Ein Ziegenzahn trug dazu bei, das Geheimnis der antiken griechischen Festmähler zu lüften
Ein einziger Ziegenzahn kann mehr über das antike Griechenland verraten, als man vermuten würde. Wissenschaftler untersuchten chemische Spuren in den Zähnen von Schafen und Ziegen aus der antiken Siedlung Azoria auf Kreta und kamen einer Antwort auf eine fast hundert Jahre andauernde Debatte näher: Wie hielten die Griechen Tiere für den Verzehr, für Hausmahlzeiten und für große gesellschaftliche Festessen?
Es stellte sich heraus, dass es kein einheitliches System gab. Einige Tiere wurden vermutlich in der Nähe von Häusern und Feldern als Teil des üblichen Haushalts gehalten. Andere wurden möglicherweise in größeren Herden gezüchtet, zwischen saisonalen Weideplätzen hin- und hergetrieben oder speziell für gemeinschaftliche Festmähler gefüttert.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Archaeological and Anthropological Sciences“ veröffentlicht.
Worin bestand das Rätsel?
Fast hundert Jahre lang stritten sich Wissenschaftler darüber, wie Schafe und Ziegen im antiken Griechenland gehalten wurden. Einer Theorie zufolge bildeten große Herden die Grundlage, die saisonal von den Sommerweiden auf die Winterweiden getrieben wurden. Nach einer anderen These lebten die Tiere näher an den Häusern und Feldern, weideten auf lokalen Flächen, ernährten sich von Ernte Resten und waren Teil einer gemischten Landwirtschaft.
Eine neue Studie zeigt: Beide Seiten könnten Recht gehabt haben. Am Beispiel von Azoria lässt sich erkennen, dass kleine lokale Herden die Haushalte versorgten, während für öffentliche Festessen Tiere aus spezialisierteren, größeren Herden genutzt werden konnten.
Wie die Zähne der Tiere das Geheimnis enthüllten
Die Wissenschaftler nutzten die Isotopenanalyse. Diese Methode ermöglicht es, anhand der chemischen Zusammensetzung von Knochen und Zähnen zu erkennen, wovon sich ein Tier ernährte und ob es in den verschiedenen Jahreszeiten seine Weideplätze wechselte.
Im Rahmen der Studie wurden 50 Zähne von Schafen und Ziegen sowie die Unterkieferknochen von 40 dieser Tiere analysiert. Dies ist einer der ersten umfangreichen Datensätze dieser Art innerhalb einer antiken griechischen Siedlung.
Zähne sind besonders aufschlussreich, da sie nach und nach wachsen und eine „Aufzeichnung“ des Lebens des Tieres bewahren. Anhand dieser Daten lassen sich saisonale Veränderungen erkennen: ob sich eine Ziege von einheimischen Pflanzen ernährte, ob sie an einen anderen Ort getrieben wurde oder ob sie speziell angebautes Futter erhielt.
Was über gewöhnliche Wohnhäuser herausgefunden wurde
In Azoria fanden Archäologen Tierreste sowohl in Wohnhäusern als auch in öffentlichen Gebäuden, in denen Festmähler stattfanden. Dies ermöglichte einen Vergleich, woher das Fleisch für die tägliche Ernährung und für große gemeinschaftliche Festessen stammte.
Die Tiere, die in den Häusern verzehrt wurden, entsprachen den Isotopendaten zufolge eher der lokalen Landwirtschaft. Sie lebten wahrscheinlich in der Nähe von Bauernhöfen, weideten in der Umgebung und ernährten sich von saisonalen Pflanzen. Ein solches Modell passt gut zu der Vorstellung von kleinen Herden, die mit dem Alltagsleben der Familie verbunden waren.
Und wie sieht es mit den Piram aus?
Bei den gemeinschaftlichen Piram-Feiern ergab sich ein anderes Bild. Die Tiere, deren Überreste an Orten gemeinschaftlicher Festmähler gefunden wurden, wiesen andere Isotopenmerkmale auf. Ein Teil von ihnen wurde vermutlich zwischen Sommer- und Winterweiden hin- und hergetrieben. Andere erhielten möglicherweise das ganze Jahr über eine stabilere Futterversorgung.
Dies bedeutet, dass große Festmähler nicht nur auf die übliche Hauswirtschaft zurückgreifen konnten, sondern auf ein besser organisiertes Versorgungssystem. Möglicherweise verfügte die Gemeinschaft über spezielle Herden, die die bürgerlichen Festmähler und religiösen Opfergaben mit Fleisch versorgten.
Warum waren Festmähler so wichtig?
Im antiken Griechenland war ein Festmahl mehr als nur eine Mahlzeit. Es war Politik, Religion und Gemeinschaftsleben. Die Menschen versammelten sich, aßen Fleisch, besprachen Angelegenheiten, nahmen an Ritualen teil und bekräftigten ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft.
Daher ist die Frage „Woher stammten die Tiere für die Festmähler?“ tatsächlich weitreichender. Sie hilft zu verstehen, wie die frühen griechischen Stadtstaaten ihre Ressourcen organisierten, gesellschaftliche Institutionen aufrechterhielten und das Fleisch unter den Bürgern verteilten.
Forscher gehen davon aus, dass große öffentliche Festmähler in Azoria durch eine spezialisiertere Herdenbewirtschaftung finanziert worden sein könnten. Dies könnte die politische Einheit und Stabilität der frühen Stadtgemeinschaften gestärkt haben.
Warum es sich nicht nur um eine Geschichte über eine Ziege handelt
Der Ausdruck „Ziegenzahn“ eignet sich gut als Aufhänger, doch tatsächlich ist die Studie viel umfassender. Die Wissenschaftler untersuchten Dutzende von Zähnen und Knochen und verglichen die chemischen Daten mit dem archäologischen Kontext: wo genau die Überreste gefunden wurden – in Wohnhäusern oder an Orten gemeinschaftlicher Festmähler.
Genau das macht die Schlussfolgerung so aussagekräftig. Es geht nicht um einen einzelnen Zufallsfund, sondern um den Versuch, ein ganzes System der antiken Landwirtschaft zu rekonstruieren: Wer hielt die Tiere, wo weideten sie, wovon ernährten sie sich und wie gelangten sie auf den Tisch?
Hintergrund
Azoria ist eine antike Siedlung auf Kreta. Sie ist für Archäologen besonders wertvoll, da sie Einblicke in das gesellschaftliche Leben zur Zeit der Entstehung der griechischen Stadtstaaten gewährt. In öffentlichen Gebäuden wurden Spuren gemeinschaftlicher Mahlzeiten gefunden, in Wohnhäusern hingegen Reste der täglichen Verpflegung.
Schon zuvor war den Wissenschaftlern bewusst, dass das Essen in der antiken griechischen Gesellschaft eine enorme Rolle spielte. Die neue Analyse zeigt jedoch, dass hinter den Festmahlen nicht nur Kultur, sondern auch ein komplexes Wirtschaftssystem stand.
Quelle
Studie: Flint Dibble et al., „The agropastoral debate in context: the relationship between the consumption and management of animals at Azoria on Crete“, Archaeological and Anthropological Sciences, 2026.