Warum betrachteten Ärzte im Mittelalter die Liebe als Krankheit?

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Unglückliche Liebe konnte einem Menschen schon lange vor dem Aufkommen der modernen Psychologie den Schlaf, den Appetit und die Kräfte rauben. Ärzte der mittelalterlichen islamischen Welt nahmen solche Leiden ernst und beschrieben die quälende Liebesbesessenheit als eigenständige Krankheit.

Sie bezeichneten diesen Zustand als ʿishq – „Ischk“. Zunächst wurde es mit Zügellosigkeit und der Unfähigkeit, seine Begierden zu kontrollieren, in Verbindung gebracht. Doch im Laufe der Zeit änderten sich die Vorstellungen: Ärzte begannen anzuerkennen, dass selbst moralisch integre Menschen, Heilige und Propheten an der Liebe „erkranken“ können.

Die Medizinhistorikerin Nahyan Fancy hat nachgezeichnet, wie sich über mehrere Jahrhunderte hinweg medizinische Erklärungen für Liebeskummer mit Philosophie, Literatur und sufistischen Vorstellungen von der Liebe zu Gott verflochten. Die Ergebnisse wurden in einem wissenschaftlichen Sammelband über mittelalterliche islamische Gesellschaften veröffentlicht.

Was mittelalterliche Ärzte als Liebeskrankheit bezeichneten

Das Wort ʿishq bezeichnete nicht bloße Zuneigung oder ruhige Verbundenheit. Es handelte sich um eine starke, den Menschen völlig vereinnahmende Leidenschaft, die sein Verhalten stören und sich auf seinen körperlichen Zustand auswirken konnte.

Ein Mensch, der unter einer solchen Liebe litt, konnte schwächer werden, seinen Seelenfrieden verlieren und ständig an den Gegenstand seiner Gefühle denken. Mittelalterliche Ärzte versuchten zu verstehen, warum ein Gefühl, das in den Gedanken beginnt, den Zustand des gesamten Körpers verändern kann.

Im Gegensatz zu einigen antiken griechischen Autoren, die die Liebeskrankheit mit Melancholie in Verbindung brachten, betrachteten einige Gelehrte der islamischen Welt ʿishq als eigenständige Krankheit mit eigenen Ursachen und möglichen Behandlungsmethoden.

Zunächst wurden die Verliebten der Zügellosigkeit bezichtigt

In medizinischen Texten des 10. Jahrhunderts wurde die Liebesbesessenheit nicht selten mit den moralischen Eigenschaften des Menschen selbst in Verbindung gebracht.

Einige Ärzte waren der Ansicht, dass insbesondere unwissende, zügellose und unfähige Menschen, ihre Begierden zu beherrschen, dafür anfällig seien. In dieser Vorstellung war die Krankheit nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch die Folge eines schwachen Charakters.

Später begann sich diese Sichtweise jedoch zu wandeln. Autoren der folgenden Jahrhunderte erkannten zunehmend, dass ein starkes Gefühl unbeabsichtigt entstehen kann. Der Mensch entscheidet nicht unbedingt, in wen er sich verliebt, und ist nicht immer in der Lage, diese Gefühle durch Willenskraft zu unterdrücken.

So hörte die Liebeskrankheit allmählich auf, ausschließlich als Vorwurf der Unmoral zu gelten.

Wie Ibn Sina die Liebe mit körperlicher Schwäche in Verbindung brachte

Einer der berühmtesten Ärzte und Philosophen des Mittelalters, Ibn Sina – in Europa als Avicenna bekannt –, beschrieb Fälle, in denen starke emotionale Erregung erkennbare körperliche Symptome hervorrief.

In einem seiner Texte aus dem 11. Jahrhundert berichtete er von einer Frau, die aufgrund von Liebeskummer körperlich geschwächt und krank wurde.

Für Ibn Sina existierten seelischer und körperlicher Zustand nicht getrennt voneinander. Emotionen konnten die Funktionsweise des Organismus verändern, und die körperliche Gesundheit konnte wiederum Gedanken und Gefühle beeinflussen.

Dies erinnert entfernt an das heutige Verständnis des Zusammenhangs zwischen Psyche und Körper, doch lässt sich keine direkte Parallele ziehen. Ibn Sina erklärte Krankheiten anhand der medizinischen Vorstellungen seiner Zeit, die auf dem Gleichgewicht von Körperflüssigkeiten, Temperamenten und Lebenskräften beruhten.

Warum man Liebeskummer mit Körperflüssigkeiten in Verbindung brachte

Im 13. Jahrhundert schlug der Arzt Ibn an-Nafis eine eher physiologische Erklärung für die Liebeskrankheit vor. Er brachte sie mit der Ansammlung von Samenflüssigkeit im Körper in Verbindung.

