Im Himalaya wurden Spuren einer unbekannten, uralten Menschengruppe entdeckt

Die Old-Lady-Spider-Höhle. (A) Grundriss und Schnitt der Höhle, erstellt auf der Grundlage einer bisher unveröffentlichten Punktwolke, die mit freundlicher Genehmigung von D. Rosati zur Verfügung gestellt wurde. Die Fundorte der menschlichen Überreste sind orange markiert, der durch einen Einsturz des Gewölbes verschüttete Teil der Höhle grau. (B) Eine bisher unveröffentlichte Aufnahme der Knochen in Raum 2, die von den Autoren während der Ausgrabungen angefertigt wurde. Quelle: Science Advances (2026). DOI: 10.1126/sciadv.aeb3636.

Wissenschaftler untersuchten die DNA von Menschen, die vor etwa 1.500 Jahren in einer hochgelegenen Höhle im Norden Indiens bestattet worden waren. Die Analyse ergab, dass sie einer alten Bevölkerungsgruppe mit ungewöhnlicher Herkunft angehörten, die der Wissenschaft bisher unbekannt war.

Etwa die Hälfte ihrer Vorfahren war mit der Bevölkerung Südasiens verwandt, die andere Hälfte hingegen mit den alten Bewohnern des tibetischen Hochlands.

Was wurde in der Höhle entdeckt?

In der Höhle „Old Lady Spider Cave“ in Ladakh wurden die Überreste von zehn Menschen gefunden. Sie befindet sich auf einer Höhe von etwa 4.000 Metern über dem Meeresspiegel.

Diese Region liegt zwischen Südasien, Tibet und Zentralasien. In der Antike führten Handelswege durch diese Gegend, auf denen Menschen und Waren transportiert wurden.

Zunächst bestimmten die Wissenschaftler das Alter der Knochen und extrahierten anschließend deren DNA. Die gewonnenen Daten wurden mit den Genomen alter und moderner Menschen aus verschiedenen Regionen Asiens verglichen.

Was die alte DNA überraschend offenbarte

Alle Menschen aus der Höhle wiesen eine ähnliche genetische Zusammensetzung auf.

Etwa die Hälfte ihrer Abstammung ließ sich auf alte Bevölkerungsgruppen Südasiens zurückführen, die andere Hälfte auf die Bevölkerung des tibetischen Hochlands.

Eine derart nahezu gleichmäßige Mischung ist heutzutage selten anzutreffen. Daher gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Menschen aus der Höhle eine bisher unbekannte antike Bevölkerungsgruppe darstellten.

Es handelt sich dabei nicht um eine eigenständige Zivilisation oder ein Volk mit bekanntem Namen. Die DNA ermöglicht es zwar, die Herkunft der Menschen zu ermitteln, gibt jedoch keinen Aufschluss darüber, wie sie sich selbst nannten, welche Sprache sie sprachen und wie ihre Kultur aussah.

Die Wissenschaftler versuchten zudem zu ermitteln, wann die Vorfahren dieser Menschen begannen, sich zu vermischen.

Nach dem Zusammenschluss verschiedener Gruppen werden die Abschnitte ihrer DNA mit jeder Generation kürzer. Durch die Messung der Länge dieser Abschnitte kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Vermischung vor etwa 2.800 Jahren begann.

Dies geschah etwa 1.300 Jahre vor der Lebenszeit der in der Höhle gefundenen Menschen.

Dabei betonen die Wissenschaftler, dass die Vermischung möglicherweise nicht in Ladakh selbst stattgefunden hat. Die Vorfahren dieser Gruppe könnten aus einer anderen Region dorthin gezogen sein.

Die alte Gruppe ist nicht vollständig verschwunden

Spuren einer ähnlichen Herkunft fanden die Forscher bei einigen heutigen Bewohnern des Himalaya, darunter die Völker der Minaro und der Balti.

Dies bedeutet, dass die alte Gruppe wahrscheinlich nicht spurlos verschwunden ist. Sie hat zur Entstehung der Menschen beigetragen, die heute in dieser Region leben.

Es handelt sich jedoch um ein gemeinsames genetisches Erbe und nicht um eine nachgewiesene direkte Abstammungslinie zwischen bestimmten Menschen der Vergangenheit und der Gegenwart.

Warum dies wichtig ist

Uralte DNA wird in Südasien nur selten gefunden. Das warme Klima und die hohe Luftfeuchtigkeit zerstören genetisches Material schnell, weshalb die Bevölkerungsgeschichte dieser Region weniger gut erforscht ist als beispielsweise die Geschichte der alten Bewohner Europas.

Der neue Fund zeigt, dass sich Menschen aus Südasien und dem tibetischen Hochland bereits vor Tausenden von Jahren vermischten. Er bestätigt zudem, dass das hochgelegene Ladakh lange Zeit ein Ort war, an dem sich verschiedene Bevölkerungsgruppen kreuzten.

Einschränkungen der Studie

Die Wissenschaftler untersuchten lediglich die Überreste von zehn Personen aus einer einzigen Höhle. Daher lassen sich anhand dieser Daten keine Rückschlüsse auf die gesamte Bevölkerung des antiken Ladakhs ziehen.

Die Studie gibt zudem keinen Aufschluss über die Sprache, die Traditionen oder die Lebensweise dieser Gruppe. Sie befasst sich in erster Linie mit der Herkunft der Menschen und den Verbindungen zwischen den antiken Bevölkerungsgruppen.

Quelle

Studie: „Ancient genomes from Ladakh reveal 2800-year-old admixture between Tibetans and South Asians“.

Autoren: Nick Patterson und Mitautoren.

Zeitschrift: Science Advances (2026).