Wie Trumps Wiederwahl zur politischen Spaltung in Europa geführt hat. Neue Studie
"Trumps Revolution kommt nach Europa.
Die Wiederwahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat in Europa eine tiefe politische Krise ausgelöst, die nicht nur die Innenpolitik der Länder, sondern auch ihre globale Stellung verändert hat, so die Autoren Ivan Krastev und Mark Leonard vom European Council on Foreign Relations (ECFR).
Laut einer ECFR-Umfrage unter 16.000 Menschen in 12 europäischen Ländern hat Trumps zweite Amtszeit einen grundlegenden Wandel der europäischen politischen Identität bewirkt.
"In nur sechs Monaten haben sich die USA von der Verteidigung der liberalen Demokratie und des Freihandels zur Förderung von Illiberalismus und Protektionismus gewandelt", stellen die Autoren fest.
Dies hat das politische Kräfteverhältnis in Europa dramatisch verändert.
"Europas rechte Parteien treten jetzt nicht mehr nur für nationale Souveränität gegen eine föderale EU ein, sondern sind Teil einer transnationalen Bewegung für zivilisatorischen Nationalismus geworden", argumentieren Krastev und Leonard.
Die Anhänger der populistischen Parteien in Europa sind nicht länger eine Protestwählerschaft.
"Eine Mehrheit der Anhänger aller 10 befragten rechtsextremen Parteien glaubt, dass die Wiederwahl Trumps positive Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten haben wird", heißt es in der ECFR-Studie.
Außerdem haben rechtsextreme Parteien in Europa begonnen, die Politik des US-Präsidenten in Bezug auf die Migration und die Schwächung der staatlichen Bürokratie aktiv zu übernehmen.
Die Autoren betonen auch, dass Europa nun nicht mehr in Befürworter oder Gegner der USA gespalten ist, sondern in Befürworter und Gegner von Trumps Politik. Anders als beim Irak-Krieg 2003 unterstützen die osteuropäischen Länder die USA jetzt nicht aufgrund eines traditionellen Pro-Amerikanismus, sondern weil sie stärkere Positionen rechtsextremer Parteien haben.
Gleichzeitig bezweifeln die Autoren, dass die rechtsextremen Parteien in Europa langfristig von diesem Prozess profitieren werden.
"Einerseits zeigt Trumps Sieg, dass der Aufstieg solcher Parteien an die Macht möglich ist. Andererseits sind es die rechtsextremen Parteien, die die Hauptverlierer sein werden, wenn sich die Einstellung der Menschen gegenüber Trumps Politik ändert", warnen die Experten.
Auch bei den traditionell pro-amerikanischen Parteien in Europa gibt es Veränderungen. So positioniert sich beispielsweise die Christlich Demokratische Union in Deutschland jetzt als Verteidigerin der nationalen Souveränität gegen "ideologische Einmischung" aus Washington. Das auffälligste Beispiel für diese Wende ist Dänemark, wo laut einer Umfrage 86 Prozent der Bürger davon überzeugt sind, dass das amerikanische politische System nicht funktionieren kann. Die Autoren führen aus:
"Die Menschen wenden sich nicht radikal von den USA ab, wenn Trump Europa kritisiert, sondern wenn er die nationale Souveränität ihres Landes bedroht."
Darüber hinaus hat die Wiederwahl Trumps die Sicherheitsangst der Europäer dramatisch verstärkt. Die Furcht vor einem Atomkonflikt und einem neuen Weltkrieg ist inzwischen gesamteuropäisch. Der Umfrage zufolge befürworten die meisten Europäer eine Erhöhung der Militärausgaben, die weitere Unterstützung der Ukraine, selbst wenn sich die USA aus dem Land zurückziehen, und die Einführung der Wehrpflicht.
In den meisten Ländern, mit Ausnahme von Italien und Ungarn, sind mehr als 60 Prozent der Befragten für eine europäische nukleare Abschreckung, wobei einige Länder sogar über eigene nationale Atomstreitkräfte diskutieren.
Obwohl die Europäer die Risiken erkennen, bleiben sie hoffnungsvoll, dass Trump die US-Truppen nicht aus Europa abziehen wird und dass sich die transatlantischen Beziehungen nach seinem Ausscheiden aus dem Weißen Haus erholen werden.
"Das größte Paradoxon ist, dass die Europäer zwar die Bedrohung durch Trumps Politik erkennen, aber dennoch an eine schnelle Wiederherstellung der Beziehungen glauben", schließen die Autoren.