Seiner Ansicht nach seien insbesondere junge und unverheiratete Menschen hierdurch besonders anfällig. Dabei könne die Krankheit auch bei einem moralisch untadeligen Menschen auftreten, der nichts Verwerfliches begangen habe.

Aus Sicht der modernen Wissenschaft ist diese Erklärung falsch. Für die mittelalterliche Medizin war sie jedoch ein Versuch, einen materiellen Mechanismus zu finden, der Begierde, Gedanken und körperliches Befinden miteinander verband.

Anstatt den Patienten einfach zu verurteilen, versuchten die Ärzte, die Frage zu beantworten: Was genau geschieht im Körper eines Menschen, der nicht aufhören kann, an seine Geliebte zu denken?

Wie Ärzte die Liebe zu behandeln vorschlugen

Die Methoden hingen davon ab, wie der jeweilige Autor die Ursache der Krankheit verstand.

Wurde die Liebeskummer mit unbefriedigtem körperlichem Verlangen in Verbindung gebracht, galten erlaubte sexuelle Beziehungen – vor allem im Rahmen der Ehe – als eines der möglichen Heilmittel. Man ging davon aus, dass die Beseitigung körperlicher Anspannung den Zustand lindern könne.

Dieser Ansatz warf jedoch ein komplexes Problem auf. Was sollte man tun, wenn ein Mensch, dem man keine Zügellosigkeit vorwerfen konnte – beispielsweise ein Heiliger, ein Prophet oder ein religiöser Mystiker –, unter solchen Leiden litt?

Spätere Autoren versuchten, zwischen körperlicher Leidenschaft und geistiger Liebe zu unterscheiden. Sie behaupteten, dass die Verliebtheit eines rechtschaffenen Menschen nicht unbedingt mit sexuellem Verlangen einhergehen müsse und daher einer anderen Erklärung bedürfe.

Diese historischen Ratschläge entsprechen nicht der modernen Medizin und stellen keine Empfehlungen zur Behandlung emotionaler oder psychischer Probleme dar.

Warum die Liebe sogar einen Heiligen befallen konnte

Bis ins Spätmittelalter hinein überschneiden sich die Vorstellungen der Ärzte immer stärker mit Philosophie, Poesie und islamischer Mystik.

In der sufistischen Tradition konnte Liebe das Streben des Menschen nach Gott bedeuten. Sie wurde nicht nur als irdisches Gefühl wahrgenommen, sondern auch als Kraft, die der Existenz der Welt zugrunde liegt.

Besonders einflussreich wurde der sogenannte sufische Weg der Liebe, der unter anderem mit dem Werk des Dichters und Mystikers Dschalal ad-Din Rumi verbunden war.

Vor diesem Hintergrund fiel es einem Arzt bereits schwer zu behaupten, dass jede alles verzehrende Liebe aus Unwissenheit oder Zügellosigkeit entstünde. Wenn große Mystiker die Liebe als Weg zu Gott beschrieben, konnte das Gefühl selbst nicht ausschließlich als Laster angesehen werden.

Die Medizin musste erklären, warum ähnliche äußere Anzeichen – Besessenheit, Vergesslichkeit, Verzicht auf gewöhnliche Wünsche – sowohl weltliche Leidenschaft als auch religiöse Erfahrungen begleiten können.

Wie der Hofarzt weltliche und spirituelle Liebe voneinander trennte

Besondere Aufmerksamkeit widmete Nahyan Fensi den Werken von Ibn al-Mubarak – einem Arzt, der am Hof der osmanischen Sultane Selim I. und Süleyman dem Prächtigen tätig war.

Ibn al-Mubarak führte den Gedanken von Ibn an-Nafis weiter, wonach eine Liebeskrankheit unbeabsichtigt entstehen und besonders tief in moralisch integren Menschen wirken könne.

Er unterschied jedoch zwischen verschiedenen Arten der Liebe.

Die gewöhnliche Liebeskrankheit konnte mit sexuellem Verlangen einhergehen, weshalb zulässige sexuelle Beziehungen als mögliches Mittel zur Linderung angesehen wurden. Die Liebe der Propheten und Heiligen hingegen konnte völlig frei von einem solchen Verlangen sein.

Ibn al-Mubarak erklärte dies mit der Keuschheit des Verliebten selbst oder mit der Vollkommenheit der Schönheit des Geliebten – Gottes. Die Betrachtung dieser Schönheit ließ den Menschen angeblich die körperliche Seite der Liebe vergessen.

So erhielt ein und derselbe Zustand zwei Erklärungen: eine physiologische – für die irdische Leidenschaft – und eine spirituelle – für die religiöse Liebe.

Galt Liebe als psychische Störung?

Mittelalterliche Ärzte beschrieben Liebeskummer tatsächlich als eigenständige Krankheit. Es wäre jedoch ein Anachronismus, ihn als vollwertige psychiatrische Diagnose zu bezeichnen.

