Wut und Gefühle der Ungerechtigkeit verschlimmern chronische Schmerzen

Stress gilt seit langem als ein Faktor für Schmerzen, aber eine neue Studie zeigt: Wut und Ungerechtigkeitsgefühle können chronische Schmerzen noch stärker beeinflussen.

Forscher haben vier verschiedene "Wutprofile" bei Menschen mit chronischen Schmerzen identifiziert und gezeigt, dass diejenigen, die sich aufgrund ihrer Erkrankung verletzt, ungerecht behandelt oder um etwas Wichtiges gebracht fühlen, mit größerer Wahrscheinlichkeit auch Monate nach der ersten Beurteilung unter stärkeren und anhaltenden Schmerzen leiden.

Die Arbeit wurde von einem internationalen Team unter der Leitung von Dr. Gadi Gilam, Leiter des tSCAN-Labors (translational Social, Cognitive, and Affective Neuroscience) am Institut für biomedizinische und zahnmedizinische Forschung an der Hebräischen Universität Jerusalem, durchgeführt. Die Studie wurde in The Journal of Pain veröffentlicht.

Vier "Wutprofile" und ihre Beziehung zum Schmerz

An der Studie nahmen mehr als 700 Erwachsene mit chronischen Schmerzen unterschiedlichen Ursprungs teil, die sich in Behandlung begaben. Mit Hilfe der Latent-Profiling-Methode (Latent-Profil-Analyse) identifizierten die Wissenschaftler vier Typen von emotionalen Reaktionen, die beschreiben:

  • wie die Person Wut erlebt,

  • wie sie diese ausdrückt und kontrolliert,

  • wie stark sie die Ungerechtigkeit der Situation empfinden ("Ich wurde übergangen", "Ich habe durch den Schmerz etwas unwiderruflich verloren").

Ergebnisse:

  • diejenigen, die ein mittleres/hohes Maß an Wut und ein ausgeprägtes Gefühl der Ungerechtigkeit zeigten, schnitten am schlechtesten ab;

  • diese Patienten berichteten:

    • eine höhere Schmerzintensität,

    • stärker verbreitete Schmerzen im ganzen Körper,

    • mehr Einschränkungen im täglichen Leben,

    • ein höheres Maß an emotionaler Belastung;

  • im Gegensatz dazu fühlten sich Menschen, die ihre Wut besser regulieren konnten und ihre Situation weniger als "ungerecht" oder "verletzend" empfanden, im Durchschnitt deutlich besser.

"Wut an sich ist nicht 'schlecht'", betont Dr. Gilam. - Sie ist ein normales, alltägliches emotionales Signal, das, wenn es normal reguliert wird, sogar sowohl der Person als auch ihren Beziehungen helfen kann. Aber wenn sich die Wut mit Gefühlen der Ungerechtigkeit vermischt, kann sie eine Person in einen Kreislauf von emotionalem und körperlichem Leiden treiben, der chronische Schmerzen verstärkt und aufrechterhält."

Schmerzvorhersage Monate im Voraus

Die Forscher verfolgten einen Teil der Teilnehmer (242 Personen) über einen Zeitraum von etwa fünf Monaten. Es stellte sich heraus, dass die hervorgehobenen "Wutprofile" die zukünftigen Schmerzwerte und die Funktionstüchtigkeit vorhersagten, selbst wenn der Grad der Angst und Depression berücksichtigt wurde.

Dies bedeutet, dass:

  • eine Einschätzung, wie wütend eine Person ist und sich über Ungerechtigkeit fühlt,

  • kann ein früher Marker für das Risiko langfristiger, schwerer chronischer Schmerzen sein;

  • und bietet daher die Chance, proaktiv auf Patienten hinzuweisen, die besonders emotional ausgerichtete Behandlungsansätze benötigen.

"Wie Patienten ihre Schmerzen emotional empfinden - insbesondere, ob sie sie als 'ungerecht' empfinden - könnte ebenso wichtig sein wie die biologischen Ursachen", meint Gilam. - Wir haben noch keine einfache 'Pille' gegen chronische Schmerzen und auch keine zuverlässigen Instrumente, mit denen wir vorhersagen können, bei wem sich der Schmerz durchsetzen wird." Die Einbeziehung der Bewertung von Wut und Ungerechtigkeitsgefühlen in die Standardbehandlung könnte die Ergebnisse erheblich verbessern."

Was dies für die Behandlung bedeutet

Die Autoren betonen: Die Ergebnisse unterstützen die Notwendigkeit individueller psychologischer und psychotherapeutischer Interventionen, die darauf abzielen:

  • emotionsregulierung,

  • die Verarbeitung der Erfahrung von Ungerechtigkeit und Kränkung,

  • änderung der Einstellung zum eigenen Schmerz und zur eigenen Lebenssituation.

Zu den Ansätzen, die hilfreich sein können, gehören:

  • Emotionale Bewusstheit und Ausdruckstherapie,

  • verschiedene auf Mitgefühl ausgerichtete Therapien,

  • und andere Methoden, die den Menschen helfen, ihre Wut sicher zu leben und die Fixierung auf das Gefühl "ich bin verletzt worden" oder "mir wurde Unrecht getan" zu reduzieren.

Die Autoren glauben, dass das Verständnis der "vielen Gesichter" der Wut ein wichtiger Schritt sein kann, um nicht nur die Symptome zu behandeln, sondern auch die Person mit ihren Emotionen, Erfahrungen und Schmerzempfindungen.