Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Macht bei den Skythen vererbt wurde
Wissenschaftler haben neue genetische Belege dafür gefunden, dass Macht und hoher Status innerhalb der skythischen Elite innerhalb der Familien weitervererbt werden konnten. Die Forscher untersuchten die alte DNA von Menschen, die in reich bestückten Grabhügeln der eurasischen Steppe beigesetzt worden waren, und stellten fest: Die Angehörigen der Elite waren oft miteinander verwandt, selbst wenn sie an unterschiedlichen Orten beigesetzt worden waren.
Es handelt sich um Nomadengesellschaften der frühen Eisenzeit, die in einem riesigen Gebiet von der Schwarzmeerküste bis zum Altai lebten. In den Quellen werden sie häufig als Skythen und Saken bezeichnet: Als „Skythen“ werden meist die westlichen Gruppen bezeichnet, als „Saken“ hingegen die östlichen und zentralasiatischen. Diese Gesellschaften hinterließen große Grabhügel, Goldschmuck, Waffen und den berühmten „Tier-Stil“ in der Kunst.
Details
Eine neue Studie wurde in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.
Ein internationales Forscherteam kombinierte Archäologie, Anthropologie und Genetik, um zu verstehen, wie die skythische Elite strukturiert war und wie hoher Status weitervererbt wurde.
Die Forscher analysierten die DNA von 85 Menschen aus der Eisenzeit in Zentralasien. Darunter befanden sich 38 Personen aus elitären Grabstätten und 47 Menschen aus einfacheren Gräbern. In die Studie flossen 46 neue Genome sowie die ersten Vollgenomdaten des berühmten sakischen „Goldenen Mannes“ aus dem Issyk-Grabhügel in Kasachstan ein.
Warum ist dies wichtig? Archäologen haben schon seit langem enorme Unterschiede zwischen den Bestattungen festgestellt. Manche Menschen wurden in großen Grabhügeln beigesetzt, zusammen mit Gold, Waffen, reich verzierter Kleidung und manchmal auch mit geopferten Tieren. Andere wurden weitaus bescheidener bestattet – in kleinen Grabhügeln, fast ohne Grabbeigaben. Ein solcher Unterschied wird üblicherweise als Zeichen sozialer Ungleichheit gewertet: Die einen genossen einen hohen Status, die anderen nicht.
Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie erlangte man diesen hohen Status? Wurde ein Mensch aufgrund persönlicher Verdienste einflussreich – beispielsweise durch militärische Stärke, Reichtum oder Autorität? Oder wurde der Status innerhalb der Familie vererbt?
Die DNA half dabei, diese Frage zu klären. Wissenschaftler verglichen die Genome von Menschen aus reichen und einfachen Grabstätten und stellten enge Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Vertretern der Elite fest. In einigen Fällen wurden Verwandte in verschiedenen Nekropolen beigesetzt, die mehr als 100 km voneinander entfernt lagen. Dies deutet auf ein Netzwerk elitärer Familien hin, die nicht nur durch eine einzelne Siedlung, sondern durch den gesamten Steppenraum miteinander verbunden waren.
Eine der Autorinnen der Studie, die Anthropologin Ainash Childebaeva, merkte an, dass das Team nicht damit gerechnet habe, ein so eindeutiges Anzeichen für die Weitergabe von Status zwischen den Generationen zu finden. Ihren Angaben zufolge waren Personen mit hohem Status einander näher verwandt – selbst wenn sie an unterschiedlichen Orten bestattet wurden – als Personen mit niedrigerem Status, die in ihrer Nähe beigesetzt wurden.
Einfacher ausgedrückt: Die reich bestückten Grabhügel könnten nicht zufälligen „erfolgreichen Kriegern“ oder einzelnen Anführern gehört haben, sondern Mitgliedern miteinander verbundener Elitefamilien. Genau aus diesem Grund sprechen die Autoren vom dynastischen Prinzip: Dabei geht es nicht unbedingt um Könige und Thronfolge im herkömmlichen Sinne, sondern darum, dass Macht und Ansehen innerhalb familiärer Netzwerke aufrechterhalten wurden.
Einen besonderen Platz in der Studie nimmt der „Goldene Mann“ aus dem Issyk-Grabhügel ein. Dies ist einer der bekanntesten archäologischen Funde Kasachstans: Die Bestattung wird auf etwa 400–300 v. Chr. datiert, und im Inneren der Holzkammer wurden mehr als 4.000 Goldschmuckstücke, Waffen, ein reich verzierter Kopfschmuck, Gegenstände mit Tiermotiven sowie eine silberne Schale mit einer unbekannten Inschrift.
Neue genetische Daten lieferten erstmals direkte Informationen über die Herkunft dieses Mannes. Die Ergebnisse zeigen, dass er Teil der genetischen Vielfalt der sakischen Gruppen der Eisenzeit war. Darüber hinaus deutet die DNA darauf hin, dass der berühmte „Goldene Mann“ höchstwahrscheinlich ein Mann und keine Frau war.
