309 Millionen Jahre alte Fossilien haben das „Frosch“-Modell der Evolution in Frage gestellt

Jungtiere früher krokodilähnlicher Tetrapoden, die als Embolochthyes bezeichnet werden. Neue fossile Funde deuten darauf hin, dass diese Embolochthyes keine Metamorphose durchliefen, wie dies bei heutigen Amphibien während des Heranwachsens der Fall ist. Dies stellt die seit langem bestehende wissenschaftliche Vorstellung in Frage, dass Amphibien, Reptilien und Säugetiere von Tieren abstammen, die ein Kaulquappenstadium durchlaufen haben. Illustration: Berit Goding. (c) Copyright Unbestimmt – Forschungsbedarf 2026.

Das in der Schule vermittelte Bild der Evolution erscheint oft recht einfach: Fische wagten sich nach und nach an Land, und ihre frühen Nachkommen entwickelten sich in etwa wie heutige Frösche – zunächst als wasserlebende Larve, ähnlich einem Kaulquappe, dann folgte die Metamorphose und schließlich die erwachsene Form. Neue Fossilien, die etwa 309 Millionen Jahre alt sind, zeigen, dass dieses Schema möglicherweise zu stark vereinfacht ist.

In der Fachzeitschrift „Science“ wurde eine Studie über seltene Fossilien von Jungtieren urzeitlicher Verwandter der Tetrapoden veröffentlicht – einer Gruppe, zu der alle vierfüßigen Wirbeltiere gehören, darunter Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass sich einige frühe Formen direkt entwickelten: Sie durchliefen kein „Kaulquappenstadium“, sondern wuchsen als kleine Versionen der erwachsenen Tiere heran.

Details

Die Studie stützt sich auf Fossilien aus der Fundstätte Maison Creek im Norden von Illinois, unweit von Chicago. Dies ist eines der bekanntesten paläontologischen Gebiete der USA: Vor etwa 309 Millionen Jahren gab es dort Sümpfe, seichte Meere und Flussdeltas, und die Überreste der Tiere blieben dort gelegentlich in eisenhaltigen Konkretionen zusammen mit Weichgewebe erhalten.

Gerade die Erhaltung des Weichgewebes war von entscheidender Bedeutung. Hätten die urzeitlichen Jungtiere tatsächlich ein Stadium durchlaufen, das dem Larvenstadium heutiger Amphibien ähnelt, hätten die Wissenschaftler Anzeichen wie äußere Kiemen oder eine drastische Umgestaltung des Körpers im Laufe des Heranwachsens erwarten können. Bei den untersuchten Exemplaren wurden solche Anzeichen jedoch nicht gefunden.

Das Hauptpräparat der Untersuchung ist ein mutmaßliches Jungtier eines Emboloomers, eines urzeitlichen semiaquatischen Raubtiers, das in populären Beschreibungen mit einem krokodilartigen Tier verglichen wird. Es war winzig: Die Autoren und die Museumsunterlagen beschreiben es als sehr kleines Objekt, das von der Größe her fast „kindlich“ anmutet, jedoch bereits Anzeichen einer Entwicklung nach dem Erwachsenenmodell aufweist.

Embolomer besaßen zwar Gliedmaßen, führten jedoch überwiegend eine aquatische Lebensweise. Daher hätte man früher erwarten können, dass ihre Jungstadien den Larvenformen von Amphibien ähneln würden. Die untersuchten Jungtiere sahen jedoch nicht wie „Kaulquappen“ aus, die ihren Körper anschließend radikal umbauen. Vielmehr wuchsen sie direkt – von einer kleinen Form zu einer größeren.

Was ist das „Froschmodell“?

Unter dem „Froschmodell“ ist hier nicht der Frosch selbst gemeint, sondern eine Entwicklungsform: zunächst eine aquatische Larve mit Kiemen, dann eine Metamorphose, in deren Verlauf sich der Organismus drastisch verändert. Bei heutigen Fröschen ist dies gut zu erkennen: Ein Kaulquappe wird nicht einfach nur größer, sondern baut seinen Körper, seine Organe und seine Lebensweise um.

Lange Zeit wurde dieses Schema häufig als anschauliche Analogie für die Frühgeschichte der Tetrapoden herangezogen. Die Logik war nachvollziehbar: Wenn sich heutige Amphibien über ein aquatisches Larvenstadium entwickeln, könnten frühe Wirbeltiere an der Grenze zwischen Wasser und Land einen ähnlichen Weg durchlaufen haben.

