Wissenschaftler ließen Fremde gemeinsam zeichnen – nach sechs Wochen stellten sie einen merkwürdigen Effekt fest
Wissenschaftler der ETH Zürich bildeten Paare aus fremden Personen und veranlassten diese, sich einmal pro Woche zu treffen, um gemeinsam zu malen. Gleichzeitig wurde ihre Gehirnaktivität mithilfe spezieller Sensoren überwacht. Nach sechs Treffen fühlten sich die Teilnehmer tatsächlich einander näher – doch das Gehirn verhielt sich ganz anders, als die Forscher erwartet hatten.
Bei jungen Gleichaltrigen wurde die Gehirnaktivität allmählich synchroner. In Paaren hingegen, in denen sich eine junge und eine ältere Person trafen, geschah das Gegenteil: Je länger sie miteinander kommunizierten, desto geringer wurde die Synchronisation bestimmter Gehirnbereiche – obwohl die Menschen dabei selbst eine immer größere Nähe empfanden. Das Ergebnis stellt die einfache Vorstellung in Frage, dass gute Beziehungen zwangsläufig dazu führen, dass zwei Gehirne immer mehr „auf einer Wellenlänge“ arbeiten.
Details
An dem Experiment nahmen 122 Personen teil, aus denen die Wissenschaftler 61 Paare bildeten.
In 31 Paaren trafen sich Vertreter verschiedener Generationen: Eine Person war ein junger Erwachsener, die andere eine ältere Person. Die jungen Teilnehmer waren zwischen 18 und 35 Jahre alt, die älteren zwischen 70 und 85 Jahren. Weitere 30 Paare bestanden aus zwei jungen Menschen. Vor Beginn der Studie kannten sich die Partner nicht.
Das Experiment dauerte sechs Wochen. Die Teilnehmer trafen sich sechsmal und führten jedes Mal eine kreative Aufgabe durch: Zunächst malten sie eigenständig, anschließend schufen sie gemeinsam mit ihrem Partner ein Bild.
Die Forscher gaben keine konkreten Themen vor. Die Teilnehmer konnten zeichnen, was sie wollten, und selbst entscheiden, wie sie an dem gemeinsamen Bild arbeiten wollten. Während dieser Aufgaben wurde die Gehirnaktivität beider Teilnehmer gleichzeitig mithilfe tragbarer fNIRS-Systeme aufgezeichnet.
fNIRS – die funktionelle Nahinfrarotspektroskopie – ermöglicht es, Veränderungen der Konzentration von sauerstoffreichem und sauerstoffarmem Hämoglobin in der Großhirnrinde zu verfolgen.
Einfacher ausgedrückt: Das Gerät erfasst Veränderungen der Durchblutung, die mit der Aktivität bestimmter Hirnareale zusammenhängen.
Das Interesse der Forscher galt der sogenannten „interpersonellen neuronalen Synchronie“. Sie untersuchten, inwieweit sich die Signale im Gehirn zweier miteinander interagierender Personen zeitlich ähnlich verändern. Die Analyse umfasste Bereiche des unteren Frontalgangs und der temporo-parietalen Verbindung – Regionen, die an der sozialen Wahrnehmung, der Wahrnehmung der Handlungen anderer Menschen und der Interaktion beteiligt sind.
Das erste Ergebnis fiel recht erwartungsgemäß aus.
Wenn zwei Personen gemeinsam zeichneten, war die Synchronisation zwischen bestimmten untersuchten Bereichen ihres Gehirns stärker ausgeprägt als dann, wenn dieselben Teilnehmer die Aufgabe alleine ausführten. Dabei wurde dieser Zusammenhang sowohl bei Gleichaltrigen als auch bei Paaren verschiedener Generationen beobachtet.
Dies steht im Einklang mit den Ergebnissen zahlreicher früherer Experimente: Wenn Menschen eine gemeinsame Aufgabe bewältigen, sich gegenseitig beobachten und ihre Handlungen koordinieren, kann die Aktivität ihres Gehirns besser aufeinander abgestimmt sein.
Die Wissenschaftler interessierten sich jedoch viel mehr für etwas anderes – nämlich dafür, was nach einigen Wochen des Kennenlernens geschehen würde.
Das zweite Ergebnis erwies sich als unerwartet.
Je näher sich die Menschen kamen, desto seltsamer verhielt sich das Gehirn.
Die Forscher gingen ursprünglich von einem recht einfachen Szenario aus: Fremde lernen sich nach und nach kennen, die Interaktion fällt ihnen leichter, und die Synchronisation der Gehirne verstärkt sich mit der Zeit.
Und tatsächlich entwickelten sich die Beziehungen zwischen den Teilnehmern tatsächlich in Richtung einer Annäherung.
Mit jedem weiteren Treffen stiegen die Werte für die subjektive soziale Nähe im Durchschnitt um etwa 4 %, wobei dieser Trend in beiden Gruppen zu beobachten war. Gleichzeitig sanken die Werte für das Gefühl der Einsamkeit um etwa 1 % pro Sitzung.
Das heißt, die wiederholten Treffen zeigten Wirkung: Die Fremden verspürten nach und nach eine stärkere Bindung zu ihrem Partner.
Die Synchronisation der Gehirne verlief jedoch keineswegs einheitlich.
Bei Paaren aus zwei jungen Erwachsenen nahmen bestimmte Indikatoren der interhirnlichen Synchronisation mit jedem Treffen zu.
