Wie eine Plastikflasche zu einem schwimmenden Gefängnis für eine Krabbe wurde

Eine Flasche, an der sich Algen und Meeresenten festgesetzt haben, die zusammen mit ihr gesammelten Fischbrut sowie eine Schwimmkrabbe, die aus der Flasche entnommen wurde. Bildnachweis: Hajime Sato / Universität Hiroshima.

Vor der Küste der japanischen Insel Okinawa fanden Wissenschaftler eine Plastikflasche, in der sich eine lebende Krabbe befand. Auf den ersten Blick schien dies fast unmöglich: Das Tier war deutlich breiter als der Flaschenhals und hätte bei dieser Größe nicht hineinkriechen können.

Die Auflösung erwies sich als beunruhigend. Die Krabbe war wahrscheinlich als Jungtier in die Flasche geraten, als sie noch viel kleiner war. Anschließend trieb die Flasche etwa zwei Monate lang auf dem Meer, während die Krabbe darin lebte, Fischbrut und Algen fraß – und nach und nach so groß wurde, dass sie sich nicht mehr befreien konnte.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Ecosphere“ veröffentlicht.

Details

Dieser Fall mag wie eine seltsame Überlebensgeschichte erscheinen, verdeutlicht jedoch in Wirklichkeit eine weitere Gefahr von Plastikmüll: Er kann nicht nur für große Tiere, sondern auch für kleine Meereslebewesen zur Falle werden.

Die Flasche wurde am 15. Juli 2022 etwa 500 Meter von der Insel Sesoko vor Okinawa entfernt gefunden. Es handelte sich um eine Plastikflasche aus hochdichtem Polyethylen, vermutlich von Shaoxing-Wein. Sie trieb auf der Meeresoberfläche, und neben ihr hielten sich Fischjungtiere auf.

Als die Forscher die Flasche aus dem Wasser holten, befand sich darin eine große, lebende Schwimmkrabbe der Art Portunus sanguinolentus. Der Flaschenhals hatte einen Durchmesser von lediglich 24 mm, während die Breite der Krabbe 88,23 mm betrug. Das heißt, in ihrer aktuellen Größe hätte sie physisch nicht hineinpassen können.

Genau das machte den Fund zu einem maritimen Rätsel: Wie gelangte eine so große Krabbe in eine Flasche mit einer so kleinen Öffnung?

Wie die Krabbe in die Flasche gelangte

Die wahrscheinlichste Erklärung: Sie kroch noch als kleines Tier in die Flasche. Wasser konnte ungehindert hinein- und wieder hinausfließen, da die Flasche offen war. Daher erstickte die Krabbe nicht und konnte Sauerstoff aufnehmen.

Im Inneren der Flasche bildete sich ein Mini-Ökosystem. Auf der Oberfläche des Kunststoffs wuchsen Algen, daneben hielten sich Fischjungtiere auf, und außen an der Flasche hatten sich Meeresenten festgesetzt. Der Krebs ernährte sich, wie die Analyse seines Mageninhalts ergab, von jungen Fischen und Algen.

So wurde der Plastikmüll gleichzeitig zu Unterschlupf, Speisesaal und Gefängnis. Während die Krabbe wuchs, blieb der Ausgang unverändert – zu eng.

Wie die Wissenschaftler herausfanden, dass er sich dort etwa zwei Monate lang aufgehalten hatte

Die Forscher stützten sich auf mehrere Anhaltspunkte. Zum einen untersuchten sie den Körper der Krabbe selbst sowie den Inhalt ihres Magens. Die DNA-Analyse ergab, dass sie Fischbrut, die mit der Flasche in Verbindung stand, sowie Algen gefressen hatte, die möglicherweise im Inneren der Flasche gewachsen waren.

Zweitens untersuchten die Wissenschaftler die Meeresenten, die sich an der Flasche festgesetzt hatten. Anhand ihrer Wachstumsgeschwindigkeit lässt sich ungefähr abschätzen, wie lange der Gegenstand im Meer getrieben war. So kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Flasche mit der Krabbe etwa zwei Monate lang getrieben sein könnte.

Warum dies mehr als nur eine Kuriosität ist

Die Geschichte lässt sich leicht als „Krabbe überlebte in einer Flasche“ interpretieren, doch die eigentliche Botschaft der Untersuchung ist eine andere. Die Plastikflasche wurde zu einer Falle, aus der sich das Tier nicht mehr befreien konnte.

Solche Fälle zeigen, dass Plastikmüll nicht nur dann gefährlich ist, wenn Tiere ihn verschlucken oder sich in Netzen verfangen. Manchmal kann ein gewöhnlicher Gegenstand – eine Flasche, ein Behälter, eine Dose – zu einer Falle mit engem Ausgang werden.

Die Autoren weisen darauf hin, dass ähnliche Fälle bereits in den Gewässern rund um Japan dokumentiert wurden. Es handelt sich also nicht unbedingt um eine vereinzelte Kuriosität, sondern um ein Beispiel für die weniger offensichtlichen Auswirkungen von Meeresmüll auf Krebstiere.

Warum die Krabbe überlebte

Die Krabbe hatte in mehrfacher Hinsicht Glück. Die Flasche war offen, sodass Meerwasser im Inneren zirkulieren konnte. In der Nähe der Flasche hielten sich Fischbrut auf, und im Inneren konnten Algen wachsen. Dies versorgte sie mit Nahrung.

Zudem sind Schwimmkrabben bewegliche und ausdauernde Tiere. Doch selbst diese Ausdauer löste das Hauptproblem nicht: Je länger die Krabbe im Inneren lebte, desto geringer wurden ihre Chancen, sich zu befreien.

Letztendlich rettete ihn nur die Tatsache, dass Forscher die Flasche fanden.

Warum dies wichtig ist

Wenn von Plastik im Ozean die Rede ist, denkt man normalerweise an Schildkröten, die Plastiktüten verschluckt haben, an Vögel mit Plastik im Magen oder an Meeressäugetiere, die sich in Netzen verfangen haben. Doch dieser Fall zeigt eine andere Seite des Problems.

Selbst ein kleiner Plastikgegenstand kann das Leben eines kleinen Meerestieres verändern. Er kann Schutz bieten, Fische und Algen anziehen, aber gleichzeitig zu einer Falle werden.

Dies ist besonders gefährlich, da solche Fälle schwer zu erkennen sind. Eine Flasche mit einer Krabbe darin kann monatelang im Meer treiben, bis sie zufällig gefunden wird.

Hintergrund

Plastikmüll im Meer ist längst zu einem der größten ökologischen Probleme der Ozeane geworden. Er zerfällt nicht schnell, treibt mit den Strömungen, wird von Algen und Organismen bewachsen und wird Teil schwimmender Mini-Gemeinschaften.

Doch solche „schwimmenden Inseln“ sind nicht immer sicher. Für manche Tiere können sie ein vorübergehender Zufluchtsort sein, für andere hingegen eine tödliche Falle. Die Geschichte einer Krabbe vor Okinawa zeigt, dass selbst eine gewöhnliche Flasche Teil eines komplexen und gefährlichen marinen Ökosystems werden kann.

Quelle

Studie: Hajime Sato, Yoichi Sakai, Tetsuo Kuwamura – „Swimming crab in a bottle: A two-month drift on the ocean surface while entrapped“, Ecosphere, 2026.