Getreide gegen Alzheimer? Wissenschaftler haben überraschende Laborergebnisse erzielt
Ein gewöhnliches Getreide, das unter anderem auch in der Ukraine angebaut wird, hat unerwartet das Interesse von Wissenschaftlern geweckt, die sich mit der Alzheimer-Krankheit befassen. Die Rede ist von Sorghum – einer dürreresistenten Getreideart, die zur Herstellung von Grütze, Mehl, Futtermitteln und für industrielle Zwecke verwendet wird.
Eine neue Laborstudie hat gezeigt: Polyphenolextrakte aus schwarzem und rotem Sorghum können die Bildung toxischer Amyloid-beta-Ablagerungen verringern – eines der Proteine, die mit der Entstehung der Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht werden. In Zellversuchen trugen diese Substanzen zudem zum Überleben der Zellen bei, verringerten oxidativen Stress und verbesserten die Funktion der Mitochondrien. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Nutrients“ veröffentlicht.
Doch der wichtigste Hinweis muss gleich zu Beginn genannt werden: Es handelt sich hierbei weder um eine Behandlung noch um ein Medikament noch um die Empfehlung, Sorghum „gegen Demenz“ zu verzehren. Die Ergebnisse wurden ausschließlich im Labor erzielt – anhand eines Zellmodells und mithilfe computergestützter Analysen. Von Tier- und Humanstudien ist man noch weit entfernt.
Was ist Sorghum und warum ist es für die Ukraine von Interesse?
Sorghum ist eine alte Getreideart. Auch in der Ukraine ist es bekannt: Meistens spricht man von Körnersorghum, Zuckersorghum, Faser-Sorghum oder Futtervarianten. Für ukrainische Landwirte ist diese Kulturpflanze vor allem wegen ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitze und Wassermangel interessant, weshalb sie im Zusammenhang mit dem Klimawandel und in Trockenregionen immer häufiger thematisiert wird.
Für den Durchschnittsverbraucher ist Sorghum nicht so geläufig wie Weizen, Buchweizen, Reis oder Mais. Es handelt sich jedoch um eine eigenständige Getreideart, die weltweit als Nahrungsmittel, in der Tierhaltung und in der Industrie genutzt wird.
Die neue Studie besagt nicht, dass gewöhnlicher Sorghumbrei die Alzheimer-Krankheit heilen kann. Die Wissenschaftler untersuchten nicht das fertige Gericht, sondern Extrakte von Polyphenolen – pflanzliche Verbindungen, die im Korn enthalten sind, insbesondere in pigmentierten Sorten.
Was genau haben die Wissenschaftler untersucht?
Die Forscher nahmen mehrere Sorghum-Sorten – schwarze, rotbraune und rote – und gewannen daraus Polyphenol-Extrakte. Anschließend untersuchten sie, wie diese Substanzen auf Aβ42 wirken, eine Form von Amyloid-beta, die dazu neigt, toxische Proteinaggregate zu bilden. Solche Aggregate stehen im Zusammenhang mit pathologischen Prozessen bei der Alzheimer-Krankheit.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Die Sorghum-Extrakte reduzierten die Aggregation von Aβ42 um 67–76 % und verringerten die Anzahl toxischer Oligomere. Einfacher ausgedrückt: Im Reagenzglas verhinderten die Substanzen aus Sorghum, dass sich das Protein zu gefährlichen Strukturen zusammenballte.
Anschließend gingen die Wissenschaftler zu einem Zellmodell über. Sie verwendeten Zellen, die toxisches Amyloid-beta produzieren und somit einen Teil der mit der Alzheimer-Krankheit verbundenen Prozesse nachahmen. Wurden die Zellen mit Sorghum-Extrakten behandelt, stieg ihre Überlebensrate um mehr als 70 % und die mitochondriale Aktivität um mehr als 80 %.
Warum dies wichtig ist
Die Alzheimer-Krankheit ist die bekannteste Ursache für Demenz. Sie ist nicht auf einen einzigen Prozess zurückzuführen, sondern auf eine ganze Reihe von Störungen: die Ablagerung von Amyloid-beta, Veränderungen des Tau-Proteins, Entzündungen, oxidativen Stress, Schädigungen der Mitochondrien und den Untergang von Nervenzellen. Aktuelle Übersichtsarbeiten betonen, dass Amyloid-beta und Tau nach wie vor die zentralen pathologischen Merkmale der Erkrankung sind, das Krankheitsbild selbst jedoch weitaus komplexer ist.
