Wissenschaftler haben herausgefunden, wie im 17. Jahrhundert Haubengänse gezüchtet wurden

Ein Gänseschädel mit vier kleinen Öffnungen und einer größeren. Foto: Marcus Wandelt. Quelle: International Journal of Paleopathology (2026). DOI: 10.1016/j.ijpp.2026.06.001.

Archäologen haben in Deutschland vier Gänseschädel mit ungewöhnlichen Öffnungen gefunden. Zunächst sah es nach einer seltsamen Krankheit oder einer Verletzung nach dem Tod aus. Doch die Forscher kamen zu einem anderen Schluss: Es handelte sich wahrscheinlich um Haubengänse – Vögel, die wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens gehalten wurden.

Bereits vor mehreren Jahrhunderten waren die Menschen in der Lage, bei Hausgeflügel ein auffälliges Ziermerkmal gezielt zu fördern – selbst wenn dies mit Problemen am Schädel einherging.

Die Schädel wurden an einer archäologischen Fundstätte in Flecken-Zehlin in Brandenburg entdeckt. Laut einem Bericht von Phys.org wurden die Überreste aus einem ehemaligen Toilettenschacht geborgen, und die Öffnungen in den Schädeln erwiesen sich als Anzeichen für eine Haube – damit sind sie die ersten Gänse mit Haube, die in der archäologischen Überlieferung identifiziert wurden.

Details

Wissenschaftler untersuchten vier Schädel von Hausgänsen aus einer archäologischen Fundstätte aus dem 17. Jahrhundert. An den Knochen waren Defekte zu erkennen: kleine Löcher und größere Beschädigungen im oberen Teil des Schädels.

Die Forscher prüften verschiedene Erklärungsansätze. Die Schäden ähnelten weder Spuren der Schlachtung noch Bissspuren von Tieren, einer Infektion, Parasiten oder einer durch Mangelernährung bedingten Erkrankung. In Form und Lage ähnelten sie am ehesten den Defekten, die bei Haubenenten vorkommen.

Bei solchen Vögeln kann das schöne Federbüschel auf dem Kopf mit einer Entwicklungsbesonderheit zusammenhängen: Unter der Haube bildet sich Weichgewebe, und der Schädelknochen schließt sich manchmal nicht normal. Das äußere Merkmal sieht zwar eindrucksvoll aus, doch dahinter kann ein anatomisches Problem stecken.

Wie solche Gänse gezüchtet worden sein könnten

Höchstwahrscheinlich war es das äußere Erscheinungsbild des Vogels, das die Menschen anzog. Die Haubengans sah ungewöhnlich aus und diente möglicherweise nicht nur als Fleischquelle, sondern auch als lebende Zierde des Hofes – insbesondere in wohlhabenden oder angesehenen Kreisen.

Das bedeutet nicht, dass die Forscher eine schriftliche Anleitung zur Zucht dieser Gänse gefunden hätten. Sie zogen ihre Schlussfolgerung anhand der Knochen: Wenn bei mehreren Vögeln aus einem Ort ein seltenes Merkmal, das einer Haube ähnelt, wiederholt auftritt, bedeutet dies, dass dieser Typ bekannt war und vom Menschen gepflegt wurde.

Einfacher ausgedrückt: Die Menschen mochten Vögel mit „Frisur“, und solche Gänse wurden möglicherweise gezielt im Haushalt gehalten. Doch diese Schönheit könnte für die Tiere selbst ihren Preis gehabt haben.

Warum die Haube ein Problem darstellen könnte

Eine Haube bei Vögeln ist nicht einfach nur eine Federhaube. Bei Haubenenten ist sie mit einem Schädeldefekt verbunden. Bei manchen Tieren verläuft dies ohne erkennbare Folgen, bei anderen hingegen kann es mit schwerwiegenden Problemen einhergehen.

Für Gänse mit Haube gibt es weniger detaillierte moderne Untersuchungen, weshalb sich nicht mit Sicherheit sagen lässt, inwieweit gerade diese Vögel gelitten haben. Doch die Ähnlichkeit der Defekte mit denen bei Enten mit Haube zeigt: Das dekorative Merkmal könnte mit schädlichen Veränderungen der Schädelstruktur verbunden gewesen sein.

Daher ist dieser Fund nicht nur für die Geschichte der Geflügelzucht von Bedeutung. Er zeigt, dass Menschen bereits in der Vergangenheit bei Haustieren Merkmale fördern konnten, die zwar schön aussahen, aber potenziell gesundheitsschädlich waren.

Warum dies interessant ist

Normalerweise finden Archäologen Tierknochen und ziehen daraus Rückschlüsse auf die Ernährung: was gegessen wurde, welche Tiere gezüchtet wurden und wie die Schlachtkörper zerlegt wurden. Hier ist die Geschichte eine andere. Die Gänseschädel verrieten nicht nur etwas über die Küche, sondern auch über Geschmack, Status und Mode.

Zu Lebzeiten galten solche Vögel möglicherweise als prestigeträchtig und ungewöhnlich. Nach ihrem Tod landeten ihre Überreste jedoch unter den gewöhnlichen Abfällen. Dieser Kontrast verdeutlicht sehr gut die Einstellung gegenüber Haustieren in der Vergangenheit: Man schätzte sie zwar als Zierde, doch letztendlich wurden sie dennoch Teil des Wirtschaftszyklus.

Hintergrund

Hausgeflügel mit Haube ist in verschiedenen Arten bekannt. Bei Hühnern gab es solche Merkmale bereits in der Antike, und Enten mit Haube sind aus modernen Rassen gut bekannt. Bei Gänsen ist es jedoch schwieriger, archäologische Belege zu finden: Vogelschädel sind zerbrechlich, lassen sich schlecht konservieren und werden bei Ausgrabungen leicht übersehen.

Die Autoren der Studie betonen, dass die Stichprobe klein ist – es handelt sich lediglich um vier Schädel. Daher lässt sich anhand dieses Fundes die Geschichte der Haubengänse in Europa nicht vollständig rekonstruieren. Er zeigt vielmehr, dass solche Vögel bereits im 17. Jahrhundert existierten und dass Archäologen die Schädel von Hausgeflügel genauer untersuchen sollten.

Quelle

Studie: Maaike Groot, Marcus Wandelt – „Cranial defects in remains of 17th-century geese from Brandenburg, Germany“, International Journal of Paleopathology, 2026.