Eine neue Studie zeigt jedoch, dass diese Analogie möglicherweise irreführend ist. Den Autoren zufolge weisen die Stamm-Tetrapoden auf beiden Seiten des Übergangs von der Flosse zur Extremität Anzeichen einer direkten Entwicklung auf und nicht eines zwingend erforderlichen Larvenstadiums mit einer echten amphibischen Metamorphose.

Warum dies wichtig ist

Der Übergang der Wirbeltiere an Land ist einer der entscheidenden Meilensteine in der Geschichte des Lebens. Ohne ihn gäbe es keine Landamphibien, Reptilien, Vögel, Säugetiere und den Menschen. Daher ist es für Wissenschaftler wichtig, nicht nur zu verstehen, wie sich Flossen zu Gliedmaßen entwickelten, sondern auch, wie sich die Jungtiere dieser frühen Tiere entwickelten.

Bislang gab es nur sehr wenige direkte fossile Belege für die frühe Entwicklung. Jungtiere sind nur schwer zu erhalten, lassen sich leicht mit anderen kleinen Tieren verwechseln, und weiche Merkmale wie Kiemen sind nach Hunderten von Millionen Jahren fast nie mehr nachweisbar. Daher sind die Funde aus Maison Creek besonders wertvoll: Sie ermöglichen es, Fragen zu untersuchen, die der Paläontologie zuvor fast unzugänglich erschienen.

Die Arbeit verändert zudem die Sichtweise auf heutige Amphibien. Frösche, Salamander und Molche sind nicht zwangsläufig „lebende Modelle“ der ersten Tetrapoden. Sie haben selbst eine lange Evolutionsgeschichte durchlaufen, und ihr Lebenszyklus sollte nicht automatisch auf die ältesten Verwandten der landlebenden Wirbeltiere übertragen werden.

Was die Wissenschaftler gefunden haben

Die Forscher untersuchten mehrere seltene Fossilien von Jungtieren früher Tetrapoden und deren nahen Verwandten. Das zentrale Exemplar befand sich lange Zeit in der Sammlung des Field Museum und wurde anschließend mittels Rasterelektronenmikroskopie untersucht, was dazu beitrug, seine Verwandtschaft mit den Emboloiden zu bestätigen.

Die Wissenschaftler suchten nach Merkmalen, die man bei einer amphibienähnlichen Larve erwarten würde: äußere Kiemen, eine ausgeprägte larvale Körperorganisation sowie Anzeichen einer abrupten Umgestaltung im Laufe der Reifung. Stattdessen stellten sie ein Bild der direkten Entwicklung fest: Die Jungtiere waren bereits im Großen und Ganzen nach dem Muster der Erwachsenen aufgebaut.

Dies ist besonders wichtig, da es sich nicht um ein einzelnes Zufallsfundstück handelt. Nach Angaben des Field Museum wurde ein ähnliches Bild auch bei einem anderen, kleineren Emboloomer sowie bei weiteren fossilen Jungtieren von Verwandten der Tetrapoden beobachtet.

Hintergrund

Tetrapoden sind Wirbeltiere mit vier Gliedmaßen oder deren Nachkommen. Zu dieser Gruppe gehören Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Ihre entfernten Vorfahren stammten von fischähnlichen Formen ab, und der Übergang von Flossen zu Gliedmaßen war eines der wichtigsten Ereignisse in der Evolution der Wirbeltiere.

Stamm-Tetrapoden sind urzeitliche Formen, die nahe am Ursprung dieser Evolutionslinie stehen. Sie sind keine heutigen Amphibien, helfen jedoch zu verstehen, wie die Tiere auf ihrem Weg von den aquatischen zu den terrestrischen Wirbeltieren aussahen und sich entwickelten.

Maison Creek ist gerade deshalb von Bedeutung, weil dort nicht nur große Knochen ausgewachsener Tiere, sondern auch winzige, seltene und teilweise aus Weichgewebe bestehende Details erhalten geblieben sind. Ohne solche Funde bliebe die Frage, ob frühe Tetrapoden „Kaulquappen“ hatten, fast ausschließlich theoretischer Natur.

Quelle

Studie: Jason D. Pardo, Arjan Mann und Kollegen, „Direct development of stem tetrapods across the fin-to-limb transition“, Science, 2026.