Wissenschaftler haben herausgefunden, wie die ersten Seefahrer die Inseln des Pazifiks besiedelten

Diese Illustration basiert auf Motiven des fidschianischen und des allgemein ozeanischen Designs: Traditionelle Symbole werden mit Elementen kombiniert, die aktuelle Forschungsergebnisse zur Rekonstruktion der Geschichte der Völker des Pazifiks widerspiegeln. Quelle: Werk von Josua Toganivalu, Suva, Fidschi.

Anhand alter DNA konnten Wissenschaftler eine der größten Migrationsbewegungen in der Geschichte der Menschheit rekonstruieren – die Besiedlung abgelegener Inseln im Pazifik. Die Analyse der Überreste von 72 Menschen, die in den letzten 3.000 Jahren gelebt haben, ergab, dass die ersten Seefahrer Vanuatu, Fidschi und Tonga überraschend schnell erreichten. Die nächste große Bevölkerungswelle benötigte jedoch noch Hunderte von Jahren, um einen ähnlichen Weg zurückzulegen. Den Forschern gelang es zudem, die ersten alten Genome von Menschen aus Fidschi zu gewinnen und die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb einer Gemeinschaft über fünf Generationen hinweg nachzuvollziehen.

Die Besiedlung von Ozeanien war eine der beeindruckendsten Phasen der menschlichen Ausbreitung.

Vor etwa 5.000 Jahren begannen Gruppen von Menschen, die in ihrer Herkunft mit der Bevölkerung Ost- und Südostasiens verbunden waren, sich über die Inseln auszubreiten. Vor etwa 3.000 Jahren hatten Seefahrer bereits die zuvor unbewohnten Inselgruppen Vanuatu, Fidschi und Tonga erreicht.

Dazu mussten sie ausgedehnte Abschnitte des offenen Ozeans überqueren – eine Aufgabe, die fortgeschrittene Seefahrttechniken und Navigationsfähigkeiten erforderte. Frühere genetische und archäologische Untersuchungen hatten ebenfalls gezeigt, dass die ursprüngliche Ausbreitung nach Ozeanien sehr schnell erfolgte und dass die frühen Bewohner von Vanuatu und Tonga praktisch keine papuanische genetische Komponente aufwiesen.

Die neue Studie zeigt jedoch, dass diese erste Migration nur der Anfang war.

Details

Ein internationales Forscherteam hat neue Genomdaten aus den Skelettresten von 72 prähistorischen Menschen gewonnen, die einen Zeitraum von etwa drei Jahrtausenden der Geschichte des westlichen Teils von Ozeanien abdecken.

Von besonderer Bedeutung waren die Proben aus Fidschi – bislang lagen praktisch keine alten menschlichen Genome aus dieser Region vor.

Das genetische Bild zeigte zwei große Besiedlungswellen.

Die erste stand vorwiegend im Zusammenhang mit einer Bevölkerung, deren Herkunft mit den Gruppen Ost- und Südostasiens verwandt war. Genau diese Ausbreitung erreichte rasch Vanuatu, Fidschi und Tonga.

Später tauchte auf den Inseln eine weitere genetische Komponente auf – eine, die mit der Bevölkerung Neuguineas und Ozeaniens in Verbindung stand.

Und diese breitete sich auf ganz andere Weise aus.

Genetischen Daten zufolge war die mit den papuanischen Bevölkerungsgruppen verbundene Abstammung bereits vor etwa 2.700 Jahren auf Vanuatu präsent.

Auf den östlich von Fidschi gelegenen Inseln tauchte sie jedoch erst etwa 500 Jahre später auf.

Mit anderen Worten: Die erste große Ausbreitung erfolgte in diesem Teil des Pazifiks vergleichsweise schnell, während sich die nachfolgende Welle deutlich langsamer ausbreitete.

Frühere Untersuchungen an alter DNA hatten bereits gezeigt, dass die papuanische Komponente nach der ursprünglichen Besiedlung nach Ozeanien vordrang und sich durch nachfolgende Migrationen und Bevölkerungsvermischungen ausbreitete. Die neuen Daten ermöglichen eine wesentlich genauere Rekonstruktion der Chronologie dieses Prozesses.

Die Forscher entdeckten zudem Anzeichen für eine weitere Migrationswelle, die Fidschi zu einem späteren Zeitpunkt erreichte. Diese könnte von benachbarten Archipelen, darunter auch von Vanuatu, gekommen sein.

Somit erscheint die Bevölkerungsgeschichte der Region nicht als eine einfache Reise von Punkt A nach Punkt B, sondern als ein jahrtausendelanges Netzwerk von Migrationen zwischen den Inseln.

