Die rätselhaften GPS-Störungen in Europa wurden mit russischen Satelliten in Verbindung gebracht

Die rätselhaften Störungen der Satellitennavigation über Europa, Grönland und Kanada könnten ihren Ursprung nicht auf der Erde, sondern im Weltraum gehabt haben. Forscher der University of Texas at Austin und der Stanford University haben eine Reihe starker, kurzzeitiger GNSS-Störungen analysiert und diese mit russischen Frühwarnsatelliten in Verbindung gebracht.

GNSS ist die Sammelbezeichnung für Satellitennavigationssysteme, darunter GPS, Galileo, GLONASS und BeiDou. Im Alltag spricht man meist von „GPS“, doch für die Luftfahrt, die Schifffahrt, die Logistik und die Zeitmessung ist die gesamte Infrastruktur der Satellitennavigation von Bedeutung.

Details

Die Studie befasst sich mit ungewöhnlichen Störungen, die zwischen 2019 und 2026 registriert wurden. Den Angaben der Autoren zufolge betrafen diese Störungen GNSS-Bodenstationen in weiten Teilen Europas, Grönlands und Kanadas. Diese Ereignisse waren von kurzer Dauer: In der Regel dauerten sie weniger als 10 Sekunden, verschlechterten jedoch in dieser Zeit die Empfangsqualität des Signals erheblich.

Besonders wichtig ist, dass die Störungen den GPS-L1-Band betrafen. Dies ist eine der wichtigsten Frequenzen, die von der Zivilluftfahrt, der Schifffahrt und Zeitmesssystemen genutzt wird. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin: Starke Störungen dieser Größenordnung in diesem Band geben Anlass zu ernsthafter Besorgnis.

Die Forscher nutzten Daten eines Netzwerks von bodengestützten GNSS-Stationen. Sie untersuchten, wo und wann das Signal-Rausch-Verhältnis gleichzeitig abfiel – vereinfacht gesagt, wie stark die Empfänger an Signalqualität „verloren“. Wenn ein ähnlicher Ausfall an mehreren Stationen gleichzeitig auftrat, wurde dies als großflächiges Störereignis gewertet.

Insgesamt identifizierten die Autoren 75 Tage, an denen mindestens ein starkes, kurzzeitiges Ereignis auf der GPS-L1-Frequenz verzeichnet wurde. Die frühesten derartigen Störungen im analysierten Datensatz stammen aus dem Oktober 2019. Die Forscher stellten zudem fest, dass die Ereignisse häufiger an Werktagen und während der Arbeitszeiten nach UTC auftraten, was ihrer Meinung nach auf menschliches Zutun hindeutet und nicht auf ein rein zufälliges Naturphänomen.

Um eine mögliche Quelle zu finden, verglich das Team die Daten der Bodenstationen mit den Orbitalkatalogen. Vereinfacht funktioniert dies so: Wenn die Störung gleichzeitig an verschiedenen Punkten sichtbar ist, lässt sich abschätzen, woher das Signal stammen könnte, und anschließend überprüfen, welche Satelliten sich zu diesem Zeitpunkt in einer passenden Position befanden.

In einem der eingehend untersuchten Fälle ergab die Analyse den Satelliten Kosmos-2546 als Ursache. Die Autoren betonen jedoch, dass dieser Satellit nicht alle Ereignisse erklären konnte: Das Gerät wurde erst im Jahr 2020 gestartet, während die Störungen bereits 2019 registriert wurden. Daher ziehen die Forscher eine weitergehende Schlussfolgerung: Die wahrscheinliche Quelle könnte nicht ein einzelnes Gerät gewesen sein, sondern das russische Frühwarnsystem „Einheitliches Weltraumsystem“ mit mehreren Satelliten in hochelliptischen Umlaufbahnen vom Typ „Molniya“.

Einfacher ausgedrückt: Die Forscher behaupten nicht, dass sie „einen einzigen Satelliten gefunden haben, der das GPS ständig gestört hat“. Ihre These ist komplexer: Eine Reihe ähnlicher, kurzzeitiger Störungen könnte von einer Gruppe russischer Satelliten ausgegangen sein, die über die nördliche Hemisphäre flogen.

Warum dies wichtig ist

Die Satellitennavigation ist längst Teil der kritischen Infrastruktur geworden. Sie wird nicht nur für Karten auf dem Smartphone benötigt. GNSS wird von Flugzeugen, Schiffen, Eisenbahn- und Energiesystemen, Finanznetzwerken, Telekommunikation und Zeitdienstleistungen genutzt.

Europäische Luftfahrtbehörden betrachten GNSS-Störungen bereits als wachsendes Problem. Im März 2026 veröffentlichten die EASA und EUROCONTROL einen gemeinsamen Aktionsplan für den sicheren Flugbetrieb während solcher Ereignisse. In dem Dokument heißt es, dass GNSS-Störungen zu einem regelmäßigen Phänomen geworden sind, insbesondere an den Grenzen von Konfliktgebieten, und eine Gefahr für die Sicherheit darstellen, obwohl Flugzeuge ihren Flug auch ohne GNSS fortsetzen können.

Die Neuheit des Preprints besteht darin, dass er nicht die üblichen Störquellen am Boden, sondern eine mögliche Quelle im Weltraum untersucht. Sollte sich diese Interpretation bestätigen, würde dies eine komplexere Bedrohungslage bedeuten: Ein Signal aus dem Weltraum könnte potenziell riesige Gebiete abdecken.

Hintergrund

Störungen der Satellitennavigation können unterschiedlicher Art sein. Jamming bezeichnet die Unterdrückung des Signals, bei der der Empfänger daran gehindert wird, ein normales Navigationssignal zu empfangen. Spoofing ist die Manipulation des Signals, bei der das System falsche Koordinaten oder Zeitangaben erhält. In beiden Fällen können die Folgen schwerwiegend sein, insbesondere für den Verkehr und kritische Infrastrukturen.

In den letzten Jahren haben Berichte über GNSS-Störungen zugenommen, insbesondere in Gebieten in der Nähe von militärischen Konflikten. Die meisten dieser Vorfälle werden jedoch mit bodengestützten oder bodennahen Quellen in Verbindung gebracht. Die Autoren des neuen Preprints sind der Ansicht, dass sich die von ihnen beschriebene Serie davon unterscheidet: Die Störungen waren kurz, stark, über große Entfernungen synchron und konnten nicht durch eine einzige bodengestützte Quelle erklärt werden.

Genau aus diesem Grund bezeichnen sie eine mögliche kosmische Quelle als besonders bedeutsam. Ihrer Formulierung zufolge könnte es, falls solche Ereignisse absichtlich herbeigeführt wurden, eine qualitative Eskalation im Bereich der Störungen der Satellitennavigation bedeuten.

Quelle

Preprint: Zachary L. Clements, Argyris Kriezis, Todd E. Humphreys, Chasing Lightning: Detecting, Characterizing, and Identifying a Powerful Space-Based GNSS Interference Source, arXiv, 2026.