Was über die Frauen herausgefunden wurde
Die Untersuchung ergab zudem, dass Frauen einen bedeutenden Platz innerhalb der Elite einnahmen. Fast die Hälfte der Personen aus den reich bestatteten Gräbern in der Stichprobe waren Frauen. Das bedeutet nicht, dass jede von ihnen zwangsläufig eine Herrscherin oder eine militärische Anführerin war, zeigt jedoch: Ein hoher Status in diesen Gesellschaften war nicht ausschließlich Männern vorbehalten.
Frauen wurden in reich verzierten Gräbern beigesetzt, und genetische Daten verbanden sie mit anderen hochrangigen Personen. Daher gehen die Wissenschaftler davon aus, dass Verwandtschaft, Macht und Ansehen in den skythisch-sakischen Gesellschaften eng miteinander verflochten waren.
Dabei konnten die Forscher keine einfache Regel feststellen, nach der die Elite streng nach der männlichen oder weiblichen Linie lebte. Es gab kein eindeutiges Anzeichen dafür, dass der Status ausschließlich mit Patrilokalität verbunden war – bei der Frauen in den Stamm ihres Ehemanns übergehen – oder ausschließlich mit Matrilokalität, bei der Männer in den Stamm ihrer Ehefrau übergehen. Dies deutet auf eine komplexere soziale Organisation hin.
Was bedeutet das in einfachen Worten?
Die skythische Elite war, den DNA-Befunden zufolge, nicht einfach nur eine Gruppe wohlhabender Menschen. Es handelte sich um miteinander verbundene Familien, die über Generationen hinweg Macht, Status und Einfluss bewahren konnten.
Wurde eine Person mit Gold, Waffen und kostbaren Grabbeigaben bestattet, so spiegelte dies möglicherweise nicht nur ihre persönlichen Verdienste wider, sondern auch ihre Zugehörigkeit zu einer einflussreichen Verwandtschaftslinie. Und wenn Verwandte in verschiedenen Grabhügeln und sogar in verschiedenen Regionen gefunden werden, deutet dies auf ein weitreichendes Netzwerk elitärer Verbindungen hin.
Genau deshalb ist diese Untersuchung von Bedeutung: Sie zeigt, dass die Nomadengesellschaften der Steppe über eine komplexe politische Organisation verfügt haben könnten. Man sollte sie nicht als vereinzelte Gruppen von Reitern ohne feste soziale Struktur darstellen. Sie verfügten über Eliten, Familienbündnisse, Eheverbindungen und Mechanismen zur Weitergabe von Status.
Warum dies wichtig ist
Lange Zeit beurteilten Wissenschaftler die Skythen und Saken hauptsächlich anhand von Grabhügeln, Fundstücken und fremden schriftlichen Quellen. Diese Gesellschaften selbst hinterließen keine eigenen Texte, weshalb viele Fragen zu ihrem sozialen Leben offen blieben.
Altes DNA-Material ermöglicht es, Dinge zu erkennen, die anhand von Gegenständen nicht immer ersichtlich sind. Gold und Waffen zeigen, dass eine Person als Vertreter der Elite bestattet wurde. Die Genetik hilft jedoch zu verstehen, ob solche Menschen miteinander verwandt waren, wie weit diese Verbindungen reichten und ob die Macht über Familienlinien hinweg aufrechterhalten werden konnte.
Dies ist besonders wichtig für die Erforschung früher sozialer Ungleichheit. Die Untersuchung zeigt, dass bei den Nomaden der Eisenzeit ein hoher Status möglicherweise weder zufällig noch allein eine persönliche Leistung war. Er konnte innerhalb erweiterter Elitefamilien weitergegeben werden, die verschiedene Grabhügel und Regionen der eurasischen Steppe miteinander verbanden.
Hintergrund
Der skythisch-sibirische archäologische Horizont entstand im ersten Jahrtausend v. Chr. und umfasste ein riesiges Gebiet – vom Altai bis zum Schwarzen Meer. Diese Gruppen werden oft als mobile, nomadische Reiter beschrieben, die Viehzucht betrieben, die Kriegskunst beherrschten und eine unverwechselbare Kunst mit Tiermotiven schufen.
Die Grabhügel waren eine der wichtigsten Quellen für Erkenntnisse über diese Gesellschaften. In reich bestatteten Gräbern findet man Gold, Waffen, Schmuck, Pferdeausrüstung und Gegenstände mit Tierdarstellungen. In einfacheren Gräbern gibt es nur wenige oder fast gar keine Gegenstände. Daher gingen Archäologen lange Zeit davon aus, dass es in diesen Gesellschaften eine ausgeprägte Elite gab.
Eine neue Studie präzisiert dieses Bild. Sie belegt nicht nur die Existenz einer Elite, sondern auch einen möglichen Mechanismus für deren Beständigkeit: Verwandtschaftslinien, Heiratsbündnisse und Verbindungen zwischen verschiedenen Elitebestattungen.
Quelle
Studie: Ayshin Ghalichi et al., „Ancient DNA reveals elite dynastic rule among Iron Age Eurasian Steppe nomads“, Science Advances, 2026.