Wissenschaftler haben erklärt, wie das Gedächtnis die Persönlichkeit eines Menschen prägt
Das Gedächtnis spielt eine Schlüsselrolle dabei, wer wir uns fühlen, aber es ist viel komplexer aufgebaut, als man gemeinhin annimmt.
Die moderne Forschung zeigt: Verschiedene Gedächtnistypen prägen die Persönlichkeit, die Selbstwahrnehmung und die Lebenserfahrungen auf unterschiedliche Weise
Viele Menschen denken, sie hätten ein "schlechtes Gedächtnis", wenn sie sich nicht an die Handlung eines Films oder den Kuchen auf einer früheren Geburtstagsfeier erinnern können. Gleichzeitig haben dieselben Menschen keine Schwierigkeiten, abstrakte Fakten wiederzugeben - zum Beispiel die Temperatur der Sonnenoberfläche. Das liegt daran, dass das menschliche Gedächtnis heterogen ist und aus mehreren Systemen besteht, schreibt The Conversation.
Psychologen unterscheiden zwischen dem deklarativen und dem nicht-deklarativen Gedächtnis. Das nicht-deklarative Gedächtnis ist für Fähigkeiten und Gewohnheiten verantwortlich - zum Beispiel für die Fähigkeit zu tippen oder Fahrrad zu fahren - und erfordert keine bewusste Anstrengung. Das deklarative Gedächtnis hingegen befasst sich mit dem, was wir sinnvollerweise abrufen können: unseren Namen, das aktuelle Jahr oder den Inhalt des Kühlschranks.
Das deklarative Gedächtnis wird in zwei Haupttypen unterteilt - das semantische Gedächtnis und das episodische Gedächtnis. Das semantische Gedächtnis speichert allgemeines Wissen über die Welt: zum Beispiel, dass Katzen zu den Säugetieren gehören. Das episodische Gedächtnis bezieht sich auf persönliche Erfahrungen und umfasst den Kontext von 'was', 'wo' und 'wann'. Es ist dasjenige, das es ermöglicht, Ereignisse im eigenen Leben mental wieder aufleben zu lassen und ein Gefühl der persönlichen Beteiligung an der Vergangenheit zu schaffen.
Studien an Patienten mit Amnesie in der Mitte des 20. Jahrhunderts halfen den Wissenschaftlern, zwischen diesen Systemen klar zu unterscheiden. Menschen mit einer Schädigung bestimmter Hirnregionen konnten die Erinnerung an ihr eigenes Leben verlieren, behielten aber ein umfangreiches Wissen über die Welt. Im umgekehrten Fall - bei der semantischen Demenz - leidet das allgemeine Wissen, während die persönlichen Erinnerungen relativ intakt bleiben können.
Auch das Alter wirkt sich auf die Gedächtnisleistung aus. Bei Kindern entwickelt sich das semantische Gedächtnis früher, während das episodische Gedächtnis langsamer gebildet wird und in der Regel erst im Alter von 3-4 Jahren voll ausgeprägt ist. Das erklärt, warum die meisten Menschen fast keine Erinnerungen an die frühe Kindheit haben. Im Alter verschlechtert sich das episodische Gedächtnis dagegen schneller als das semantische Gedächtnis - insbesondere bei Demenz.
Neuroimaging-Studien zeigen, dass beide Arten des Gedächtnisses überlappende Bereiche des Gehirns betreffen. Immer mehr Wissenschaftler sind der Meinung, dass das semantische und das episodische Gedächtnis nicht als getrennte Systeme betrachtet werden sollten, sondern als ein Kontinuum. Im wirklichen Leben interagieren sie ständig.
Ein gutes Beispiel dafür ist das autobiografische Gedächtnis. Wenn jemand denkt, er oder sie sei ein "guter Schwimmer", scheint dies eine abstrakte Tatsache zu sein. Dahinter verbergen sich jedoch fast immer konkrete Erinnerungen an persönliche Erfahrungen. Im Laufe der Zeit werden solche Episoden zu stabilen Repräsentationen des Selbst "verdichtet" - ein Prozess, der als Semantisierung bekannt ist.
Letztendlich ist das Gedächtnis nicht nur ein Archiv der Vergangenheit, sondern ein aktiver Mechanismus, der ständig Erfahrungen recycelt und unsere Identität formt. Die Art und Weise, wie wir uns erinnern, wirkt sich direkt darauf aus, wer wir glauben zu sein.