Neandertaler könnten die arabische Wüste durchquert haben – Wissenschaftler haben indirekte Beweise gefunden
Die Neandertaler könnten weitaus tiefer in die Arabische Halbinsel vorgedrungen sein, als bisher angenommen wurde. An der Fundstätte Jebel-Katefe-1 in der Nefud-Wüste im Norden Saudi-Arabiens untersuchten Wissenschaftler etwa 55.000 bis 60.000 Jahre alte Steinwerkzeuge und stellten fest, dass diese in ihrer Form den Werkzeugen der Neandertaler wesentlich ähnlicher sind als den Werkzeugen des Homo sapiens.
Dies ist jedoch bislang nur ein indirekter Beweis. Weder Knochen von Neandertalern noch deren DNA wurden in Arabien gefunden, weshalb die Wissenschaftler nicht behaupten können, dass gerade sie diese Werkzeuge hergestellt haben. Darüber hinaus belegt der Fund nicht, dass Neandertaler die gesamte Arabische Halbinsel durchquert haben – er deutet vielmehr auf ein mögliches Vordringen dieser Menschengruppe bis tief in die heutige Nefud-Wüste hin.
Der Fund wurde in der Nähe eines alten Sees entdeckt
Die Fundstätte Jebel Katefeh-1, auch JKF-1 genannt, befindet sich in der Nähe von Dschubba im Norden des heutigen Saudi-Arabiens. Heute ist dies eine der trockenen Regionen der Nefud-Wüste, doch vor Zehntausenden von Jahren hat sich das Klima hier wiederholt verändert.
Archäologen wussten schon seit Langem, dass es in der Nähe von Jebel Katefeh einen alten See gab. Zuvor wurden an dieser Stelle Hunderte von Steinartefakten aus dem Mittelpaläolithikum gefunden; doch aufgrund des zu breiten Datierungsspektrums war es nicht möglich, diese mit Sicherheit einer bestimmten alten menschlichen Population zuzuordnen.
Eine neue Studie hat das Alter der archäologischen Schichten mithilfe der optisch angeregten Lumineszenz präzisiert – einer Methode, mit der sich feststellen lässt, wann sich die Mineralkörner im Sediment zuletzt im Licht befanden.
Zwei der wichtigsten Datierungen ergaben 59,2 ± 5,1 Tausend Jahre und 60,1 ± 3,8 Tausend Jahre. Unter Berücksichtigung der gesamten Stratigraphie datieren die Autoren die Hauptnutzungszeit der Fundstelle auf einen Zeitraum vor etwa 55 Tausend Jahren.
Die Werkzeuge wurden mit Funden aus Afrika und dem Nahen Osten verglichen
Da an der Fundstelle keine menschlichen Knochen vorlagen, versuchten die Forscher, mögliche Hersteller anhand der Steinbearbeitungstechnik zu identifizieren.
Im Mittelpunkt der Analyse standen Werkzeuge, die mit der Levallois-Technik hergestellt wurden. Bei dieser Technik bereitete der antike Handwerker den Steinrohling im Voraus auf besondere Weise vor, um anschließend mit einem oder mehreren Schlägen einen Abspalt in der gewünschten Form zu erzielen.
Wichtig ist, dass sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens die Levallois-Technik anwandten. Daher sagt die bloße Entdeckung eines solchen Werkzeugs nichts über die biologische Zugehörigkeit seines Herstellers aus.
Die Autoren gingen noch einen Schritt weiter und stellten eine Vergleichsstichprobe aus 704 intakten Levallois-Rohlingen aus Fundstätten in Nordostafrika, Arabien und dem Nahen Osten zusammen, deren Alter zwischen etwa 100 und 50.000 Jahren liegt. Anschließend verglichen sie deren Form statistisch und prüften, durch welche Faktoren sich die Unterschiede am besten erklären lassen: das Alter der Fundstätte, die Umweltbedingungen, das Rohmaterial, die Größe der Sammlung, die Art der Fundstätte oder die Geschichte der menschlichen Populationen.
