Wissenschaftler haben das Geheimnis des Goldschmucks der Ming-Dynastie gelüftet
Wissenschaftler haben herausgefunden, wie chinesische Juweliere der Ming-Dynastie komplexe Goldschmuckstücke herstellten, die der Filigranarbeit ähnelten, jedoch ohne Verwendung von Draht.
Das Geheimnis lag in der besonderen Technik „Jin zhe si“: Die Meister falteten und wellten sehr dünne Goldblätter, wodurch ein durchbrochenes Muster und eine charakteristische „stoffartige“ Textur entstanden.
Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „npj Heritage Science“ veröffentlicht.
Filigran wird üblicherweise aus dünnen Metallfäden oder -drähten hergestellt: Diese werden verdreht, gebogen und verlötet, wodurch ein spitzenartiges Muster entsteht. In den Ming-Schmuckstücken fanden die Forscher jedoch keinen Draht. Die Oberfläche bestand aus feinster Goldfolie, die zu kleinen, regelmäßigen Falten gefaltet war.
Um diese Hypothese zu überprüfen, untersuchte das Team antike Ohrringe aus dem Grab des 1545 verstorbenen Prinzen Zhu Zai-zhong und versuchte anschließend, den gesamten Herstellungsprozess nachzuvollziehen. Schließlich gelang es den Wissenschaftlern, eine Kopie eines Ohrrings in Form einer Flaschenkürbisblüte anzufertigen, die in Form, Beschaffenheit und Gewicht mit dem Original übereinstimmte – mit einer Abweichung von etwa einem Gramm.
Details
Forscher der Chinesischen Universität für Geowissenschaften untersuchten ein Paar goldener Ohrringe aus dem Grab des Prinzen Zhu Zai-zhong. Jeder Ohrring bestand aus einem Anhänger in Form eines doppelten Kürbisses: ein hohler Goldkörper, oben verziert mit Blättern und Ranken, wobei die gesamte Konstruktion an einem goldenen Haken befestigt war.
Solche Schmuckstücke waren nicht nur schöne Gegenstände. Sie zeugten vom handwerklichen Können der Juweliere der Ming-Dynastie und vom Status ihrer Besitzer. Die Provinz Hubei war ein bedeutendes Zentrum für die Bestattungen von Fürsten und Adligen dieser Epoche, und die Funde aus solchen Grabstätten liefern zahlreiche Informationen über die Hof- und Adelskultur Chinas im 16. Jahrhundert.
Die Wissenschaftler untersuchten die Ohrringe unter einem Stereomikroskop und erstellten neue technische Zeichnungen. Unter der Vergrößerung wurde sichtbar, dass die Oberfläche der Schmuckstücke mit einer feinen, regelmäßigen Riffelung überzogen war. Diese Riffelung bestand nicht aus angelötetem Draht, wie bei der klassischen Filigranarbeit, sondern aus Falten des Goldes selbst. Im Inneren des Schmuckstücks befand sich zudem kein Füllmaterial.
Das heißt, der Meister nahm keinen Golddraht und legte daraus kein Muster aus. Er arbeitete mit dünnem Goldblech: Er faltete es, formte eine gewellte Oberfläche und gab dem Schmuckstück anschließend die gewünschte Form. Daher ähnelt „Jin zhe si“ optisch der Filigranarbeit, technisch handelt es sich jedoch um eine andere Methode der Metallbearbeitung.
Nach der Analyse des Originals wandten die Forscher Reverse Engineering an. Das bedeutet, dass sie nicht einfach nur das fertige Schmuckstück beschrieben haben, sondern Schritt für Schritt rekonstruieren wollten, wie die Handwerker der Ming-Dynastie es hergestellt haben könnten: welche Rohlinge sie verwendeten, wie sie das Gold falteten, wie sie den Ohrringkörper formten und wie sie die gewünschte Textur erzielten.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die Eigenschaft des Materials selbst. Die Wissenschaftler versuchten, den Prozess nicht nur mit Gold, sondern auch mit Silber- und Aluminiumfolie zu wiederholen. Silber und Aluminium rissen oder behielten ihre Form nicht bei. Hochreines Gold hingegen ließ sich mehrfach falten, ohne zu reißen, und behielt dabei seine komplexe, gewellte Struktur bei.
