Wissenschaftler haben im Blut der Schlangen selbst ein mögliches Gegenmittel gegen Schlangenbisse entdeckt
Wissenschaftler haben eine überraschende Entdeckung gemacht: Die Grundlage für eine neue Generation von Gegengiften gegen Schlangenbisse muss möglicherweise nicht weit gesucht werden – sie ist bereits im Blut der Schlangen selbst vorhanden. Die Forscher fanden heraus, dass sich eine Kombination natürlicher Abwehrproteine der westlichen Rautenschlange in Laborversuchen als etwa zehnmal wirksamer erwiesen hat als das bestehende, auf Antikörpern basierende Gegengift und in der Lage war, das Gift mehrerer gefährlicher Vipernarten zu neutralisieren.
Giftige Schlangen können versehentlich mit ihrem eigenen Gift in Kontakt kommen – beispielsweise bei einem Biss, beim Verzehr ihrer Beute oder bei anderen Verletzungen.
Daher haben sie im Laufe der Evolution natürliche Abwehrmechanismen entwickelt.
Forschern war bereits seit Langem bekannt, dass das Blut von Vipern Substanzen enthält, die die Wirkung des eigenen Giftes blockieren können; erst kürzlich gelang es jedoch, die konkreten Proteine zu identifizieren, die für diesen Schutz verantwortlich sind.
Details
Bereits im Jahr 2022 entdeckten Wissenschaftler das Protein FETUA-3, das die Wirkung von Metalloproteinasen – einer der wichtigsten Toxin-Gruppen im Gift von Klapperschlangen – unterdrücken kann.
Diese Enzyme zerstören Gewebe, schädigen Blutgefäße und verursachen starke Blutungen.
Eine neue Studie hat jedoch gezeigt, dass ein solches Protein allein für einen vollständigen Schutz nicht ausreicht.
Daher beschloss das Team zu untersuchen, wie verschiedene Proteine der FETUA-Familie im Zusammenspiel miteinander wirken.
Es stellte sich heraus, dass eine richtig zusammengestellte Kombination von Schutzproteinen die neutralisierende Wirkung erheblich verstärkt.
In Laborversuchen hob eine solche Mischung die tödliche Wirkung des Giftes der westlichen Rauten-Klapperschlange vollständig auf.
Darüber hinaus bot sie Schutz vor den Giften mehrerer anderer Viperarten, sogar vor solchen, die sich evolutionär bereits vor Millionen von Jahren auseinanderentwickelt hatten.
Den Angaben der Autoren zufolge erwies sich die neue Kombination in dem verwendeten Labormodell als etwa zehnmal wirksamer als das derzeit im Handel erhältliche Gegengift auf der Basis von Schaf-Antikörpern.
Warum bestehende Gegengifte nicht ideal sind
Moderne Gegengifte werden gewonnen, indem Pferden oder Schafen geringe Dosen des Giftes verabreicht werden. Anschließend werden aus ihrem Blut Antikörper isoliert.
Solche Präparate retten Tausende von Menschenleben, weisen jedoch eine Reihe von Nachteilen auf.
Sie sind teuer in der Herstellung, können schwere Immunreaktionen auslösen und wirken oft nur gegen eine begrenzte Auswahl an Toxinen bestimmter Schlangenarten.
Zudem variiert die Zusammensetzung des Giftes selbst bei eng verwandten Arten stark.
Bis zu einem neuen Medikament ist es noch ein langer Weg
Die Autoren betonen, dass sich die Arbeit derzeit noch in einem frühen Stadium befindet.
Die Forschung konzentriert sich bislang nur auf eine große Gruppe von Toxinen – die Metalloproteinasen. Schlangengift kann jedoch Dutzende oder sogar Hunderte verschiedener toxischer Proteine enthalten.
Nun beabsichtigen die Wissenschaftler, ähnliche natürliche Hemmstoffe auch für andere wichtige Toxin-Familien zu finden.
Erst danach kann von der Entwicklung eines vollwertigen, universellen Gegengifts die Rede sein.
Zunächst könnte das Präparat in der Veterinärmedizin zum Einsatz kommen
Nach Ansicht der Forscher werden die ersten kommerziellen Präparate auf der Basis dieser Proteine voraussichtlich in der Veterinärmedizin auf den Markt kommen.
Sollten weitere Untersuchungen ihre Sicherheit und Wirksamkeit bestätigen, könnte diese Technologie auch die Grundlage für neue Gegengifte für Menschen bilden.
Die Autoren hoffen, dass solche Präparate kostengünstiger in der Herstellung und sicherer sind und gleichzeitig vor Bissen mehrerer giftiger Schlangenarten schützen können.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich zwischen 80.000 und 140.000 Menschen an den Folgen von Giftschlangenbissen, während Hunderttausende Überlebende schwere, zu Behinderungen führende Folgen davontragen.
Quelle
Studie: Sean B. Carroll et al. Nature’s antivenom: Combinations of conserved rattlesnake serum metalloproteinase inhibitors block the lethal action of viper venoms.
Zeitschrift: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2026.