Wissenschaftler haben herausgefunden, wie die Schlangen der Dinosaurierzeit lebten
Vor etwa 80 Millionen Jahren, als noch Dinosaurier die Erde bevölkerten, hatten Schlangen bereits völlig unterschiedliche Lebensweisen entwickelt. Die einen versteckten sich und bewegten sich unter der Erde, andere lebten an der Oberfläche, und einzelne Abstammungslinien waren im Meer beheimatet. Zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler nach der Untersuchung einer außergewöhnlich gut erhaltenen urzeitlichen Schlange aus Brasilien und einer digitalen Rekonstruktion des Inneren ihres Schädels.
Die neue Art erhielt den Namen Tametara mirim. Ihre Überreste wurden in Ablagerungen aus der späten Kreidezeit im Südosten Brasiliens gefunden.
Den Forschern zufolge handelt es sich um eines der am vollständigsten erhaltenen fossilen Skelette urzeitlicher Schlangen. Mithilfe der Computertomographie konnten die Wissenschaftler den Schädel bis ins kleinste Detail untersuchen, ohne den Fund zu beschädigen. Sie rekonstruierten das Innenohr, die Nervenbahnen und die Form der Höhle, in der sich einst das Gehirn befand.
Wichtig ist, dass es sich hierbei nicht um ein erhaltenes Gehirn als Weichgewebe handelt. Die Wissenschaftler erstellten anhand der inneren Form des Schädels ein digitales Modell davon.
Diese Schlange hatte sich an das Leben unter der Erde angepasst
Die Form des inneren Schädelraums von Tametara mirim erwies sich als ungewöhnlich. Die Wissenschaftler verglichen sie mit Daten von mehr als 100 heutigen Schlangenarten, deren Lebensweise gut bekannt ist.
Das Ergebnis zeigte, dass Tametara an das Graben und das Leben unter der Erde angepasst war. Zu demselben Schluss führte unabhängig davon auch die Untersuchung ihres Knochenaufbaus.
Wahrscheinlich verbrachte diese kleine Schlange einen Großteil ihrer Zeit im Erdreich oder in lockerem Boden, und die Besonderheiten ihrer Sinnesorgane entsprachen dieser Lebensweise.
Eine andere urzeitliche Schlange lebte jedoch ganz anders
Anschließend untersuchten die Wissenschaftler Dinilysia patagonica – eine urzeitliche Schlange aus Argentinien, die etwa in derselben geologischen Epoche lebte.
Ihr Körperbau erwies sich als völlig anders. Die Analyse ergab, dass Dinilysia ein überwiegend landlebendes Tier war und keine so ausgeprägte Spezialisierung auf das Leben unter der Erde aufwies.
Darüber hinaus sind den Wissenschaftlern seit langem Überreste von Schlangen aus der Kreidezeit bekannt, die in marinen Ablagerungen gefunden wurden. Zusammengenommen zeigen diese Daten, dass verschiedene Zweige der Schlangen bereits in frühen Phasen ihrer Geschichte die unterirdischen, terrestrischen und marinen Lebensräume besiedelt hatten.
Details
Die Herkunft des charakteristischen langen Körpers der Schlangen ohne ausgeprägte Gliedmaßen wird seit mehr als einem Jahrhundert diskutiert.
Eine Hypothese ging davon aus, dass diese Körperform bei Vorfahren entstand, die in der Erde gruben und sich durch enge unterirdische Gänge bewegten. Eine andere verband den Verlust der Gliedmaßen mit dem Leben im Wasser.
Die neue Studie zeigt, dass sich die Frage nicht auf eine einfache Wahl zwischen Land und Meer reduzieren lässt. Frühe Schlangen begannen recht schnell, sich an unterschiedliche Lebensbedingungen anzupassen, und ihre Evolution verlief nicht auf einem einzigen geradlinigen Weg.
Dabei belegt die Studie nicht, dass der allererste Vorfahr aller Schlangen tatsächlich unter der Erde oder im Wasser lebte.
Nach Berechnungen der Autoren war der gemeinsame Urvorfahr höchstwahrscheinlich noch nicht speziell an einen Lebensraum angepasst und nahm eine Zwischenstellung zwischen einer terrestrischen und einer grabenden Lebensweise ein.
Eines der ungewöhnlichsten Ergebnisse betrifft die Vielfalt der Sinnesorgane.
Numerische Modelle zeigten, dass sich der innere Aufbau der Schädel von Tametara und Dinilysia nicht nur untereinander, sondern auch im Vergleich zu den meisten heutigen Schlangen deutlich unterschied.
Dies bedeutet, dass bereits vor Dutzenden von Millionen Jahren verschiedene Arten die sie umgebende Welt auf unterschiedliche Weise wahrnehmen und ihre Sinnesorgane an ihre jeweilige Umgebung anpassen konnten. Die Autoren sind der Ansicht, dass die Vielfalt der Gehirnstrukturen und Lebensweisen bei Schlangen deutlich früher entstand, als es ein einfacheres Modell ihrer Evolution vermuten ließ.
Warum dies wichtig ist
Heute sind mehr als 4.000 Schlangenarten bekannt – von grabenden Arten über baumbewohnende bis hin zu rein marinen Arten. Eine neue Studie zeigt, dass sich die Grundlage für diese Vielfalt bereits in der Zeit der Dinosaurier zu bilden begann.
Der Fund verdeutlicht zudem, wie viele Informationen sich selbst ohne erhaltene Weichteile gewinnen lassen. Moderne Tomographieverfahren ermöglichen es, in das Innere eines fossilen Schädels zu blicken und anhand seiner Form die Merkmale der Sinnesorgane eines längst ausgestorbenen Tieres zu rekonstruieren.
Die Studie liefert jedoch keine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der ersten Schlangen. Ihre frühe Entwicklungsgeschichte ist nach wie vor sehr lückenhaft, weshalb neue Funde das bestehende Bild ergänzen oder verändern könnten.
Quelle
Studie: Tiago R. Simões et al. „Exceptional brain and ecological diversity in the earliest snakes“.
Zeitschrift: Nature, 2026.