Ein weiteres Ergebnis betrifft die rätselhaften „polynesischen Outliers“.

So werden Gemeinschaften bezeichnet, die außerhalb des traditionellen polynesischen Dreiecks liegen, aber polynesische Sprachen und kulturelle Besonderheiten bewahren.

Solche Gruppen gibt es beispielsweise auf Vanuatu.

Genetische Daten belegen direkte Spuren einer polynesischen Migration in den südlichen Teil von Vanuatu vor etwa 1.000 Jahren.

Dies bedeutet, dass die Bevölkerungsbewegungen über den Pazifik nicht in eine Richtung verliefen. Nach der Besiedlung der weit im Osten gelegenen Inseln machten sich einzelne Gruppen erneut auf den Weg nach Westen und gründeten neue Gemeinschaften.

Ähnliche Rückwanderungen wurden bereits zuvor auf der Grundlage moderner Genome vermutet, doch die neue alte DNA ermöglicht es, sie direkt in der Vergangenheit zu erkennen.

Die Studie ermöglichte es jedoch, nicht nur die Migrationen ganzer Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.

Die Wissenschaftler untersuchten eingehend eine Gemeinschaft, die vor etwa 1.500 Jahren auf Fidschi lebte. Anhand der alten DNA konnten die Forscher Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Bestatteten feststellen und eine Familienlinie rekonstruieren, die sich über fünf Generationen erstreckte.

Und auch hier zeigte sich ein weiteres ungewöhnliches Detail.

Die genetische Komponente, die mit einer späteren papuanischen Migration in Verbindung stand, war unter den Bewohnern der Gemeinschaft ungleichmäßig verteilt. Eine Gruppe biologisch verwandter Personen unterschied sich hinsichtlich ihrer Herkunft deutlich von den anderen Menschen.

Die Autoren vermuten, dass dies mit sozialen Regeln zusammenhängen könnte, die es einer bestimmten Familie ermöglichten, Vermögen oder einen hohen Status über mehrere Generationen hinweg zu bewahren.

Die DNA allein lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, wie wohlhabend oder einflussreich diese Menschen waren. Es handelt sich um eine Rekonstruktion der sozialen Struktur auf der Grundlage einer Kombination aus genetischer Verwandtschaft und archäologischem Kontext.

Bei der Interpretation der Ergebnisse gibt es eine wichtige Einschränkung.

Die Begriffe „Herkunft mit Bezug zu Südostasien“ und „papuanische Herkunft“ beschreiben die genetische Ähnlichkeit alter Bevölkerungsgruppen und nicht moderne Völker oder die ethnische Zugehörigkeit bestimmter Personen.

Daher lassen sich die Ergebnisse nicht auf ein Szenario reduzieren, in dem ein einzelnes modernes „Volk“ auf die Inseln gelangte und durch ein anderes ersetzt wurde.

Im Gegenteil: Die alte DNA zeugt von einer lang andauernden Geschichte der Wanderungen, Kontakte und Vermischungen verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Die moderne Genomik hat bereits gezeigt, dass die Besiedlung Ozeaniens von zahlreichen Migrationswellen und wiederholten Kontakten zwischen den Inseln begleitet war und nicht von einer einzigen Migrationswelle.

Warum dies wichtig ist

Die Studie verändert die Vorstellung davon, wie Menschen die riesigen Weiten des Pazifiks besiedelten.

Den ersten Seefahrern gelang es, innerhalb relativ kurzer Zeit Tausende von Kilometern zurückzulegen und entlegene Inseln zu erreichen. Doch danach war die Region keineswegs isoliert.

Im Laufe der folgenden Jahrtausende bewegten sich die Menschen weiterhin zwischen den Archipelen hin und her, vermischten sich mit anderen Gruppen und kehrten manchmal sogar nach Westen zurück.

Und dank der Analyse alter DNA lässt sich diese Geschichte nun nicht nur im Maßstab ganzer Migrationswellen nachvollziehen, sondern auch auf der Ebene einzelner Familien, die vor anderthalbtausend Jahren auf den Inseln lebten.

Dabei bezieht sich die Studie in erster Linie auf den westlichen Teil Ozeaniens – Vanuatu, Fidschi und benachbarte Regionen –, weshalb ihre Ergebnisse nicht automatisch auf die gesamte Besiedlungsgeschichte des Pazifiks übertragen werden können.

Quelle

Studie: Michal Feldman et al. Ancient genomes reveal distinct human dispersals and social stratification in the settlement history of western Remote Oceania.

Zeitschrift: Cell, 2026.