Bei Vergleichssammlungen, bei denen die mutmaßlichen Hersteller der Werkzeuge aufgrund des archäologischen Kontexts bereits bekannt waren, unterschied das Modell die mit Neandertalern und Homo sapiens in Verbindung stehenden Komplexe mit einer Übereinstimmungsrate von über 93 %. Anschließend wurde es auf die Funde aus Jebel Katefe-1 angewendet.
Das Ergebnis fiel recht deutlich aus: Die mediane Wahrscheinlichkeit einer Zuordnung der JKF-1-Werkzeuge zum Neandertaler betrug 78 %.
Nur vier der untersuchten Abschläge ordnete das Modell mit größerer Wahrscheinlichkeit dem Homo sapiens zu. Bei weiteren etwa 24 % der Artefakte lag die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung zu den Neandertalern bei über 95 %.
Nach Ansicht der Autoren lassen sich die technologischen Unterschiede zwischen diesen Werkzeugen und früheren Fundkomplexen aus Arabien am besten durch den Wechsel oder das Vorhandensein einer anderen menschlichen Population erklären.
Und die Neandertaler erweisen sich in diesem Zeitraum als der wahrscheinlichste Kandidat.
Diese Zahl kann leicht missverstanden werden
78 % – das ist nicht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Neandertaler tatsächlich in Saudi-Arabien aufgehalten haben. Es handelt sich vielmehr um eine statistische Klassifizierung der Form von Steinabschlägen innerhalb eines konkreten Modells und eines ausgewählten Vergleichssatzes.
Die Autoren weisen selbst auf eine wesentliche Einschränkung hin: In ihrer Vergleichsdatenbank fehlten freiliegende Neandertaler-Fundstätten, während es sich bei JKF-1 gerade um eine Freiluftfundstätte handelt. Dies kann die Form der gewonnenen Steinartefakte beeinflussen und erschwert die Interpretation.
Die Forscher versuchten, den Einfluss des Fundorttyps statistisch von der vermuteten Bevölkerungszugehörigkeit zu trennen, und erhielten einen unabhängigen Effekt beider Faktoren. Dennoch bleibt die Schlussfolgerung ohne menschliche Überreste eine Wahrscheinlichkeitsaussage.
Daher lautet die korrekte Formulierung: Die Werkzeuge weisen eine starke technologische Ähnlichkeit mit den mit den Neandertalern in Verbindung stehenden Fundkomplexen auf, und nicht: „Wissenschaftler haben die Anwesenheit von Neandertalern nachgewiesen“.
Nefud sah damals ganz anders aus als heute
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Vorbehalt. Es wäre falsch, sich Neandertaler vorzustellen, die sich durch die heutige glühend heiße, wasserlose Wüste kämpfen.
Die Artefakte entstanden in einer Zeit des klimatischen Wandels, als sich die Bedingungen nach einer trockeneren Phase wieder feuchter wurden und sich der alte See erneut füllte. Ein solches Klima könnte vorübergehend grüne Korridore mit Wasser, Vegetation und Tieren innerhalb der heutigen Wüste geschaffen haben.
Der Lagerplatz befand sich unmittelbar neben einem solchen Paläosee.
Daher zeugt die mögliche Anwesenheit von Neandertalern in Nefud vor allem von ihrer Fähigkeit, vielfältigere Landschaften zu nutzen als die kalten Regionen Europas, mit denen sie traditionell in Verbindung gebracht werden. Dies ist jedoch noch kein Beweis für ein Leben in einer extrem trockenen Wüste, wie wir sie heute kennen.
Die Neandertaler könnten weiter nach Süden vorgedrungen sein
Durch Fossilienfunde belegt sind Neandertaler in der Levante und im Zagros-Gebirge. In der Zeit, der JKF-1 nun zugeordnet wird, waren Neandertaler-Populationen an mehreren Fundstätten nördlich von Arabien präsent.
Sollten die neuen Steinwerkzeuge tatsächlich von ihnen hergestellt worden sein, müsste ihr bekanntes geografisches Verbreitungsgebiet deutlich weiter nach Süden ausgedehnt werden.
