Anthropologen haben herausgefunden, wie Megastädte unsere Gesundheit schädigen

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Wissenschaftler: Stress und Krankheit nehmen zu, wenn man von der Natur entfernt lebt
14:30, 23.11.2025

Chronischer Stress und die Zunahme von Krankheiten: Wissenschaftler glauben, dass unsere "Jäger"-Körper keine Zeit hatten, sich an die industrialisierte Welt anzupassen.



Das moderne Stadtleben entfernt sich immer weiter von den Bedingungen, unter denen sich der Mensch als Spezies entwickelt hat.

Aus diesem Grund klafft eine immer größere Lücke zwischen dem, woran unser Körper angepasst ist, und der Art und Weise, wie wir heute leben, argumentieren die evolutionären Anthropologen Colin Shaw von der Universität Zürich und Daniel Longman von der Universität Loughborough. Sie haben ihre Hypothese in einem Bericht in der Zeitschrift Biological Reviews beschrieben.

Seit Hunderttausenden von Jahren leben die Menschen als Jäger und Sammler: Sie ziehen viel umher, erleben kurzfristigen, "akuten" Stress und interagieren ständig mit der natürlichen Umgebung. Die Industrialisierung hat die nähere Umgebung in nur wenigen Jahrhunderten radikal verändert: Lärm, Licht- und Luftverschmutzung, Mikroplastik, Pestizide, ein Übermaß an künstlichem Licht, verarbeitete Lebensmittel und eine sitzende Lebensweise kamen hinzu.

"In der Umgebung unserer Vorfahren waren wir gut an akuten Stress angepasst - um vor einem Raubtier wegzulaufen oder uns zu wehren", erklärt Colin Shaw. - Ein Löwe tauchte von Zeit zu Zeit auf, man musste bereit sein, sich zu verteidigen oder zu fliehen. Das Wichtigste ist, dass der Löwe dann verschwindet."

Die Reize von heute - Staus, Termine, Benachrichtigungen, soziale Medien, ständiger Lärm - lösen die gleichen biologischen Mechanismen aus, aber ohne die "Entkopplung" und Erholung.

"Unser Körper reagiert, als ob jeder dieser Faktoren ein neuer Löwe wäre", fügt Daniel Longman hinzu. - Das Stresssystem wird immer wieder eingeschaltet, aber es gibt fast keine Phase der vollständigen Erholung und Aufhebung."

Aus evolutionärer Sicht wird der Erfolg einer Spezies durch ihr Überleben und ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung bestimmt. Den Autoren zufolge schlägt die industrialisierte Umwelt auf beides gleichzeitig ein. Sie verweisen auf den weltweiten Rückgang der Fruchtbarkeit und die Zunahme chronischer Entzündungskrankheiten, einschließlich Autoimmunerkrankungen, als Zeichen des biologischen Preises, den der Organismus für das Leben in einer vom Menschen geschaffenen Welt zahlt.

Ein weiteres Beispiel ist der Rückgang der Spermienqualität, der seit den 1950er Jahren zu verzeichnen ist: Spermienzahl und -beweglichkeit nehmen ab. Shaw führt dies auf die Belastung durch Pestizide und Herbizide in der Nahrung sowie durch Mikroplastik zurück.

"Wir leben in einem seltsamen Paradoxon: Einerseits hat die Industrialisierung vielen Menschen auf der Welt ein noch nie dagewesenes Maß an Komfort, Ernährung und medizinischer Versorgung gebracht", sagt Shaw. - Andererseits schaden viele der Fortschritte der industrialisierten Welt unserem Immunsystem, unseren kognitiven Fähigkeiten sowie unseren körperlichen und reproduktiven Funktionen."

Die biologische Evolution ist zu langsam, um mit solchen Umweltveränderungen Schritt zu halten, betonen die Wissenschaftler. Genetische Anpassungen dauern zehn- bis hunderttausende von Jahren, während sich Städte, Technologien und Gewohnheiten innerhalb weniger Generationen verändern. Daher ist es ihrer Meinung nach unmöglich, sich auf eine "natürliche Anpassung" des Organismus an die industrielle Welt zu verlassen - es sind kulturelle und infrastrukturelle Lösungen erforderlich.

Eine der wichtigsten Ideen ist, die Einstellung zur Natur als wichtigen Gesundheitsfaktor zu überdenken. Das bedeutet, Grünflächen zu schützen und wiederherzustellen, die natürlichen Landschaften so weit wie möglich ähneln und die die Menschen öfter besuchen können, anstatt sie nur auf Bildern zu sehen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Städte auf eine neue Art und Weise zu gestalten, die der menschlichen Physiologie Rechnung trägt: Lärmpegel, Beleuchtung, Luftqualität, Grünflächen und Räume für Bewegung und Erholung.

"Unsere Forschung hilft uns zu verstehen, welche Reize die stärksten Auswirkungen auf den Blutdruck, die Herzfrequenz oder die Gesundheit des Immunsystems haben", erklärt Shaw. - Diese Informationen sind wichtig, um sie an Entscheidungsträger in der Stadtplanung und Politik weiterzugeben."

Um die evolutionäre "Lücke" zu schließen, so die Wissenschaftler, muss die Gesellschaft zwei Dinge gleichzeitig tun: die Städte "richtig" machen und die Menschen wieder mehr in Kontakt mit der Natur bringen - von täglichen Spaziergängen im Park bis hin zum Schutz ganzer Ökosysteme,

Maria Grynevych

Maria Grynevych, Projektmanagerin, Journalistin, Mitautorin des Reiseführers Heilige Berge der Dnjepr-Region, Vortragskurs: Kultische Topographie der mittleren Dnjepr-Region.

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