Eine 2500 Jahre alte Statue wurde mit dem Gesicht nach unten unter einer antiken Straße gefunden – sie ist fast vollständig erhalten geblieben
Archäologen, die die antike Stadt Sardis im Westen der Türkei erforschen, haben unter einer römischen Straße eine monumentale Marmorstatue gefunden, die etwa 2.500 Jahre alt ist. Einst wurde sie in zwei große Teile zerbrochen und als gewöhnliche Pflastersteine für die Straße verwendet, wobei die Figur mit dem Gesicht nach unten verlegt wurde. Paradoxerweise trug gerade dies dazu bei, dass das Gesicht und viele kleine Details der Skulptur nahezu unversehrt erhalten blieben.
Die Figur stellt einen jungen Mann dar und ist etwa 2,2 Meter hoch. Wer er ist, zu welchem Zweck die Statue geschaffen wurde und wo sie ursprünglich stand, ist bislang unbekannt. Auch die Ausführungsweise ist ungewöhnlich: Kleidung und Frisur wirken etwa ein Jahrhundert älter als einige anatomische Details. Archäologen vermuten, dass der Künstler bewusst auf die Vergangenheit von Sard Bezug nahm.
Die riesige Statue wurde direkt im Straßenbelag entdeckt
Der Fund erfolgte Ende Mai 2026 während der Untersuchung einer großen Säulenstraße im antiken Sardis – einer Stadt in der Nähe des heutigen Salihli in der Provinz Manisa.
Zunächst entdeckten die Archäologen große Marmorblöcke, die in den Straßenbelag eingelassen waren. Bei der schrittweisen Freilegung stellte sich heraus, dass es sich nicht um gewöhnliches Baumaterial handelte, sondern um zwei Teile einer menschlichen Figur, die deutlich größer als lebensgroß war.
Die Statue war zerbrochen und wurde anschließend beim Bau der Straße aus der römischen Zeit wiederverwendet. Die Teile wurden so verlegt, dass die Vorderseite zum Boden gerichtet war. Am 13. Juli bargen die Experten die Fragmente endgültig und brachten sie in ein Restaurierungslabor.
Die Füße der Figur und einige kleinere Teile sind verloren gegangen, doch im Übrigen ist das Werk ungewöhnlich gut erhalten.
Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus bezeichnet sie als eines der seltenen Beispiele für monumentale Bildhauerkunst aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr.
Die Lage mit dem Gesicht nach unten hat die Skulptur gerettet
Für eine Statue klingt die Verwandlung in einen Pflasterstein wie das schlimmste mögliche Schicksal.
Archäologisch gesehen war es jedoch genau umgekehrt.
Wenn eine Marmorskulptur über Jahrhunderte hinweg ungeschützt bleibt oder mit der Vorderseite nach oben liegt, wird ihre Oberfläche durch Wasser, Wind, Temperaturschwankungen, Boden und mechanische Beschädigungen zerstört.
Hier hingegen war der ausdrucksstärkste Teil der Figur geschützt.
Die türkischen Behörden führen den guten Erhaltungszustand der Gesichtszüge und anderer Details direkt darauf zurück, dass die Statue bei ihrer Wiederverwendung im Straßenbelag mit dem Gesicht nach unten verlegt wurde.
Daher haben die antiken Baumeister – wahrscheinlich ohne dies überhaupt zu beabsichtigen – dazu beigetragen, das Kunstwerk für die Archäologen des 21. Jahrhunderts zu bewahren.
Archäologen datieren die Statue auf etwa 470–450 v. Chr.
Der Fund ist etwa 2.500 Jahre alt, dies ist jedoch nicht das Ergebnis einer Laboranalyse des Marmors.
Die Forscher datieren die Statue hauptsächlich anhand ihres künstlerischen Stils. Der wahrscheinlichste Zeitraum liegt bei etwa 470–450 v. Chr., also in der frühen klassischen Periode der griechischen Kunst.
Doch bei der Statue stellt sich ein merkwürdiges Problem.
Betrachtet man ihre Haltung, das lange, glatt gekämmte Haar und die Kleidung, so erinnert die Figur an weitaus frühere griechische Darstellungen aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.
Gleichzeitig sind die Hände, das Gesicht und einige andere Körperteile anders gestaltet. So hat der Bildhauer beispielsweise die hervortretenden Adern betont – ein Detail, das bereits für die spätere Kunst charakteristisch ist.
