer von Glühwürmchen zu messen.

Dazu verglich er ihr Leuchten … mit dem einer Kerze. Zu jener Zeit war dies eine durchaus zeitgemäße Methode.

Später wurden die Ergebnisse wiederholt in neue, genauere Maßeinheiten für Licht umgerechnet. Im Laufe der Zeit etablierte sich in der wissenschaftlichen Literatur der Wert, wonach ein Glühwürmchen etwa ein Milliwatt sichtbares Licht ausstrahlt.

Diese Zahl wurde über hundert Jahre lang kaum in Frage gestellt.

Ein Wissenschaftler beschloss, alles noch einmal zu überprüfen

Der Physiker David Silver hat die Helligkeit der Glühwürmchen gleich auf vier unabhängige Arten neu bewertet.

Er berechnete, wie viele Photonen im Verlauf der biochemischen Leuchtreaktion entstehen können, maß die Helligkeit wildlebender Glühwürmchen mit einem modernen Luxmeter, untersuchte die Originalveröffentlichung aus dem Jahr 1912 eingehend und analysierte spätere Studien erneut.

Alle Methoden führten praktisch zum gleichen Ergebnis.

Die Glühwürmchen erwiesen sich als weitaus schwächer leuchtend

Es stellte sich heraus, dass die klassische Schätzung um das 100- bis 10.000-Fache zu hoch angesetzt war.

Nach Berechnungen des Autors senden Glühwürmchen pro Lichtblitz etwa 100 Millionen bis 100 Milliarden Photonen aus, während der etablierte Wert 10–100 Billionen Photonen entsprach.

Mit anderen Worten: Die Insekten leuchten deutlich schwächer, als jahrzehntelang angenommen wurde.

Warum dies wichtig ist

Auf den ersten Blick scheint es sich lediglich um eine Präzisierung der Zahlen zu handeln.

Die Studie verdeutlicht jedoch ein wesentlicheres Problem.

Manchmal haben sich alte wissenschaftliche Daten so fest in Lehrbüchern und Artikeln etabliert, dass sie als unumstößliche Tatsache wahrgenommen werden. Dabei werden die ursprünglichen Messungen möglicherweise lange Zeit von niemandem überprüft.

Nach Angaben des Autors der Studie ist die Geschichte mit den Glühwürmchen ein gutes Beispiel dafür, warum selbst allgemein anerkannte wissenschaftliche Werte von Zeit zu Zeit überprüft werden sollten.

Was ändert sich dadurch?

Für Biologen bedeutet diese Entdeckung, dass die Balzsignale von Glühwürmchen deutlich schwächer sein könnten als bisher angenommen. Dies wird dazu beitragen, ihr Verhalten und ihre Sehfähigkeiten genauer zu untersuchen.

Die wichtigste Schlussfolgerung betrifft jedoch nicht nur Glühwürmchen.

Die Studie erinnert daran: Die Wissenschaft hinterfragt sich ständig selbst, und selbst Daten, die jahrzehntelang als richtig galten, erfordern manchmal eine neue Betrachtungsweise.

Hintergrund

Glühwürmchen leuchten dank einer chemischen Reaktion zwischen der Substanz Luciferin und dem Enzym Luciferase. Dies ist eines der bekanntesten Beispiele für Biolumineszenz in der Natur.

Die absolute Helligkeit ihrer Lichtblitze wurde erstmals im Jahr 1912 gemessen. Seitdem wurde diese ursprüngliche Schätzung vielfach zitiert und in moderne Maßeinheiten umgerechnet, ohne dass sie nennenswert überprüft wurde.

Quelle

David H. Silver. How bright is a firefly? Resolving a century of overestimation. American Journal of Physics (2026).