Archäologen haben einen Blick in die Müllhaufen und Senkgruben des alten Grönlands geworfen

Die Autoren der Studie während ihrer Feldforschung in Grönland. Bildnachweis: Louise Hindborg Mortensen

Alter Müll kann ebenso viel über die Menschen aussagen wie Schmuck, Waffen oder Häuser. In Grönland untersuchten Wissenschaftler die gefrorenen Müllhalden alter Siedlungen – Orte, an denen über Jahrhunderte hinweg Tierknochen, Speisereste, Muscheln, Exkremente und Haushaltsabfälle landeten.

Solche Anhäufungen werden als „Middens“ bezeichnet. Im Grunde handelt es sich dabei um archäologische „Müllhalden“ und Schichten aus Haushaltsabfällen, in denen Spuren des Alltagslebens erhalten geblieben sind. In einer neuen Studie haben Mikrobiologen und Archäologen gezeigt: Selbst nach Hunderten und Tausenden von Jahren lassen sich in diesen Schichten mikrobielle Spuren von Menschen, Tieren, landwirtschaftlichen Betrieben und der Jagd nachweisen.

Details

Die Forscher entnahmen Proben aus alten Abfallhaufen in West- und Südgrönland. Diese stammten aus verschiedenen Epochen: paläoinuitische Siedlungen, norwegische Siedlungen aus dem Mittelalter sowie frühkoloniale Schichten. Insgesamt verglichen die Wissenschaftler 78 Proben aus den Abfallhaufen mit 143 Proben von gewöhnlichem Boden in der Nähe der alten Siedlungen.

Anschließend untersuchten sie die DNA der Mikroben in diesen Proben. Dabei stellte sich heraus, dass sich der alte Abfall deutlich vom gewöhnlichen Boden unterscheidet. In ihm hat sich eine besondere mikrobielle „Signatur“ menschlichen und tierischen Lebens erhalten.

Einfacher ausgedrückt: Die Bakterien halfen dabei zu verstehen, was an diesen Orten vor sich ging. An manchen Stellen fanden sich Spuren der Zersetzung von tierischem Gewebe. An anderen Stellen – Überreste, die mit Robben in Verbindung standen. An anderen Stellen wurden Mikroben gefunden, die typisch für den Darm von Menschen und Tieren sind. Bei den norwegischen Siedlungen entnahmen die Wissenschaftler zudem Proben von Flächen, auf denen im Winter Vieh gehalten wurde und auf denen es im Sommer weidete.

In den verschiedenen Schichten wurden zwischen 9 und 202 Bakterienarten pro Probe gefunden, insgesamt 1.207 Arten. Dabei konnten viele Mikroben nur annähernd bestimmt werden: Arktische Böden und archäologische Ablagerungen sind bislang weniger gut beschrieben als gewöhnliche moderne Lebensräume.

Besonders interessant erwiesen sich die Schichten aus der frühen Kolonialzeit in der Gegend von Nuuk. Dort befanden sich Reste von verrottenden Robbenfellen, und zusammen mit diesen fanden die Wissenschaftler zahlreiche Bakterien, die mit der Zersetzung organischer Substanzen in Verbindung stehen. In den norwegischen Schichten, in denen mehr Knochen vorhanden waren, unterschied sich die mikrobielle Zusammensetzung. Dies zeigt, dass Bakterien Aufschluss darüber geben können, welche Art von Abfall die Menschen hinterlassen haben.

Wurden dort gefährliche Krankheiten gefunden?

Die Wissenschaftler haben tatsächlich bakterielle DNA nachgewiesen, darunter potenziell gefährliche Arten wie beispielsweise Clostridium perfringens und Paeniclostridium sordellii. Solche Bakterien können mit Lebensmittelvergiftungen und schweren Infektionen in Verbindung stehen.

Es gibt jedoch einen wichtigen Vorbehalt: Es handelt sich in erster Linie um DNA-Spuren und nicht um den Nachweis, dass im Permafrost lebende, uralte Mikroben erhalten geblieben sind, die Menschen infizieren könnten. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die Ergebnisse als erhaltene mikrobielle Signaturen in archäologischen Schichten zu verstehen sind und nicht als Beweis für lebensfähige uralte Bakterien.

Die Forscher haben keine hochriskanten pathogenen Stämme nachgewiesen. Darüber hinaus verbreiteten sich die Bakterien aus den Ablagerungshaufen, wo diese ausgewaschen wurden, nur in begrenztem Umfang und wurden schnell durch gewöhnliche, moderne Umweltmikroben ersetzt.

Warum dies wichtig ist

Diese Studie zeigt, dass alter Müll nicht einfach nur Schmutz ist, sondern ein Archiv des Alltagslebens. Anhand dessen lässt sich nachvollziehen, wovon sich die Menschen ernährten, welche Tiere sie nutzten, wo sie ihr Vieh hielten, was sie wegwarfen und welche Mikroben ihren Alltag begleiteten.

Für Grönland ist dies besonders wertvoll. Dort lebten verschiedene Bevölkerungsgruppen: paläoinuitische Kulturen, dann norwegische Siedler und schließlich die Bewohner der frühen Kolonialzeit. Sie alle hinterließen Spuren, jedoch nicht immer in Form gut erhaltener Gegenstände. Mikrobielle DNA hilft dabei, den unsichtbaren Teil der Geschichte sichtbar zu machen.

Es gibt auch einen aktuellen Grund für dieses Interesse. Die Arktis erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt, und der Permafrost, der organisches Material lange Zeit konserviert hat, schmilzt allmählich und wird ausgewaschen. Daher sind Wissenschaftler der Ansicht, dass solche archäologischen Stätten überwacht werden sollten: nicht wegen einer unmittelbaren Bedrohung, sondern um zu verstehen, welche Mikroben und Gene aus den alten Ablagerungen freigesetzt werden könnten.

Hintergrund

In der klassischen Archäologie gelten Abfallhaufen seit langem als wertvolle Quelle. In ihnen findet man Knochen, Muscheln, Werkzeuge, Bruchstücke von Gegenständen und Speisereste. Die Mikrobiologie fügt jedoch eine neue Informationsebene hinzu.

Wenn beispielsweise im Abfall viele mit dem Darm assoziierte Bakterien vorkommen, kann dies auf das Vorhandensein von menschlichen oder tierischen Exkrementen hindeuten. Überwiegen hingegen Fäulnisbakterien, könnte dies auf Häute, Tierkadaver oder andere organische Überreste schließen lassen. Werden in der Nähe einer Siedlung Spuren von Nutztieren gefunden, lässt sich besser nachvollziehen, wie der landwirtschaftliche Betrieb organisiert war.

Die Autoren fanden zudem Gene, die eine Resistenz gegen Antibiotika vermitteln. Dies ist nicht unbedingt ein Hinweis auf moderne Medizin: Viele solcher Gene existieren schon seit langem in der Natur, da Mikroben seit Millionen von Jahren miteinander konkurrieren. Der Fund zeigt jedoch, dass solche Gene im Boden und in archäologischen Schichten sehr lange erhalten bleiben können.

Quelle

Studie: Lorrie Maccario und Mitautoren, „Microbial composition of archaeological middens: tracing human footprints through centuries in Greenland’s ancient settlements“, Zeitschrift Frontiers in Microbiology, 2026.