Wissenschaftler haben herausgefunden, warum der eine Bruder in einem prächtigen Grab beigesetzt wurde, der andere hingegen am Rande des Friedhofs

Fotos von den Ausgrabungen: Steinkreis mit den Gräbern 47 und 48 – P. Gérard, Grab 24 – B. Noost, Grab 40 – D. Nikolaeva sowie die Stratigraphie der Fundstätte. Quelle: Alcouffe et al., 2026.

Die beiden Brüder gehörten derselben Familie an, lebten in der Welt eines alten Steppenreichs und waren durch Blutsverwandtschaft verbunden. Doch nach ihrem Tod trennten sie mehr als 200 Meter: Der eine wurde neben seiner Frau in einem der reichsten Gräber beigesetzt, der andere am Rande des Friedhofs.

Eine neue Untersuchung der Nekropole von Tamir in der Mongolei zeigt: Für die nomadische Elite der Xiongnu war die Verwandtschaft zwar wichtig, aber nicht ausschlaggebend. Die Position im Grab, der Reichtum der Grabbeigaben und die Nähe zum Zentrum des Friedhofs konnten vom Status, der politischen Rolle und der symbolischen Zugehörigkeit der betreffenden Person abhängen.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Antiquity“ veröffentlicht.

Die Autoren kombinierten alte DNA, archäologische Daten, Statistik, maschinelles Lernen und eine Methode, die der Erstellung eines „Stammbaums“ ähnelt – allerdings nicht für Gene, sondern für Bestattungsbräuche.

Details

Die Nekropole von Tamir befand sich auf dem Gebiet des antiken Mongolei und wurde etwa vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. genutzt. Dort wurden Menschen bestattet, die mit den Xiongnu in Verbindung standen – dem ersten großen Nomadenreich der Steppen Zentralasiens, das mit der chinesischen Han-Dynastie rivalisierte.

Frühere Analysen alter DNA hatten gezeigt, dass es auf dem Friedhof zwei verwandte Linien gab – vorläufig als A und B bezeichnet. Diese lassen sich über fünf bis sechs Generationen hinweg nachverfolgen. Daneben gab es jedoch auch Menschen, die nicht zu diesen Familien gehörten. Insgesamt wurden 44 Gräber und 47 Personen in die Untersuchung einbezogen, von denen 19 genetisch miteinander verwandt waren.

Das eindrucksvollste Beispiel sind zwei Brüder derselben Generation. Einer von ihnen wurde in Grab 25 zusammen mit der Ehefrau aus Grab 13B beigesetzt. Es handelte sich um eine der reichsten Bestattungen des Areals, die sich in der Nähe der Vertreter der Linie A befand. Sein Bruder aus Grab 48 lag mehr als 200 Meter weiter nördlich, am Rande der Nekropole.

Das heißt, sie stammten zwar aus derselben Familie, hatten jedoch einen unterschiedlichen Status nach dem Tod.

Warum wurden die Brüder unterschiedlich bestattet?

Die Forscher gehen davon aus, dass es nicht nur um die Familie ging. Der Bruder, der reich und näher am Elitencluster bestattet wurde, hatte wahrscheinlich einen höheren Status oder eine wichtigere Verbindung zur Herrscherlinie. Auch seine Ehe könnte eine Rolle gespielt haben: Die Bestattung neben seiner Frau und einer angesehenen Gruppe deutet auf eine Verbindung hin, die politische oder symbolische Bedeutung hatte.

Der zweite Bruder hatte zwar das Recht, auf diesem Friedhof beigesetzt zu werden, wurde jedoch am Rande beigesetzt. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin: Eine solche Anordnung könnte auf eine interne Hierarchie sogar innerhalb der „Familie“ hindeuten. Er war zwar ein Verwandter, nahm aber, gemessen an der Lage des Grabes, keinen zentralen Platz im System der Erbfolge, der Macht oder der Legitimität ein.

Einfacher ausgedrückt: In dieser Steppenelite reichte es nicht aus, der Bruder einer bedeutenden Person zu sein. Man musste selbst den richtigen Platz im Geflecht aus Macht, Ehen und Bündnissen einnehmen.

