Unter dem Amazonas-Dschungel wurden Spuren einer riesigen antiken Zivilisation entdeckt
Ein internationales Forscherteam hat unter den dichten Wäldern des Amazonasgebiets Hunderte bisher unbekannter archäologischer Stätten entdeckt. Die Analyse ergab, dass es hier vor etwa zweitausend Jahren ein ausgedehntes Netz von Siedlungen gab, in denen nach Schätzungen der Wissenschaftler zwischen 1,25 und 3 Millionen Menschen gelebt haben könnten.
Die Studie befasste sich mit der antiken Kultur der Aquirí, die auf dem Gebiet des heutigen brasilianischen Bundesstaates Acre etwa vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 9. Jahrhundert n. Chr. existierte.
Mithilfe der LiDAR-Technologie – einer Laserscanning-Methode aus der Luft, die es ermöglicht, die Erdoberfläche durch dichte Vegetation hindurch zu „sehen“ – untersuchten die Wissenschaftler rund 4.500 Quadratkilometer Dschungelgebiet.
Unter den Bäumen entdeckten sie mehr als 400 gut erhaltene archäologische Stätten, darunter riesige Erdbauwerke, zeremonielle Plätze und gerade Straßen.
Details
Nach der Untersuchung der gefundenen Denkmäler berechneten die Forscher, wie viele solcher Bauwerke auf dem gesamten Gebiet der Aquiri-Kultur mit einer Fläche von etwa 183.000 Quadratkilometern existiert haben könnten.
Ihren Schätzungen zufolge befanden sich dort mehr als 20.000 große zeremonielle Zentren.
Auf der Grundlage dieser Daten kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass hier bereits zu Beginn unserer Zeitrechnung zwischen 1,25 und 3 Millionen Menschen gelebt haben könnten. Sollten sich diese Berechnungen als zutreffend erweisen, könnte die Bevölkerung des gesamten Amazonasgebiets zu jener Zeit mehrere zehn Millionen betragen haben.
Die Untersuchung zeigte zudem, dass die Bewohner ihre Umwelt aktiv veränderten.
Sie rodeten Bambuswälder, bauten Mais, Maniok und Kürbisse an, legten breite Straßen zwischen den Siedlungen an und pflanzten gezielt nützliche Baumarten, darunter die Paranuss und die Pfirsichpalme.
Nach Ansicht der Autoren war der Einfluss des Menschen auf das Ökosystem des Amazonasgebiets in der Vergangenheit wesentlich stärker als bisher angenommen.
Bis heute sind keine der üblichen Paläste oder Tempel erhalten geblieben, da es in dieser Region praktisch keinen Naturstein gibt.
Stattdessen finden Archäologen riesige geometrische Erdkonstruktionen – sogenannte Geoglyphen. Gerade diese zeugen vom Ausmaß der antiken Zivilisation.
Wissenschaftler stellen fest, dass Aquiri kein einheitlicher Staat war, sondern ein Netzwerk zahlreicher Gemeinschaften, die durch Straßen, Handel und gemeinsame zeremonielle Zentren miteinander verbunden waren.
Was bislang ein Rätsel bleibt
Den Forschern ist bis heute nicht bekannt, welche Sprachen die Bewohner von Aquiri sprachen und wie sie sich selbst bezeichneten.
Ebenfalls unbekannt ist, warum diese Zivilisation um das Jahr 850 n. Chr. relativ schnell verschwand. Etwa zur gleichen Zeit erlebte auch die Zivilisation der klassischen Maya in Mittelamerika ihren Niedergang.
Einschränkungen der Studie
Die Autoren betonen, dass die Bevölkerungszahl mithilfe eines statistischen Modells auf der Grundlage von LiDAR-Daten und archäologischen Untersuchungen berechnet wurde. Es handelt sich hierbei um eine wissenschaftliche Schätzung und nicht um eine direkte Zählung der Einwohner.
Dennoch verändern die Hunderte neu entdeckter Stätten die Vorstellungen über die Vergangenheit des Amazonasgebiets erheblich und zeugen von der Existenz deutlich komplexerer Gesellschaften als bisher angenommen.
Quelle
Studie:
Über 20.000 vorkoloniale Erdbauwerke im Südwesten des Amazonasgebiets.
Zeitschrift: Nature (2026).