Wissenschaftler haben das Geheimnis der Macht der Hyänenweibchen gelüftet

Ein Weibchen der Tüpfelhyäne kümmert sich im Ngorongoro-Krater (Tansania) um ihre Jungen. Foto: Oliver Höner / Leibniz-IZW.

Warum wird Erfolg in manchen Familien von Generation zu Generation weitergegeben, in anderen hingegen nicht? Die Antwort auf diese Frage fanden Wissenschaftler überraschenderweise bei den Tüpfelhyänen. Es stellte sich heraus, dass die Macht der Alpha-Weibchen nicht mit ihrem eigenen Leben endet: Der hohe Status wird an die Töchter, dann an die Enkelinnen und Urenkelinnen vererbt, wodurch ihre Linie nach und nach im gesamten Rudel die Vorherrschaft erlangt.

Eine neue Studie hat gezeigt, dass gerade die Vererbung der sozialen Stellung über die mütterliche Linie erklärt, warum bei Hyänen die Weibchen bei der Weitergabe ihrer Gene an künftige Generationen erfolgreicher sind als die Männchen. Die Arbeit wurde in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.

Fast 30 Jahre Beobachtungen

Die Studie zählt zu den umfangreichsten in der Geschichte der Erforschung der Tüpfelhyänen.

Die Biologen analysierten Daten von mehr als 2.700 Tieren aus acht Generationen und acht Clans, die über einen Zeitraum von 29 Jahren im Ngorongoro-Krater in Tansania beobachtet wurden.

Das Hauptziel bestand darin, herauszufinden, wer langfristig mehr Nachkommen hinterlässt – die Männchen oder die Weibchen.

Die ersten Ergebnisse überraschten die Wissenschaftler

Betrachtet man lediglich die Anzahl der geborenen Jungtiere, unterscheiden sich Tüpfelhyänen in keiner Weise von den meisten Säugetieren.

Wie gemäß der klassischen Evolutionstheorie zu erwarten war, erwiesen sich die Unterschiede zwischen den Männchen als größer: Einige zeugen deutlich mehr Nachkommen als andere.

Doch änderte sich alles, als die Forscher nicht nur das Schicksal der Kinder, sondern auch das der Enkel, Urenkel und nachfolgender Generationen verfolgten.

Erst dann wurde deutlich, dass sich der Vorteil allmählich auf die Weibchen verlagert.

Alpha-Weibchen gründen regelrechte Dynastien

Der Grund lag in der sozialen Struktur der Hyänen.

Jeder Clan lebt nach einer strengen Hierarchie, an deren Spitze eine Alpha-Weibchen steht.

Der hohe Status bringt zahlreiche Vorteile mit sich:

  • vorrangiger Zugang zu Nahrung;
  • schnelleres Wachstum der Jungtiere;
  • eine höhere Überlebensrate der Nachkommen;
  • früherer Beginn der Fortpflanzung;
  • mehr Nachkommen im Laufe des Lebens.

Das Wichtigste ist, dass die Töchter die Position ihrer Mutter erben.

Daher gehen die Vorteile nach dem Tod eines Weibchens nicht verloren, sondern wirken sich auch auf die nachfolgenden Generationen aus.

Nach einigen Generationen besteht fast der gesamte Clan aus Nachkommen der Alpha-Linie

Die Autoren führen aussagekräftige Statistiken an.

In einer Generation stammen etwa 10 % aller Nachkommen direkt von Alpha-Weibchen ab.

Bereits in der nächsten Generation haben etwa 20 % der Rudelmitglieder eine Alpha-Großmutter.

Und nach sechs Generationen sind praktisch alle Hyänen im Rudel Nachkommen mehrerer dominanter mütterlicher Linien.

Auf diese Weise baut sich der soziale Vorteil nach und nach auf und entwickelt sich zu einer regelrechten Familiendynastie.

Warum können Männchen nicht dasselbe tun?

Ein hoher Status hilft auch jungen Männchen, jedoch nur vorübergehend.

Wenn die Zeit der Fortpflanzung kommt, verlassen die Männchen fast immer ihren Heimatclan und wechseln in einen anderen.

Damit verlieren sie ihre hohe Stellung und können die dank ihrer Mutter erworbenen Vorteile nicht mehr an ihre Nachkommen weitergeben.

Die Weibchen hingegen verbleiben in ihrem Heimatclan und behalten ihren Rang ihr ganzes Leben lang bei.

Genau aus diesem Grund wird der Einfluss der mütterlichen Linie mit jeder Generation immer stärker.

Warum dies die Vorstellungen der Wissenschaftler verändert

Lange Zeit ging man davon aus, dass die Männchen der meisten Säugetiere stärker miteinander konkurrieren als die Weibchen, weshalb gerade bei ihnen die größte Ungleichheit hinsichtlich der Anzahl der Nachkommen zu beobachten ist.

Eine neue Studie zeigt jedoch, dass diese Schlussfolgerung davon abhängen kann, wie weit die Forscher in die Familiengeschichte zurückblicken.

Berücksichtigt man nur die Nachkommen, entspricht das Bild der klassischen Theorie.

Betrachtet man jedoch mehrere Generationen, so zeigt sich, dass bei den Tüpfelhyänen gerade die Weibchen die Hauptgewinner im evolutionären Wettlauf sind.

Nach Ansicht der Autoren könnte ein ähnlicher Mechanismus auch bei anderen Tieren bestehen, bei denen der soziale Status ebenfalls über die mütterliche Linie vererbt wird.

Warum dies wichtig ist

Die Studie zeigt, dass nicht nur Gene vererbt werden können, sondern auch soziale Vorteile, die einen enormen Einfluss auf den evolutionären Erfolg der Familie haben.

Die Arbeit trägt zudem dazu bei, zu erklären, warum bei einigen Arten gerade die Weibchen im Mittelpunkt des Wettbewerbs stehen, obwohl bei den meisten Säugetieren das Gegenteil der Fall ist.

In Zukunft wollen die Wissenschaftler untersuchen, ob ein ähnlicher Mechanismus auch bei Erdmännchen, Seepferdchen und anderen Tieren mit ungewöhnlicher sozialer Organisation zum Tragen kommt.

Quelle

Zeitschrift: Science Advances.

Titel der Studie: The legacy of privilege: Social inheritance reverses sex differences in reproductive inequality in the spotted hyena.