Die moderne Psychiatrie stützt sich auf klinische Kriterien, Forschungsergebnisse und internationale Klassifikationen. Die Autoren des 10. bis 16. Jahrhunderts arbeiteten in einem völlig anderen Wissenssystem.

Sie trennten psychische und körperliche Gesundheit nicht so streng voneinander, wie dies heute oft der Fall ist. Gedanken, Moral, Organfunktionen, Körperflüssigkeiten und das geistige Leben konnten als Teile eines einheitlichen Zustands des Menschen betrachtet werden.

Daher ist es zutreffender zu sagen, dass ʿishq als eine besondere medizinische Erkrankung angesehen wurde, die sowohl die Seele als auch den Körper betraf.

Was diese Studie über das Mittelalter aussagt

Die Arbeit widerlegt die vereinfachte Vorstellung, dass mittelalterliche Ärzte emotionale Leiden ausschließlich mit Sünde, Schwäche oder übernatürlichen Kräften erklärten.

Einige von ihnen beobachteten aufmerksam, wie sich emotionale Erlebnisse auf den Körper auswirkten, verglichen verschiedene Fälle und diskutierten über mögliche Ursachen der Erkrankung.

Ihre Theorien mögen aus Sicht der modernen Wissenschaft seltsam erscheinen. Dahinter stand jedoch das Bestreben, echtes menschliches Leiden zu verstehen – Schlafverlust, Schwäche, Zwangsgedanken und die Unfähigkeit, zum normalen Leben zurückzukehren.

Die Studie zeigt zudem, dass sich medizinisches Wissen nicht losgelöst von der Kultur entwickelte. Die Vorstellungen von Liebe veränderten sich unter dem Einfluss von Philosophie, Poesie, religiösen Debatten und sufistischer Mystik.

Kann man hier von den Ansichten der gesamten islamischen Welt sprechen?

Nein. Der Historiker untersuchte die Werke bestimmter Ärzte, Philosophen und Theologen, die in verschiedenen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden.

Diese Texte zeigen, wie gebildete Autoren und Vertreter der medizinischen Tradition über die Liebeskrankheit diskutierten. Sie lassen nicht die Schlussfolgerung zu, dass alle Bewohner mittelalterlicher islamischer Gesellschaften die Liebe auf dieselbe Weise wahrnahmen.

Daher wäre die Formulierung „Im Mittelalter betrachteten alle die Liebe als Krankheit“ unzutreffend.

Korrekter wäre es zu sagen, dass einige einflussreiche Ärzte der islamischen Welt die krankhafte Liebesbesessenheit als eigenständige Krankheit herausstellten und über deren Natur diskutierten.

Warum dies wichtig ist

Die Geschichte des ʿishq zeigt, dass die Menschen bereits vor mehr als tausend Jahren versuchten, die zerstörerische Kraft unglücklicher Liebe zu verstehen.

Die mittelalterlichen Erklärungen unterschieden sich erheblich von den heutigen, doch die Symptome selbst sind nach wie vor wiedererkennbar: Zwangsgedanken, Kraftverlust, Schlafstörungen und das Gefühl, dass der emotionale Schmerz zu körperlichem Schmerz geworden ist.

Gleichzeitig änderte sich die Einstellung gegenüber dem Betroffenen selbst. Zunächst wurde dem Leidenden möglicherweise Zügellosigkeit und mangelnde Selbstbeherrschung vorgeworfen. Später erkannten Ärzte, dass ein solcher Zustand ohne bewusste Entscheidung entstehen kann und nicht automatisch auf einen moralischen Verfall hindeutet.

Dies war ein wichtiger Wendepunkt: Liebeskummer wurde fortan nicht mehr nur als Laster betrachtet, sondern auch als Leid, das einer Erklärung bedarf.

Hintergrund

Vorstellungen von der Liebeskrankheit gab es nicht nur in der islamischen Welt. Sie wurde bereits von antiken griechischen und römischen Ärzten diskutiert, später auch von europäischen Autoren des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Die medizinische Tradition islamischer Gesellschaften entwickelte jedoch eigene Debatten über den Zusammenhang von ʿishq mit Melancholie, körperlichen Vorgängen, Moral und religiöser Liebe.

Nakhian Fensi ist spezialisiert auf die Geschichte der Wissenschaft und Medizin in islamischen Gesellschaften vom etwa 11. bis zum 16. Jahrhundert, wobei sie besonderes Augenmerk auf das Zusammenspiel von Medizin, Philosophie und Religion legt.

Quelle

Nahyan Fancy,„Medical Discussions on Lovesickness (ʿIshq) during the Postclassical Period“, Kapitel 9 in: From Cairo to Jerusalem and Beyond: Studies of the Later Islamic Middle Period in Honor of Linda Stevens Northrup, Brill, 2026.