Wissenschaftler haben das Geheimnis eines langen Lebens gelüftet

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Der Mensch lebt länger als andere Primaten, doch der Grund dafür könnte tiefer liegen als nur in der Medizin, der Ernährung oder dem Lebensstil. Eine neue Studie hat gezeigt: Die verlangsamte Alterungsrate könnte bereits vor 20 bis 30 Millionen Jahren bei unseren fernen Vorfahren aufgetreten sein – lange vor dem Erscheinen des modernen Menschen.

Wissenschaftler haben Daten zur Lebensdauer von 39 Primatenarten untersucht – von Marmosetten bis hin zu Menschenaffen und Menschen. Es zeigte sich, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei den verschiedenen Arten stark variiert, die Alterungsgeschwindigkeit bei den Menschenaffen jedoch über Millionen von Jahren hinweg erstaunlich stabil geblieben ist.

Details

Die Forscher nutzten Daten aus der „Primate Aging Database“ – einer Datenbank, in der Informationen über das Leben von Primaten aus Zoos, Auffangstationen und Naturschutzorganisationen gesammelt werden. Auf der Grundlage dieser Daten bewerteten sie die Alterungsparameter bei 39 Arten und versuchten zu rekonstruieren, wie ihre gemeinsamen Vorfahren gealtert sein könnten.

Für die Analyse verwendeten die Wissenschaftler das Gompertz-Modell. Es beschreibt, wie das Sterberisiko mit zunehmendem Alter steigt. Einfach ausgedrückt zeigt das Modell nicht nur, „wie lange ein Tier lebt“, sondern auch, wie schnell die Wahrscheinlichkeit zu sterben mit zunehmendem Alter zunimmt.

Und hier ergab sich ein unerwartetes Ergebnis: Die Lebensdauer bei Primaten kann um fast das Zehnfache variieren – von etwa 8 Jahren bei Marmosetten bis zu etwa 80 Jahren beim Menschen –, doch die Alterungsgeschwindigkeit änderte sich nicht so stark, wie man hätte erwarten können.

Worin liegt das „Geheimnis“?

Der Kerngedanke der Studie besteht darin, zwei Aspekte voneinander zu trennen: das Sterberisiko im Erwachsenenalter und die Alterungsgeschwindigkeit.

Ersteres bezieht sich darauf, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, an Krankheiten, Verletzungen, Umweltbedingungen, Raubtieren, Infektionen oder anderen Faktoren zu sterben. Letzteres bezieht sich darauf, wie schnell sich der Organismus mit zunehmendem Alter verschlechtert.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass sich bei Primaten gerade das Grundsterberisiko stark verändert hat, während die Geschwindigkeit der altersbedingten Verschlechterung konstanter blieb. Bei den Vorfahren der Menschenaffen könnte sie in etwa derjenigen moderner Menschen entsprochen haben.

Mit anderen Worten: Die Menschen haben nicht einfach „plötzlich gelernt, lange zu leben“. Das langsame Altern könnte ein uraltes Merkmal sein, das in der Abstammungslinie der Menschenaffen schon lange vor dem Homo sapiens auftrat.

Warum leben Menschen länger?

Die Studie besagt nicht, dass der Mensch allein aufgrund eines einzigen biologischen Mechanismus länger lebt. Die Lebenserwartung wird durch Medizin, Ernährung, Sicherheit, soziale Bedingungen und den Rückgang der Sterblichkeit im jungen und mittleren Alter beeinflusst.

Die Studie zeigt jedoch einen wichtigen Aspekt auf: Der Mensch könnte über eine uralte evolutionäre Grundlage für langsames Altern verfügen. Laut dem Erstautor der Studie, Eugene Melamud, war die Alterungsgeschwindigkeit entfernter Vorfahren, die bis zur Trennung der Menschenaffen und der Altweltaffen zurückreicht, in etwa dieselbe wie bei den Menschen heute.

Dies bedeutet, dass es möglicherweise nicht ausreicht, nach den biologischen Grundlagen eines langen Lebens ausschließlich innerhalb menschlicher Populationen zu suchen. Es sind Vergleiche zwischen verschiedenen Primatenarten erforderlich.

Warum dies wichtig ist

Wenn das langsame Altern bereits vor so langer Zeit einsetzte, könnten seine Mechanismen tief in der Biologie der Menschenaffen verankert sein. Dies könnte Wissenschaftlern dabei helfen, nach molekularen und physiologischen Merkmalen zu suchen, die mit einem langsameren altersbedingten Verfall des Organismus in Verbindung stehen.

Die Autoren sind der Ansicht, dass weitere Untersuchungen verschiedene Primatenarten vergleichen und nach biochemischen Indikatoren suchen sollten, die mit der Alterungsgeschwindigkeit in Zusammenhang stehen. Dies könnte in Zukunft zu einem besseren Verständnis darüber beitragen, warum manche Arten schneller altern als andere.

Dies ist jedoch kein direkter Weg zu einer „Pille gegen das Altern“. Es handelt sich um eine Grundlagenforschung darüber, wie die Evolution den Alterungsprozess geprägt hat.

Hintergrund

Der Mensch zeichnet sich unter den Primaten seit langem durch eine hohe Lebenserwartung aus. Doch eine Frage blieb offen: Ist dies das Ergebnis der jüngeren Evolution des Menschen oder ein uraltes Merkmal unserer Abstammungslinie?

Eine neue Studie neigt zur zweiten Option. Sie zeigt, dass langsames Altern bereits vor Dutzenden von Millionen Jahren bei den Vorfahren der Menschenaffen entstanden sein könnte und sich seitdem relativ stabil gehalten hat.

Dies verändert die Fragestellung grundlegend. Anstelle von „Warum wurde der Mensch plötzlich langlebig?“ schlagen die Wissenschaftler vor, zu fragen: Warum hat die Linie der Menschenaffen schon vor so langer Zeit ein langsames Alterungstempo entwickelt und wie wurde dieses durch die Evolution aufrechterhalten?

Quelle

Studie: Eugene Melamud, Wendy Newton, Joseph W. Kemnitz – „Phylogenetic reconstruction of ancestral ageing rates in the primate lineage“, Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 2026.