Was die Computermodelle zeigten

Die Wissenschaftler haben die beiden Gräber nicht nur mit bloßem Auge verglichen. Sie untersuchten, welcher Faktor die Gestaltung des Friedhofs stärker beeinflusst: Verwandtschaft, Reichtum, Status oder kulturelle Traditionen.

Dazu setzten sie mehrere Methoden ein. Statistische Modelle untersuchten, inwiefern Grabbeigaben und die Anordnung der Gräber mit Verwandtschaftsverhältnissen und Reichtum zusammenhängen. Mithilfe von maschinellem Lernen wurde nach versteckten Gruppen in den Daten gesucht. Eine Methode aus der Evolutionsbiologie half dabei, keinen biologischen, sondern einen „kulturellen Stammbaum“ zu erstellen – basierend auf der Ähnlichkeit von Bestattungsritualen, Gegenständen und der Lage der Leichname.

Das Ergebnis sprach nicht für die einfache Erklärung „Dies ist ein Familienfriedhof“. Verwandtschaftsbeziehungen waren zwar vorhanden, stellten jedoch keine übergeordnete Regel dar. Die Organisation der Nekropole wurde stärker von sozioökonomischen Faktoren, Machtverhältnissen, Bündnissen und symbolischer Zugehörigkeit bestimmt.

Warum dies wichtig ist

Auf den ersten Blick erscheint ein antiker Friedhof mit Verwandten als Familienfriedhof. Doch Tamir zeigt ein komplexeres Bild: Die Familie konnte zwar ein Mittel sein, um den Anspruch auf einen bestimmten Status zu bekräftigen, garantierte jedoch keine einheitlichen Ehrenbezeugungen.

Selbst innerhalb einer einzigen Verwandtschaftslinie konnten Menschen unterschiedliche Positionen einnehmen. Ein Bruder konnte Teil der zentralen Elite sein, während ein anderer am Rande blieb. Die einen wurden neben bedeutenden Persönlichkeiten und mit kostbaren Gegenständen beigesetzt, die anderen weiter entfernt, mit bescheideneren Grabbeigaben oder symbolisch weniger auffällig.

Dies verändert die Sichtweise auf die Gesellschaft der Xiongnu. Sie war nicht bloß ein Zusammenschluss von Sippen, in dem allein die Blutsverwandtschaft ausschlaggebend war. Es handelte sich um ein imperiales System, in dem Macht, Heiratsbündnisse, politische Legitimität und der Platz des Einzelnen in einer umfassenderen Hierarchie von Bedeutung waren. Die Autoren der Studie beschreiben dies als eine Welt, die nicht nur durch biologische Verwandtschaft, sondern auch durch das Zusammenspiel von Macht, Bündnissen und symbolischer Zugehörigkeit geprägt war.

Hintergrund

Die Xiongnu waren die erste bekannte große politische Macht in den nomadischen Steppen Zentralasiens. Ihr Reich entstand zwischen dem 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. und stand lange Zeit in einem komplexen Verhältnis zur chinesischen Han-Dynastie.

Die Nekropole von Tamir liegt auf einem Felsvorsprung über der Aue, unweit des Zusammenflusses der Flüsse Tamir und Orkhon. Der östliche Teil des Friedhofs, der in dieser Arbeit untersucht wurde, umfasst Gräber der Elite. Einige davon wiesen große Steinkreise und tiefe Grabgruben auf.

Die Forscher vermuten, dass die beiden verwandtschaftlichen Linien auf dem Friedhof die Aufteilung der Macht bei den Hunnen in einen rechten und einen linken Zweig widerspiegeln könnten. In einem solchen System war die Verwandtschaft zwar wichtig, stand jedoch im Zusammenspiel mit der politischen Struktur. Daher konnte der Platz eines Menschen nach dem Tod davon abhängen, inwieweit er mit der direkten Machtlinie verbunden war.

Quelle

Studie: Ameline Alcouffe und Mitautoren, „Genetic relatedness, social status and cemetery organisation: the Xiongnu Tamir necropolis, Mongolia“, Zeitschrift Antiquity, 2026.