Bei den Paaren aus „jung + älter“ zeigte sich hingegen in mehreren Verbindungen zwischen Hirnregionen das Gegenteil: Die Synchronisation nahm ab. Dies zeigte sich insbesondere in den Verbindungen zur rechten temporo-parietalen Verbindung.
Es ergab sich ein Paradoxon.
Die jungen und älteren Teilnehmer lernten sich immer besser kennen und berichteten von einem wachsenden Gefühl der Nähe – doch dies führte nicht dazu, dass sich ihre Gehirnaktivität immer ähnlicher wurde.
Genau dieses Ergebnis verhindert, dass die interzerebrale Synchronisation als einfacher neurobiologischer „Freundschaftszähler“ betrachtet werden kann: Eine stärkere Synchronisation bedeutet nicht zwangsläufig eine engere Beziehung, und ihre Abnahme bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich die Menschen voneinander entfernen.
Warum synchronisierten sich die Gehirne von Vertretern verschiedener Generationen zunächst stärker und begannen dann, sich auseinander zu entwickeln?
Eine endgültige Antwort haben die Autoren nicht.
Eine der von ihnen vorgeschlagenen Erklärungen hängt nicht mit einer identischen Denkweise zusammen, sondern mit der Fähigkeit, das Verhalten einer anderen Person vorherzusagen.
Wenn sich junge und ältere Fremde zum ersten Mal begegnen, haben sie möglicherweise weniger gemeinsame Themen, Gewohnheiten und sozialen Kontext. Um den Partner zu verstehen und das Handeln aufeinander abzustimmen, muss jeder den anderen aufmerksamer beobachten und sich stärker anpassen.
Mit der Zeit wird das Verhalten des anderen vorhersehbarer. Wenn die Teilnehmer bereits wissen, wie der Partner üblicherweise handelt und reagiert, ist eine derart intensive Abstimmung der Aktivitäten beider Gehirne möglicherweise gar nicht erforderlich. Die ETH Zürich bezeichnet diesen möglichen Mechanismus als „mutual prediction“ – gegenseitige Vorhersage.
Bislang handelt es sich jedoch um eine erklärende Hypothese. Die Studie belegt nicht unmittelbar, dass die verbesserte Fähigkeit, den Partner vorherzusagen, der Grund für die verminderte Synchronisation war.
Eine separate Arbeit derselben Forscher, die auf diesen Treffen basierte, ermöglichte es, das Experiment aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Anstelle der gemittelten Synchronisation analysierten die Wissenschaftler die sich ständig verändernden Kombinationen von Verbindungen innerhalb jedes einzelnen Gehirns sowie zwischen beiden Gehirnen gleichzeitig. Der Algorithmus identifizierte sieben wiederkehrende „Zweigehirn-Zustände“.
Einer davon trat beim gemeinsamen Zeichnen bei generationenübergreifenden Paaren länger auf. Er war durch eine vergleichsweise schwache Verbindung zwischen den beiden Gehirnen gekennzeichnet, jedoch durch eine ausgeprägte Konnektivität zwischen den Bereichen innerhalb des Gehirns eines der Partner.
Die Autoren bringen dieses Muster vorsichtig mit einer asymmetrischen Interaktion in Verbindung, bei der sich eine Person stärker an die Handlungen der anderen anpassen kann – ähnlich der Dynamik von „Führer – Folger“.
Man kann dies jedoch nicht als Beweis dafür bezeichnen, dass eine Person die andere tatsächlich „befehligte“. Darüber hinaus zeigte in der zweiten Studie keiner der sieben Zustände eine überzeugende systematische Veränderung über alle sechs Begegnungen hinweg.
Warum dies wichtig ist
Die Studie weist einige wichtige Einschränkungen auf.
Zunächst einmal haben die Wissenschaftler soziale Nähe gemessen und nicht Freundschaft. Die Teilnehmer fühlten sich ihren Partnern zwar tatsächlich näher, doch die Studie stellt nicht fest, ob sie nach sechs Wochen Freunde geworden sind und ob sie nach Abschluss des Experiments weiterhin Kontakt hielten.
Zudem weist die Kontrollgruppe eine Besonderheit auf. Die generationenübergreifenden Paare wurden mit Paaren aus zwei jungen Menschen verglichen. Eine separate Gruppe „Senior + Senior“ gab es im Experiment nicht.
Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass ein solcher Vergleich in Zukunft durchgeführt werden muss. Ohne ihn lassen sich die Besonderheiten der generationsübergreifenden Kommunikation nicht vollständig von den üblichen Altersunterschieden zwischen den Teilnehmern unterscheiden.
Schließlich erfasst fNIRS die Aktivität einzelner Neuronen nicht direkt. Die Methode misst mit der Gehirnaktivität verbundene Veränderungen der Durchblutung, die ebenfalls von der altersbedingten Physiologie abhängen können.
Daher sollte das Ergebnis vorerst nicht als Entdeckung eines universellen „Mechanismus der Freundschaft“ verstanden werden, sondern als Warnung vor einer allzu simplen Formel: Wenn zwei Menschen sich näherkommen, müssen sich ihre Gehirne keineswegs immer ähnlicher werden.
Quelle
Autoren: Ryssa Moffat, Guillaume Dumas, Emily S. Cross.
Zeitschrift: PLOS Biology, 24(8), e3003899.