Es ergibt sich somit, dass das Werk zwar in einer Epoche entstanden ist, ein Teil seines Erscheinungsbildes jedoch bewusst oder traditionsgemäß auf eine Zeit verweist, die etwa 100 Jahre zurückliegt.
Die Kleidung erwies sich als einer der ungewöhnlichsten Bestandteile des Fundes.
Die Figur trägt eine dünne Tunika – einen Chiton –, über die diagonal ein Umhang gewickelt ist. Darunter ist ein weiteres Kleidungsstück mit sehr feinen horizontalen Falten zu erkennen.
Nach Angaben des stellvertretenden Leiters der Feldforschungen, Bahadır Yıldırım, gibt es in der antiken Bildhauerkunst nur wenige direkte Entsprechungen für eine solche Kombination von Details.
Gerade die Kleidung erinnert besonders stark an die frühere lydische und anatolische Tradition.
In Griechenland wurde ein junger Mann etwa zur gleichen Zeit nicht selten nackt dargestellt. In Lydien und anderen Gesellschaften Anatoliens war die Einstellung zur Nacktheit eine andere, und die einheimischen Jünglinge wurden traditionell bekleidet dargestellt.
So entstand eine interessante Mischung: Der Künstler kannte die neuen künstlerischen Techniken des Mittelmeerraums, griff jedoch auf ein deutlich älteres Männerbild zurück.
Der Leiter der Ausgrabungen, Nicholas Cahill, betrachtet dies als eines der wichtigsten Merkmale des Fundes.
Seiner Interpretation zufolge war der Bildhauer mit der zeitgenössischen Kunst bestens vertraut – dies lässt sich an der Gestaltung des Gesichts, der Hände und der anatomischen Details erkennen. Gleichzeitig verwendete er jedoch bewusst Kleidung und Frisur einer früheren Epoche.
Dies könnte eine Art Rückgriff auf die lydische Vergangenheit von Sardes sein.
Diese Interpretation ist insbesondere angesichts der politischen Lage von Interesse.
Zum Zeitpunkt der vermuteten Entstehung der Statue war Sardis bereits seit fast einem Jahrhundert nicht mehr die Hauptstadt des unabhängigen lydischen Königreichs. Nach der persischen Eroberung entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Verwaltungszentrum des Achämenidenreichs.
Dennoch sehen die Forscher in der neuen Figur bislang keinen offensichtlichen persischen künstlerischen Einfluss.
Das bedeutet nicht, dass die Statue Widerstand gegen die Perser oder ein bestimmtes politisches Programm zum Ausdruck brachte. Doch ihr ungewöhnlich altmodisches Erscheinungsbild könnte das Bestreben der Einwohner widerspiegeln, ihre eigene kulturelle Tradition auch nach dem Untergang des unabhängigen Staates zu bewahren.
Bislang handelt es sich hierbei um eine Interpretation und nicht um eine feststehende Tatsache.
Wer dieser Mann ist – das ist unbekannt
Trotz ihres guten Erhaltungszustands hat die Statue die naheliegendste Frage nicht beantwortet.
Die Archäologen wissen nicht, wen sie darstellt.
Es könnte sich um einen einflussreichen Einwohner der Stadt, einen Vertreter der lokalen Elite oder eine andere bedeutende Persönlichkeit handeln. Bislang gibt es jedoch keine Anhaltspunkte, um dem Mann einen konkreten Namen zu geben oder ihn als Herrscher, Priester oder Helden zu bezeichnen.
Auch der ursprüngliche Standort des Denkmals ist nicht geklärt.
Eine der diskutierten Theorien bringt ihn mit dem Heiligtum der Kybele in Verbindung – einer bedeutenden anatolischen Muttergöttin.
Antike schriftliche Quellen berichten von einem großen Heiligtum der Kybele in Sardis, doch Archäologen haben es bislang noch nicht entdeckt.
Sollte die Statue tatsächlich dort gestanden haben, könnte sie einen Menschen darstellen, der neben der Gottheit als ewiger Teilnehmer am Kult abgebildet ist. Derzeit gibt es jedoch keine direkten Beweise dafür, dass die neue Figur tatsächlich aus dem Heiligtum der Kybele stammt.
In der Hand der Figur verbirgt sich ein weiteres Rätsel
Auf den offiziellen Aufnahmen ist zu erkennen, dass der Mann einen kleinen Gegenstand in der Hand hält, den die Forscher als Frucht interpretieren.
