Archäologen haben ein mögliches „Sonnenamulett“ der Seefahrer der Antike entdeckt
Auf der abgelegenen indonesischen Insel Vetár haben Archäologen eine etwa 4.000 Jahre alte Steinplatte mit einer roten Zeichnung aus konzentrischen Kreisen und strahlenförmigen Linien entdeckt. Die Forscher betrachten sie als das älteste bekannte tragbare Beispiel der sogenannten austronesischen Maltradition. Ein solches Objekt könnten die Seefahrer der Antike auf ihren Reisen zwischen den Inseln mit sich geführt haben – möglicherweise als Zeichen der Zugehörigkeit, des Glaubens oder des Schutzes.
Der Fund wurde bei Ausgrabungen am Felsüberhang von Huknaur auf der Insel Vetar im östlichen Teil Indonesiens gemacht.
Auf einer kleinen Steinplatte sind mit roter Farbe konzentrische Kreise abgebildet, die von strahlenförmigen Linien umgeben sind. Äußerlich erinnert das Muster an die Sonne.
Ähnliche Motive sind Archäologen aus Felsmalereien in Ostindonesien und im westlichen Pazifik bekannt. Sie werden der „Austronesian Painting Tradition“ – der austronesischen Maltradition – zugeordnet.
Bislang wurden solche Zeichnungen jedoch hauptsächlich an den Wänden von Höhlen und Felsüberhängen gefunden.
Die neue Platte erwies sich gerade deshalb als ungewöhnlich, weil sie mitgenommen werden konnte.
Details
Nach Ansicht der Forscher könnten tragbare Darstellungen für die alten Inselgemeinschaften von besonderer Bedeutung gewesen sein.
Menschen, die das Meer zwischen den Inseln überquerten, transportierten nicht nur Werkzeuge, Nahrung und andere notwendige Gegenstände. Mit ihnen konnten auch Symbole reisen, die mit einer gemeinsamen Identität, der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder religiösen Vorstellungen verbunden waren.
Ähnliche „Sonnen“-Motive wurden in späterer Zeit auf Boote und andere Gegenstände aufgebracht. Sie könnten eine schützende oder gruppenbezogene Funktion erfüllt haben.
Genau aus diesem Grund kann die gefundene Platte bedingt als „Sonnenamulett“ bezeichnet werden. Die Wissenschaftler behaupten jedoch nicht, dass es sich bei dem Gegenstand tatsächlich um ein Amulett handelte: Seine genaue Bestimmung bleibt unbekannt.
Die Platte wurde in einer gut datierten archäologischen Schicht entdeckt, deren Alter auf etwa 4090 bis 3900 Jahre geschätzt wird.
Dies fällt mit der Zeit zusammen, in der sich Gruppen, die mit der frühen austronesischen Expansion in Verbindung standen, rasch über die Inseln Südostasiens und weiter in den Pazifik ausbreiteten.
Die Autoren gehen davon aus, dass das charakteristische Strahlenmotiv bereits in den frühesten Phasen dieser großangelegten maritimen Besiedlung existierte.
Dabei wurde die Farbe selbst nicht mittels Radiokarbonmethode datiert. Das Alter des Fundstücks wird anhand des Kontextes der Schicht bestimmt, in der es gefunden wurde.
Ein weiteres überraschendes Detail besteht darin, dass die Platte in einer vorkeramischen Schicht lag.
Keramik gilt traditionell als eines der wichtigen archäologischen Indizien für die neolithische austronesische Expansion. Auf Vetara tauchte die charakteristische Symbolik jedoch bereits vor dem Aufkommen der entsprechenden Keramiktechniken auf.
Nach Ansicht der Forscher zeigt dies, dass die ersten Seefahrer nicht nur materielle Technologien zwischen den Inseln verbreiteten.
Sie könnten bereits Ideen, Symbole und Weltanschauungen mitgebracht haben, noch bevor andere charakteristische Elemente der neuen Kultur auf den Inseln auftauchten.
Warum dies wichtig ist
Die austronesischen Seefahrer vollzogen eine der großangelegtesten maritimen Expansionen der Antike und legten dabei Tausende von Kilometern zwischen den Inseln zurück.
Archäologen untersuchen ihre Wanderungswege seit langem anhand von Keramik, Werkzeugen und genetischen Daten. Tragbare symbolische Gegenstände ermöglichen es, diesen Prozess aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Der Fund von Vetara zeigt, dass sich zusammen mit den Menschen möglicherweise auch gemeinsame visuelle Traditionen verbreitet haben.
Eine kleine bemalte Platte bietet daher die seltene Gelegenheit, einen Einblick zu gewinnen in das, was den alten Seefahrern wichtig war, und in die Symbole, die sie vor etwa 4.000 Jahren auf ihren Reisen begleitet haben könnten.
Quelle
Studie: Ceri Shipton et al. Eine 4.000 Jahre alte bemalte Plakette aus Südostindonesien enthüllt, dass die austronesische Maltradition der neolithischen Töpferkunst vorausging.
Zeitschrift: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2026.