Einfacher ausgedrückt: Das Geheimnis lag nicht nur in den Händen des Meisters, sondern auch im Material. Gold ist ausreichend formbar: Es lässt sich stark verformen, sehr dünn ausarbeiten, falten und biegen, ohne dabei zu zerbrechen. Genau dies ermöglichte es den Juwelieren von Ming, den Effekt einer feinen „metallischen Spitze“ ohne echten Draht zu erzielen.
Nach Einschätzung der Autoren konnte die Herstellung eines solchen Ohrrings etwa einen Tag in Anspruch nehmen, sobald der Meister die Technik gut beherrschte. Es handelte sich nicht um eine einfache Arbeit, doch sie war ausreichend ausgereift, um komplexe Schmuckstücke für elitäre Kunden zu schaffen.
Warum dies wichtig ist
Die Studie zeigt, dass antiker Schmuck nicht nur als Kunstwerk, sondern auch als technisches Objekt untersucht werden kann. Anhand mikroskopisch kleiner Falten, Risse und Bearbeitungsspuren können Wissenschaftler die Arbeitsschritte des Meisters rekonstruieren, selbst wenn die Technik selbst längst nicht mehr angewendet wird.
Dies ist für die Geschichte des Handwerks von Bedeutung. Die „Jin zhe si“-Technik wurde zwar in historischen Quellen erwähnt, doch blieb unklar, wie sie genau funktionierte. Nun haben die Forscher einen möglichen Herstellungsprozess aufgezeigt und diesen experimentell überprüft, anstatt sich lediglich auf Textquellen zu stützen.
Die Arbeit trägt zudem dazu bei, Museumsobjekte genauer zu beschreiben. Wenn ein Schmuckstück wie Filigran aussieht, bedeutet das noch nicht, dass es aus Draht gefertigt ist. Im Fall von „Jin zhe si“ wurde ein ähnlicher Effekt auf andere Weise erzielt – durch Falten und Rillen der Goldfolie. Dies verändert das Verständnis davon, wie vielfältig die Schmucktechniken der Ming-Dynastie waren.
Hintergrund
Die Ming-Dynastie herrschte vom 14. bis zum 17. Jahrhundert über China. Es war eine Blütezeit der höfischen und aristokratischen Kunst, zu der auch aufwendige Kunstwerke aus Gold, Jade, Porzellan und anderen wertvollen Materialien gehörten. Schmuckstücke aus den reich ausgestatteten Grabstätten zeigen, dass die Handwerker jener Zeit sehr feine Techniken der Metallbearbeitung beherrschten.
Die klassische Filigranarbeit ist in vielen Kulturen bekannt. Sie wird aus dünnem Draht hergestellt, der verdreht, gebogen und an eine Grundstruktur gelötet wird. Daher wirken filigrane Schmuckstücke leicht, spitzenartig und sehr komplex.
Doch der Fund aus dem Grab von Zhu Zaizhong zeigte einen anderen Weg auf. Das Muster wirkte filigran, wurde jedoch ohne Draht hergestellt. Dies macht „Jin zhe si“ zu einer eigenständigen Technik und nicht lediglich zu einer Variante der gewöhnlichen Filigranarbeit.
Die Studie erklärt zudem, warum für diese Arbeit gerade hochreines Gold erforderlich war. Andere Metalle, die im Experiment getestet wurden, hielten dem wiederholten Falten nicht stand. Die Wahl von Gold war also nicht nur eine Frage des Luxus, sondern auch eine technische Notwendigkeit.
Quelle
Studie: Zhihao Tian et al., „Restoration of Ming dynasty Jin zhe si: a lost Chinese goldsmithing technique“, npj Heritage Science, 2026.