Türkische Experten vermuten, dass dieses Detail mit einer religiösen Opfergabe in Verbindung stehen könnte. Der Gegenstand selbst könnte zudem zusätzliche Informationen darüber liefern, wen die Statue darstellte und in welchem Kontext sie ursprünglich verwendet wurde.
Doch auch hier sollten Sie vorerst keine voreiligen Schlüsse ziehen.
Ohne Inschrift oder einen genau festgestellten archäologischen Kontext lässt sich anhand einer einzigen Frucht in der Hand weder die Identität des Mannes noch die konkrete Gottheit bestimmen, der er möglicherweise eine Opfergabe darbrachte.
Einst war die Statue wahrscheinlich farbig
Heute sieht die Figur wie eine gewöhnliche antike Skulptur aus weißem Marmor aus.
Doch ihr ursprüngliches Erscheinungsbild könnte ganz anders gewesen sein.
Der Großteil der antiken Marmorstatuen war bemalt. Daher reinigen die Restauratoren die Oberfläche derzeit besonders behutsam, um mögliche mikroskopisch kleine Spuren antiker Pigmente zu bewahren.
Sollten solche Rückstände entdeckt werden, könnte eine Analyse Aufschluss darüber geben, welche Farbe die Kleidung, die Haare oder andere Elemente der Figur hatten.
Nach Abschluss der Konservierungsarbeiten sollen die beiden großen Teile wieder zusammengefügt und der Fund im archäologischen Museum in der Türkei ausgestellt werden.
Warum der Fund als selten gilt
Der Erhaltungszustand allein ist nicht der einzige Grund für das Interesse.
Monumentale Marmorstatuen aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. sind generell recht selten anzutreffen. Noch seltener erhalten Forscher eine nahezu vollständige Figur dieser Größe aus einem anatolischen Zentrum wie Sardes.
Kehill betrachtet das Denkmal als wichtige neue Quelle für das Verständnis der lydischen Kunst und dafür, wie die Einwohner der Stadt ihre eigene kulturelle Vergangenheit nach politischen Umwälzungen wahrnahmen.
Von besonderer Bedeutung ist der Kontext der Stadt selbst.
Sardes war die Hauptstadt des lydischen Staates – einer der einflussreichsten Zivilisationen der Eisenzeit in Westanatolien. Die Stadt war für ihren Reichtum bekannt und spielte eine Schlüsselrolle in der frühen Geschichte der Münzprägung. Nach dem Untergang Lydiens bestand sie unter den Persern, den hellenistischen Reichen sowie im Römischen und Byzantinischen Reich weiter.
Im Jahr 2025 wurden Sardis und die lydischen Grabhügel von Bin-Tepe in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Doch die wichtigste Frage bleibt: Warum wurde sie einfach weggeworfen?
Die Statue war offensichtlich einst ein kostbares Denkmal.
Es bedurfte eines großen Blocks aus hochwertigem Marmor, eines erfahrenen Bildhauers und erheblicher Anstrengungen, um eine Figur zu schaffen, die größer als ein Mensch war. Vermutlich stand sie an einem prominenten öffentlichen oder religiösen Ort.
Und dann verlor sie so sehr an Bedeutung, dass das Kunstwerk zerschlagen und als Baumaterial verwendet wurde.
Warum dies geschah, ist unbekannt.
In Sardis haben sich im Laufe der Jahrhunderte Herrscher, Religionen, gesellschaftliche Institutionen und das Stadtbild gewandelt. Die Statue könnte ihre Bedeutung verloren haben, nachdem der Raum umgestaltet, der Kult verändert oder das ursprüngliche Gebäude zerstört worden war.
Die derzeitigen Erkenntnisse lassen jedoch keine eindeutige Schlussfolgerung zu.
Selbst der Zeitpunkt, zu dem sie zu einem Teil des Pflasters wurde, lässt sich nicht automatisch mit dem Alter der Statue selbst gleichsetzen. Die Figur wurde vor etwa 2.500 Jahren geschaffen, während ihre Wiederverwendung erst deutlich später, in der römischen Zeit, erfolgte.
Und genau darin liegt eines der ungewöhnlichsten Details dieses Fundes: Das Kunstwerk überdauerte seine eigene Epoche, verlor seine ursprüngliche Bedeutung, wurde zu einem gewöhnlichen Stein unter den Füßen der Passanten – und gerade deshalb gelangte es Jahrhunderte später fast vollständig zu den Archäologen.
Quelle
Ausführlicher Bericht: Sy Boles,„Mystery statue unearthed at Sardis archaeological dig“, Harvard Gazette, 24. August 2026.