Ein mittelalterliches Badehaus in Marokko hütete tausend Jahre lang ein Geheimnis

Das Spielbrett im Hammam von Valila (links) und die Markierungen zur Kennzeichnung der Lochpositionen (rechts) (INSAP-UCL Volubilis Archaeological Project). Bildnachweis: Libyan Studies (2026). DOI: 10.1017/lis.2025.10033

Als Archäologen ein mittelalterliches Hamam in der marokkanischen Stadt Walila untersuchten, machten sie direkt unter ihren Füßen eine unerwartete Entdeckung. In eine Stufe, die zum Kaltwasserbecken führte, hatte jemand vor tausend Jahren ein Spielbrett eingemeißelt. Der Mensch stieg ins Wasser hinab – und konnte auf dem Weg dorthin eine Partie spielen.

Ein seltener Fund: In Marokko gibt es fast keine mittelalterlichen Spielbretter, die sich genau datieren lassen. Dieses hier jedoch schon. Das Hammam wurde Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts erbaut und im 10. bis 11. Jahrhundert aufgegeben. Das bedeutet, dass das Spielbrett genau zu dieser Zeit genutzt wurde.

Die Studie wurde in der Zeitschrift Libyan Studies veröffentlicht.

Details

Walila ist der marokkanische Name des antiken Volubilis, einer römischen Stadt, die später zu einem der Zentren des frühmittelalterlichen islamischen Staates der Idrisiden wurde. Ein Hammam ist ein öffentliches Bad, das ein fester Bestandteil des städtischen Lebens in der islamischen Welt ist. Hierher kam man nicht nur, um sich zu waschen, sondern auch, um Kontakte zu knüpfen, sich zu erholen und die Zeit zu verbringen.

Das Spielbrett ist in die oberste Stufe des Eingangs zum Kaltwasserbecken eingemeißelt – an der auffälligsten Stelle, an der man nicht vorbeigehen kann. Es ist klein: 34 mal 9,5 Zentimeter. Drei Reihen mit mindestens 13 kleinen Vertiefungen, die direkt in den Stein gehauen wurden.

Ein Team unter der Leitung von Tim Penn von der Universität Reading (Großbritannien) versuchte herauszufinden, welches Spiel hier genau gespielt wurde. Das beliebte afrikanische Spiel Mancala schloss man sofort aus: Dort sind tiefe Vertiefungen erforderlich, um Steine oder Samen aufzunehmen, während diese hier flach sind. In Größe, Form und Anordnung erinnert das Brett am ehesten an ein Spielfeld für Tab/Sig – ein altes Spiel, das bis heute im Nahen Osten und in Nordafrika beliebt ist. Es ist eine Mischung aus Backgammon und Dame: Die Spielsteine werden über das Brett bewegt, wobei die Steine des Gegners geschlagen werden.

Sollte diese Interpretation zutreffen, handelt es sich um den ältesten bekannten Beleg für Tab/Sig auf nordafrikanischem Gebiet – mehrere Jahrhunderte früher als bisher angenommen. Die Autoren betonen selbst: Es handelt sich um eine fundierte Hypothese, nicht um eine endgültige Schlussfolgerung.

Warum dies wichtig ist

Spielbretter waren in der mittelalterlichen islamischen Welt keine Seltenheit. Sie wurden von Dichtern beschrieben, in Erzählungen erwähnt und bei Ausgrabungen in ganz Arabien und im Nahen Osten gefunden. Doch in Nordafrika, und insbesondere in Marokko, gab es kaum solche Funde mit einer zuverlässigen Datierung. Die meisten der entdeckten Bretter wurden standardmäßig der römischen Epoche zugeschrieben, einfach weil es nicht gelang, das Alter genauer zu bestimmen.

Dieser Fund verändert das Bild. Er zeigt: Brettspiele waren Teil des Alltagslebens in einer mittelalterlichen marokkanischen Stadt – kein Zeitvertreib der Elite, sondern eine Selbstverständlichkeit für jeden Besucher des Badehauses. Das Spielbrett ist in eine Stufe geschnitzt, für alle sichtbar. Jeder konnte mitspielen.

Es ist ein kleines, aber lebendiges Detail aus dem Leben von Menschen, über die wir nur sehr wenig wissen. Keine Eroberungen, keine Politik – einfach ein Moment der Erholung am kühlen Becken vor tausend Jahren.

Hintergrund

Volubilis ist eine der bekanntesten römischen Städte Nordafrikas und steht heute auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Nach dem Untergang Roms verödete die Stadt nicht: Sie wurde zu einem wichtigen Zentrum des Staates der Idrisiden – der ersten islamischen Dynastie Marokkos, die im 8. bis 10. Jahrhundert herrschte. Genau aus dieser Zeit stammt das Hamam mit der gefundenen Tafel.

Islamische Hammams waren eine öffentliche Einrichtung: ein Ort nicht nur der Hygiene, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens. Brettspiele fügten sich nahtlos in diese Lebensweise ein. Tab/Sig, das vermutlich auf der gefundenen Tafel abgebildet ist, wird bis heute in verschiedenen Varianten in der gesamten arabischen Welt gespielt – eines der wenigen Spiele, das fast unverändert bis in unsere Zeit überdauert hat.

Quelle

Tim Penn et al., „Gaming in the Maghreb al-Aqsa: new evidence from Idrisid Walīla (Volubilis)“, Libyan Studies (2026).