Wissenschaftler haben die Geschichte eines Plastikdeckels aufgeklärt, der den Ozean durchquert hat
Ein gewöhnlicher Plastikflaschenverschluss, der vor der Südküste Japans gefunden wurde, entpuppte sich als regelrechte schwimmende Insel für Meerestiere. Während ihrer Reise über den Ozean hatten sich 307 Lebewesen auf ihr angesiedelt, und im Inneren hatte sich sogar ein großer Meereswurm eingenistet, der den Deckel zu einem Zufluchtsort für andere Bewohner machte.
Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen, den Weg eines kleinen Plastikstücks nahezu vollständig nachzuvollziehen. Dazu kombinierten sie die Analyse von Organismen, die Untersuchung der chemischen Zusammensetzung ihrer Schalen sowie computergestützte Modellierungen der Meeresströmungen.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Marine Pollution Bulletin“ veröffentlicht.
Eine echte schwimmende Insel
Auf der Oberfläche des Plastikstücks entdeckten die Forscher Vertreter von neun Gruppen mariner Organismen.
Darunter befanden sich Schnabelkrebse, Mooskrebse, Foraminiferen, Plattwürmer und zahlreiche röhrenbildende Mehrborstenwürmer. Etwa drei Viertel aller gefundenen Tiere machten kleine, kalkröhrenbildende Würmer aus.
Der wichtigste Fund war der Vielborstenwurm Eunice bipapillata, der sich im Inneren des Deckels einen großen Unterschlupf gebaut hatte. Dank ihm verwandelte sich der Plastikmüll in einen komplexen dreidimensionalen Lebensraum, in dem sich andere Organismen ansiedeln konnten.
Dabei kommen einige Arten normalerweise nur in warmen tropischen Gewässern vor und wurden zuvor in dem Gebiet, in dem der Deckel gefunden wurde, noch nicht verzeichnet.
Wie die Wissenschaftler die Route des Deckels rekonstruierten
Um herauszufinden, woher der Plastikmüll stammt, wandten die Forscher gleich drei unabhängige Methoden an.
Erstens untersuchten sie die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft der Organismen, die sich auf dem Deckel angesiedelt hatten. Einige Arten sind typisch für Küstengebiete, andere für den offenen Ozean, was Aufschluss darüber gab, welche Gebiete der Kunststoff durchquert hatte.
Zweitens untersuchten die Wissenschaftler die Schalen von Foraminiferen – einzelligen Organismen, die Informationen über ihre Umgebung speichern können. Anhand des Verhältnisses der stabilen Isotope stellten sie fest, dass sich der Deckel zuvor in wärmeren Gewässern befunden hatte.
Schließlich berechneten die Forscher mithilfe eines Computermodells der Meeresströmungen die wahrscheinliche Route.
Ihren Schätzungen zufolge könnte der Deckel seine Reise an der Nordküste der Philippinen begonnen haben, anschließend in den Kuroshio-Strom geraten sein und mindestens 70 Tage, möglicherweise sogar mehrere Monate, bis zur japanischen Küste getrieben sein.
Warum Plastikmüll gefährlicher ist, als es den Anschein hat
Plastik zersetzt sich sehr langsam und kann jahrelang an der Meeresoberfläche verbleiben.
Im Gegensatz zu Holz oder Algen, die nach und nach zerfallen, können Kunststoffgegenstände Meeresorganismen über Tausende von Kilometern transportieren.
Dadurch werden sie zu einer Art „Schiffen“, auf denen ganze Tiergemeinschaften reisen.
Wenn solche Organismen in eine neue Region gelangen und sich dort erfolgreich ansiedeln, können sie zu invasiven Arten werden, die einheimische Arten verdrängen und Ökosysteme verändern.
Warum dieser Deckel das besondere Interesse der Wissenschaftler geweckt hat
Die Forscher stellen fest, dass sich im Inneren des Deckels nicht einfach nur eine zufällige Tierkolonie gebildet hat.
Der Mehrborstenwurm hat einen komplexen Lebensraum geschaffen, in dem andere Arten leben konnten. Daher bezeichnen Wissenschaftler ihn als „Ökosystemingenieur“ – einen Organismus, der die Umwelt verändert und Lebensbedingungen für andere Lebewesen schafft.
Im Grunde hat sich ein gewöhnlicher Plastikdeckel in ein kleines Ökosystem verwandelt, das durch den Ozean treibt.
Warum dies wichtig ist
Die Studie zeigt, dass Plastikverschmutzung nicht nur deshalb eine Gefahr darstellt, weil sich Tiere im Müll verfangen oder ihn verschlucken.
Selbst ein kleiner Kunststoffgegenstand kann Dutzende oder Hunderte von Organismen über die Ozeane transportieren und so zur Ausbreitung von Arten weit über die Grenzen ihres natürlichen Verbreitungsgebiets hinaus beitragen.
Hintergrund
Wissenschaftler wussten bereits, dass Plastik im Meer verschiedenen Organismen als „Floß“ dienen kann. Bislang untersuchten Studien jedoch meist große Müllansammlungen oder einzelne Tiergruppen.
Die neue Studie ist die erste, in der es gelang, die Reise eines bestimmten Plastikgegenstands detailliert nachzuvollziehen, indem Daten über die darauf angesiedelten Organismen, die chemische Analyse ihrer Schalen und die Modellierung der Meeresströmungen miteinander kombiniert wurden.
Quelle
Naoto Jimi et al. Multi-proxy reconstruction of bottle-cap rafting using biofouling communities, stable isotopes and drift modeling. Marine Pollution Bulletin (2026).