Wissenschaftler haben das Geheimnis eines Fossils gelüftet, das vor fast 80 Jahren in der Arktis zurückgelassen wurde
Im Jahr 1948 entdeckten britische Forscher auf dem Gipfel einer arktischen Insel die Überreste eines ungewöhnlich großen urzeitlichen Tieres. Sie konnten nicht das gesamte Skelett abtransportieren: Sie machten Fotos, nahmen einen Teil der Knochen mit und ließen den Rest unter freiem Himmel zurück. Jahrzehnte später wurde der Fund erneut entdeckt, und nun haben Paläontologen festgestellt, dass es sich um eine der Wissenschaft bisher unbekannte Art handelte – und um das größte bekannte Exemplar seiner ungewöhnlichen Gruppe.
Der Fund wurde auf Björnøya, auch bekannt als Bäreninsel, gemacht, die zum Spitzbergen-Archipel gehört.
Den Wissenschaftlern der ersten Expedition war bewusst, dass es sich um ein großes fossiles Skelett handelte, doch unter den rauen arktischen Bedingungen gelang es ihnen nicht, es vollständig zu bergen und zu transportieren. Sie nahmen lediglich einen Teil der Knochen mit und fotografierten die verbleibenden Fragmente.
Im Laufe der Zeit hatten die Forscher die Hoffnung fast aufgegeben, dass das Fossil den Frost, den Wind und den Niederschlag überstanden hatte.
Doch im Jahr 1984 – 36 Jahre nach dem ersten Fund – entdeckte eine norwegische Expedition das Skelett unerwartet wieder.
Der Zustand war bereits deutlich schlechter: Ein Teil der Knochen war verschwunden, andere waren rissig geworden und zerfallen. Nach einwöchigen Ausgrabungsarbeiten gelang es schließlich, die verbliebenen Fragmente zu bergen.
Details
Das Interessanteste geschah viele Jahre später, als die Fachleute das Material endgültig für die Untersuchung aufbereitet hatten.
Die Paläontologen erkannten, dass es sich um einen Vertreter der Plagiosauriden handelte – ungewöhnlicher aquatischer Dunkelspondylier aus der Trias. Diese Tiere zeichneten sich durch extrem breite und flache Köpfe aus und lebten in Gewässern, wo sie auf Beute lauern konnten.
Das arktische Exemplar erwies sich jedoch selbst unter ihnen als völlig außergewöhnlich.
Ein Teil des Schädels war durch den jahrzehntelangen Aufenthalt unter freiem Himmel zerstört worden. Um ihn zu rekonstruieren, griffen die Forscher auf Fotos zurück, die bereits im Jahr 1948 aufgenommen worden waren.
Gerade diese alten Aufnahmen ermöglichten es, jene Elemente zu rekonstruieren, die heute nicht mehr vorhanden sind.
Die Rekonstruktion offenbarte beeindruckende Ausmaße.
Der Schädel des Tieres war etwa 70 Zentimeter breit, aber nur etwa 21 Zentimeter lang. Von oben gesehen ähnelte er einem riesigen Halbkreis oder einem Bumerang.
Das Tier selbst erreichte nach Schätzungen der Forscher eine Länge von etwa 2,7 Metern.
Von seinen Ausmaßen her übertraf es andere bekannte Plagiozauriden bei weitem. Die Wissenschaftler stuften den Fund als neue Art ein und nannten ihn Arctobatrachus urdensis.
Das große Maul und die Zähne deuten darauf hin, dass es sich um ein großes Raubtier handelte. Es wäre jedoch verfrüht, es uneingeschränkt als „Spitzenprädator“ des Ökosystems zu bezeichnen: Die Anatomie allein reicht nicht aus, um die Nahrungskette vollständig zu rekonstruieren.
Plagiosaurier waren sehr ungewöhnliche Tiere.
Ihre Körper wurden immer flacher, während ihr Kopf außerordentlich breit war. Einige Vertreter dieser Gruppe verbrachten vermutlich den Großteil ihrer Zeit am Grund von Gewässern und rissen ihr Maul weit auf, um Beute, die sich in der Nähe befand, anzusaugen.
Doch Arctobatrachus urdensis ist nicht nur aufgrund seiner Größe interessant.
Die Analyse seiner Position im Stammbaum ergab, dass er zu den frühen Vertretern der Plagiozauriden gehörte. Dies ermöglicht ein besseres Verständnis dafür, wie sich ihr charakteristischer flacher Körperbau nach und nach entwickelte.
Die Forscher vermuten, dass die frühen Formen beweglichere Schwimmer waren, während später einige Vertreter der Gruppe zu einer weniger beweglichen Lebensweise übergingen.
Trotz äußerlicher Ähnlichkeiten und der gängigen Beschreibung als „amphibienähnliches Tier“ sollte man sich den Arctobatrachus nicht als riesige moderne Salamander- oder Froschart vorstellen.
Er gehörte zu den Dunkelspondylen – einer längst ausgestorbenen Gruppe urzeitlicher Vierfüßer, die im Paläozoikum und Mesozoikum weit verbreitet war.
Die neue Art lebte in der Trias, vor mehr als 200 Millionen Jahren, als sich die Ökosysteme der Erde nach dem größten Massensterben in der Geschichte des Planeten noch immer im Umbruch befanden.
Warum dies wichtig ist
Die Geschichte von Arctobatrachus urdensis ist selbst nach paläontologischen Maßstäben ungewöhnlich.
Ein wesentlicher Teil des Fossils lag jahrzehntelang unter freiem Himmel in der Arktis und war teilweise bereits zerfallen, noch bevor Wissenschaftler es umfassend untersuchen konnten.
Doch fast 80 Jahre alte Fotografien haben Informationen bewahrt, die im Fossilmaterial selbst verloren gegangen waren.
Infolgedessen erwies sich der Fund, der 1948 physisch nicht vollständig geborgen werden konnte, Jahrzehnte später als neue Art und als größter bekannter Plagiozauride.
Quelle
Studie: Rainer R. Schoch, Sanjukta Chakravorti, Florian Witzmann, Franz-Josef Lindemann. Ein riesiger Plagiosauride-Temnospondyl aus Bjørnøya (Svalbard, Norwegen) und der Ursprung des Körperbaus der Plagiosauriden.
Zeitschrift: Papers in Palaeontology, 2026.