Genau aus diesem Grund interessieren sich Wissenschaftler für Substanzen, die gleichzeitig auf mehrere Mechanismen einwirken können. Im Fall von Sorghum stellten die Forscher nicht nur eine Wirkung auf Amyloid-beta fest, sondern auch eine Verringerung des oxidativen Stresses, eine Verbesserung der Mitochondrienfunktion sowie Veränderungen in der Aktivität von Genen, die mit Entzündungen und Zelltod in Verbindung stehen.
Dies macht Sorghum nicht zu einem „Medikament“, sondern zu einem interessanten Kandidaten für weitere Forschungen.
Einfach ausgedrückt: Was ist geschehen?
Um es so einfach wie möglich zu erklären: Die Wissenschaftler haben Substanzen aus Sorghum gewonnen und diese gegen eines der „schädlichen“ Proteine getestet, die mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung stehen.
Im Labor haben diese Substanzen:
- verringerten die Aggregation von Amyloid-beta;
- trugen dazu bei, dass die Zellen toxischen Einflüssen besser standhalten konnten;
- verringerten die Anzeichen von Zellstress;
- unterstützten die Funktion der Mitochondrien – der „Kraftwerke“ der Zelle.
All dies geschah jedoch nicht im menschlichen Gehirn, sondern in einem Labormodell. Es handelt sich um eine frühe Forschungsphase.
Warum Sie nicht sofort losrennen sollten, um Sorghum „für das Gehirn“ zu kaufen
Der größte Fehler wäre es, diese Studie als Behandlungsempfehlung zu interpretieren. Das darf man nicht tun.
Erstens untersuchten die Wissenschaftler konzentrierte Extrakte und keine gewöhnliche Portion Brei, Brot oder Mehl aus Sorghum.
Zweitens ist eine Zelle im Labor kein menschlicher Organismus. Im realen Leben müssen die Substanzen verdaut, resorbiert, im Stoffwechsel verarbeitet, ins Blut gelangen und dann – wenn es um das Gehirn geht – die Blut-Hirn-Schranke überwinden.
Drittens entwickelt sich die Alzheimer-Krankheit über Jahre hinweg und hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Selbst ein starker Laboreffekt gegen ein einzelnes Protein bedeutet nicht, dass das Produkt Demenz verhindern oder heilen kann.
Die Autoren der Studie weisen selbst darauf hin, dass weitere Untersuchungen in vivo, also an lebenden Organismen, erforderlich sind, um die Wirksamkeit und das praktische Potenzial der Sorghum-Polyphenole zu überprüfen.
Warum die Entdeckung dennoch interessant ist
Trotz der Einschränkungen ist die Arbeit aus zwei Gründen wichtig.
Erstens zeigt sie, dass gewöhnliche landwirtschaftliche Kulturpflanzen Verbindungen mit unerwarteter biologischer Aktivität enthalten können. Sorghum ist kein exotisches, seltenes Produkt, sondern ein weit verbreitetes Getreide, das in verschiedenen Ländern, darunter auch in der Ukraine, angebaut wird.
Zweitens fügt sich dieser Forschungsansatz gut in die aktuelle Suche nach zusätzlichen Strategien gegen neurodegenerative Erkrankungen ein. Wissenschaftler untersuchen zunehmend nicht nur Medikamente, sondern auch Nahrungsmittelverbindungen, die Entzündungen, oxidativen Stress und den Zellschutz beeinflussen können.
Dies ist kein Ersatz für die Medizin. Doch in Zukunft könnten solche Erkenntnisse dazu beitragen, funktionelle Produkte, Nahrungsergänzungsmittel oder neue Moleküle für die Forschung zu entwickeln.
Hintergrund
Demenz bleibt eines der größten Probleme einer alternden Gesellschaft. Nach Schätzungen der WHO leben weltweit Dutzende Millionen Menschen mit Demenz, und die Zahl dieser Fälle wird mit der Alterung der Bevölkerung weiter steigen.
Genau aus diesem Grund stoßen alle neuen Ansätze zur Erforschung der Alzheimer-Krankheit auf großes Interesse. Doch zwischen einer Entdeckung im Labor und einer tatsächlichen Behandlung liegt ein langer Weg: Zunächst sind Tierversuche erforderlich, gefolgt von klinischen Studien, Sicherheitsprüfungen, Dosierungsuntersuchungen und der Überprüfung der tatsächlichen Wirksamkeit.
Die Geschichte mit dem Sorghum ist genau ein solcher erster Schritt. Sie ist interessant, stellt jedoch bislang noch keinen medizinischen Durchbruch dar.
Quelle
Studie: Rasheed A. Abdulraheem et al., „Neuroprotective Effects of Sorghum Polyphenol in Alzheimer’s Disease: In-vitro- und In-silico-Analysen“, Nutrients, 2026.