Die chinesische Sonde hat den Asteroiden nach einer Verfolgungsjagd von 1 Milliarde Kilometern erreicht
Die chinesische Raumsonde „Tianwen-2“ hat nach einer Reise von etwa 1 Milliarde km den Asteroiden 2016 HO3 erreicht.
Die Sonde näherte sich dem Objekt auf eine Entfernung von etwa 20 km und begann mit wissenschaftlichen Beobachtungen, wie die chinesische Raumfahrtbehörde CNSA laut Phys.org mitteilte.
Dies ist die erste chinesische Mission zur Rückführung von Proben von einem Asteroiden. Wenn alles nach Plan verläuft, soll die Sonde Material von der Oberfläche von 2016 HO3 entnehmen, eine Kapsel mit den Proben zur Erde zurücksenden und anschließend ihren Flug zu einem weiteren Ziel fortsetzen – dem Hauptgürtel-Kometen 311P.
Für China ist dies ein wichtiger Schritt bei der Erforschung des fernen Weltraums. Zuvor hatten bereits die japanischen Missionen „Hayabusa“ und „Hayabusa 2“ sowie die US-amerikanische Mission „OSIRIS-REx“ Proben von Asteroiden zur Erde gebracht. Nun versucht Peking, in denselben exklusiven Kreis von Ländern aufzusteigen, die nicht nur in der Lage sind, einen kleinen Himmelskörper des Sonnensystems zu erreichen, sondern auch dessen Material in Labore auf der Erde zurückzubringen.
Details
„Tianwen-2“ startete im Mai 2025 vom Weltraumbahnhof Xichang mit einer „Long March 3B“-Rakete. Nach dem Start nahm die Sonde die Flugbahn zum Asteroiden 2016 HO3 ein, der auch als Kamoʻoalewa bekannt ist.
Nach Angaben der CNSA dauerte die Reise zum Ziel etwa 400 Tage. Am 2. Juli 2026 nahm die Sonde aus einer Entfernung von etwa 20 km eine Aufnahme des Asteroiden auf: Auf dem Bild ist ein kleines, grau-felsiges Objekt vor dem schwarzen Hintergrund des Weltraums zu erkennen.
Nun soll die Sonde schrittweise detailliertere Beobachtungen durchführen. Die Wissenschaftler interessieren sich für die Form des Asteroiden, seine Zusammensetzung und seine innere Struktur. Diese Daten werden nicht nur für wissenschaftliche Zwecke benötigt, sondern auch für eine praktische Aufgabe: die Auswahl eines sicheren Ortes und einer geeigneten Methode zur Probenentnahme.
Nach der Probenentnahme soll „Tianwen-2“ das Rückflugmodul abtrennen, das die Proben zur Erde transportieren wird. Die CNSA hatte zuvor angegeben, dass die Rückkehr der Kapsel für Ende 2027 erwartet wird. Danach wird die Hauptsonde ihren Flug zum 311P fortsetzen – einem Objekt im Hauptasteroidengürtel, das Anzeichen von Kometenaktivität aufweist.
Was ist das für ein Asteroid?
2016 HO3 ist ein kleiner erdnaher Asteroid, der häufig als Quasi-Satellit der Erde bezeichnet wird. Es handelt sich dabei nicht um einen echten Mond: Das Objekt umkreist nicht wie der Mond die Erde, sondern bewegt sich auf einer der Erdumlaufbahn ähnlichen Bahn um die Sonne. Aus unserer Perspektive scheint er daher den Planeten zu begleiten. Das NASA JPL bezeichnete 2016 HO3 als eines der stabilsten Beispiele für einen solchen „Beinahe-Satelliten“ der Erde.
Genau diese Eigenschaft macht ihn zu einem geeigneten und interessanten Ziel. Er ist relativ leichter zu erreichen als viele andere kleine Himmelskörper, könnte aber gleichzeitig Informationen über die Frühgeschichte des Sonnensystems enthalten. Chinesische Experten wiesen zudem darauf hin, dass 2016 HO3 uraltes Material enthalten könnte, das für die Erforschung der Zusammensetzung und Entwicklung des Sonnensystems von Bedeutung ist.
Es gibt noch einen weiteren spannenden Aspekt: Über die Herkunft von Kamoʻoalewa wird derzeit diskutiert. Einige Studien gingen davon aus, dass das Objekt mit Mondmaterial in Verbindung stehen könnte, d. h. ein Fragment sein könnte, das durch einen uralten Einschlag von der Mondoberfläche abgeschleudert wurde. Eine endgültige Antwort können jedoch nur direkte Messungen und Laboranalysen der Proben liefern.
Warum dies wichtig ist
Asteroiden sind Überreste des Materials, aus dem sich die Planeten gebildet haben. Im Gegensatz zur Erde, wo sich das Gestein aufgrund der Geologie, der Atmosphäre und des Wassers ständig verändert, können kleine Himmelskörper ein uraltes chemisches „Gedächtnis“ des Sonnensystems bewahren.
Genau deshalb sind Probenrückführungsmissionen so wertvoll. Spektrometer und Kameras an Bord der Sonde liefern wichtige Daten, doch ein Labor auf der Erde ermöglicht es, das Material wesentlich genauer zu untersuchen: seine Mineralien, seine Isotopenzusammensetzung sowie Spuren von Wasser und organischen Verbindungen.
Für China ist „Tianwen-2“ zudem ein technologischer Test. Die Sonde muss in der Nähe eines sehr kleinen Himmelskörpers operieren, an dem fast keine Schwerkraft herrscht, sich selbstständig orientieren, sich sicher der Oberfläche nähern, eine Probe entnehmen und die Kapsel zurückbefördern. Die CNSA nennt ausdrücklich als Ziele der Mission die Erprobung von Technologien zur Probenentnahme von Körpern mit geringer Schwerkraft sowie die hochpräzise autonome Navigation.
Hintergrund
China hat bereits erfolgreiche Missionen zur Rückführung von außerirdischem Material durchgeführt: Die Mondlandefähren der Chang’e-Serie haben Proben vom Mond zurückgebracht. Eine Asteroidenmission ist jedoch in anderer Hinsicht komplexer: Das Ziel ist wesentlich kleiner, übt eine geringere Anziehungskraft auf die Sonde aus und ist vor der Ankunft der Sonde weniger gut erforscht.
Weltweit sind solche Missionen bislang noch selten. Die japanische Sonde „Hayabusa2“ sammelte Proben vom Asteroiden Ryugu und brachte die Kapsel im Dezember 2020 zur Erde zurück. Die US-amerikanische Sonde „OSIRIS-REx“ brachte im September 2023 Proben vom Asteroiden Bennu zurück.
„Tianwen-2“ soll zeigen, ob China eine ähnliche Aufgabe bei einem anderen Zieltyp – einem kleinen Quasi-Erdsatelliten – bewältigen kann. Sollte die Mission erfolgreich verlaufen, erhalten die Wissenschaftler seltenes Material von einem Objekt, das viel über den Ursprung kleiner erdnaher Objekte aussagen kann.