Dies entkräftet zudem das alte Klischee, wonach Neandertaler fast ausschließlich an die kalten europäischen Lebensbedingungen angepasst waren. Ihre Überreste sind bereits weit über die Grenzen Westeuropas hinaus bekannt, und die neue Studie lässt einen noch größeren ökologischen Lebensraum zu.
Dabei behaupten die Autoren nicht, dass gerade diese Gruppe dauerhaft in Arabien gelebt habe. Feuchte Perioden könnten vorübergehende Wege freigelegt haben, über die Menschen und Tiere ins Innere der Halbinsel vordrangen, während solche Korridore mit der Rückkehr der Dürre wieder verschwanden.
Der Fund hat noch eine weitere, faszinierende Konsequenz.
Die Arabische Halbinsel lag zwischen Afrika und Eurasien und diente wiederholt als Migrationsroute für die Menschen der Antike. Archäologische Daten zeigen, dass der Homo sapiens bereits deutlich vor dem hier betrachteten Zeitraum nach Arabien vordrang. So lässt sich beispielsweise eine menschliche Phalanx aus Al-Wusta auf vor etwa 85.000 bis 90.000 Jahren datieren.
Sollten vor etwa 55.000 Jahren tatsächlich Neandertaler nach Nordarabien gelangt sein, könnte die Halbinsel Teil eines weitaus größeren Gebiets gewesen sein, in dem sich zu verschiedenen Zeiten mehrere menschliche Populationen bewegten.
Die Autoren lassen sogar die Möglichkeit zu, dass es in einer weitaus größeren Region zu Kontakten und Kreuzungen zwischen Neandertalern und Homo sapiens gekommen sein könnte, als allgemein angenommen wird.
Die neue Studie hat jedoch keine Spuren einer solchen Begegnung aufgedeckt. An der Fundstelle JKF-1 wurden weder Überreste von Vertretern beider Gruppen noch alte DNA oder andere direkte Hinweise auf einen Kontakt gefunden. Dies ist eine mögliche Konsequenz des neuen geografischen Bildes, jedoch kein nachgewiesener Sachverhalt.
Der entscheidende Beweis fehlt bislang
Der zuverlässigste Weg, diese Frage endgültig zu klären, bestünde darin, menschliche Überreste oder alte DNA direkt in den archäologischen Schichten Arabiens zu finden.
Genau dies erweist sich jedoch als besonders schwierig. Die heißen Bedingungen in den niedrigen Breitengraden sind für die langfristige Erhaltung von DNA ungünstig, und fossile Überreste alter Menschen sind auf der Arabischen Halbinsel äußerst selten.
Daher versuchen Forscher, demografische Informationen aus Steinwerkzeugen zu gewinnen – einer der beständigsten Arten archäologischer Zeugnisse.
Eine neue Studie zeigt, dass die statistische Analyse ihrer Form Muster aufdecken kann, die zuvor hauptsächlich visuell beurteilt wurden. Die bislang vorsichtigste Schlussfolgerung lautet jedoch wie folgt: Vor etwa 55.000 Jahren gab es in Nordarabien eine Steinwerkzeugkultur, die aufgrund einer ganzen Reihe von Merkmalen den bekannten Neandertaler-Komplexen deutlich näher steht als den vergleichbaren Fundkomplexen des Homo sapiens.
Wer genau diese Steine in den Händen hielt, ist bislang noch nicht endgültig geklärt.
Quelle
Autoren: James Blinkhorn, Huw S. Groucutt, W. Christopher Carleton, Eric Andrieux, Simon J. Armitage, Ceri Shipton, Paul S. Breeze, Nick Drake, Abdulaziz Al-Omari, Faisal Al-Jibreen, Abdullah M. Alsharekh, Eleanor M. L. Scerri, Simon Blockley, Michael D. Petraglia.
Zeitschrift: „Quaternary Science Reviews“, Band 390, Artikel 110196. Der Beitrag wurde am 28. Juli angenommen und am 1. August 2026 online veröffentlicht.