Wissenschaftler haben herausgefunden, warum die Inkas Kinder opferten
Die Inka opferten Kinder möglicherweise nicht nur zu Ehren der Götter. Eine neue Untersuchung der berühmten Grabstätte am Vulkan Llullaillaco zeigt: Solche Rituale könnten dem Reich dabei geholfen haben, seine Macht in abgelegenen Gebieten zu festigen.
Die Rede ist vom Kapakoče – einem staatlichen Ritual des Inka-Reiches, bei dem Kinder und junge Mädchen an heiligen Stätten im Hochgebirge geopfert wurden. Im Jahr 1999 fanden Archäologen auf dem Vulkan Llullaillaco an der Grenze zwischen dem heutigen Argentinien und Chile drei gut erhaltene Kindermumien sowie reichhaltige Opfergaben.
Nun haben die Forscher den Zeitpunkt dieses Rituals genauer bestimmt. Nach den neuen Erkenntnissen fand die Opferung höchstwahrscheinlich zwischen 1462 und 1507 statt, wobei das wahrscheinlichste Datum bei etwa 1499 liegt. Dies fällt mit der Zeit zusammen, in der das Inka-Reich seinen Einfluss im Süden der Anden aktiv aufrechterhielt und ausweitete.
Details
Zuvor wurde der Zeitpunkt der Bestattung sehr grob auf den Zeitraum zwischen etwa 1430 und 1520 datiert. Aus diesem Grund war es schwierig zu verstehen, mit welchen Ereignissen der Ritus in Verbindung stehen könnte: mit einer Eroberung, einem religiösen Fest, einer Naturkatastrophe oder einer politischen Maßnahme.
In der neuen Studie untersuchten die Wissenschaftler nicht die Mumien selbst, sondern die Pflanzen aus der Grabstätte: Kokablätter, Maiskörner und Manioksamen. Es handelt sich hierbei um kurzlebige Materialien: Sie reichern Kohlenstoff nur während einer einzigen Saison an, weshalb ihre Radiokarbondatierung einen genaueren zeitlichen Anhaltspunkt liefern kann.
Neben der Radiokarbonanalyse nutzten die Autoren stabile Isotope von Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff. Dies trug dazu bei, die Herkunft der Pflanzen zu bestimmen und das Datierungsmodell zu verfeinern, da sich das Gebiet des Inka-Reiches in einer Zone befand, in der sich Luftmassen der nördlichen und südlichen Hemisphäre vermischen konnten.
Das Datum um das Jahr 1499 ist von Bedeutung, da es in die Regierungszeit von Huayna Capac fällt – einem der letzten Herrscher des Inka-Reiches. Zu dieser Zeit war das Reich riesig, multiethnisch und benötigte nicht nur eine Armee, sondern auch Symbole der Macht, die die verschiedenen Gebiete mit dem Zentrum verbanden.
Die Autoren vermuten, dass das Opferritual auf dem Llullaillaco Teil einer staatlichen Kampagne gewesen sein könnte: ein Ritual, das die Präsenz der Inka in der Region festigte, Bündnisse mit den lokalen Eliten bekräftigte und zeigte, dass sich die Macht des Reiches sogar auf die heiligen Berggipfel erstreckte.
Warum es sich nicht einfach um „Religion“ handelt
Für die Inka waren Religion und Politik nicht so voneinander getrennt, wie wir es heute gewohnt sind. Ein heiliger Ritus konnte zugleich eine Anrufung der Götter, ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Weltordnung und eine Demonstration der staatlichen Macht sein.
Forscher weisen zudem darauf hin, dass das neue Datum kaum mit der These vereinbar ist, wonach das Opfer eine unmittelbare Reaktion auf einen großen Vulkanausbruch oder ein extremes Wetterereignis gewesen sei. Dies macht die politische Erklärung wahrscheinlicher, schließt jedoch die religiöse Bedeutung des Rituals nicht aus.
Warum dies wichtig ist
Der Fund trägt zu einem besseren Verständnis der Funktionsweise des Inka-Reiches bei. Es beherrschte ein riesiges Gebiet ohne die uns vertraute Schrift, ohne Geld und ohne moderne Verwaltungsinstrumente. In einem solchen System könnten Rituale ein Mittel gewesen sein, verschiedene Völker zu vereinen und sie daran zu erinnern, wo sich das Zentrum der Macht befand.
Kapakocha könnte nicht nur ein Opfer „für die Götter“ gewesen sein, sondern auch ein politisches Spektakel. Kinder wurden ausgewählt, vorbereitet, über große Entfernungen begleitet, auf heilige Berge geführt und mit wertvollen Gaben beigesetzt. Ein solches Ritual sollte einen starken Eindruck auf die lokalen Gemeinschaften hinterlassen und das Ausmaß der Macht der Inka verdeutlichen.
Hintergrund
Der Vulkan Llullaillaco liegt in den Anden an der Grenze zwischen Argentinien und Chile. Die Grabstätte wurde in einer Höhe von über 6.700 Metern entdeckt. Die Kälte und die trockene Luft trugen dazu bei, dass die Leichname der Kinder so gut erhalten blieben, dass sie zu den bekanntesten Inka-Mumien zählen.
Die bekannteste unter ihnen ist ein Mädchen im Teenageralter, das oft als „Jungfrau von Llullaillaco“ oder „La Doncella“ bezeichnet wird. Zusammen mit ihr wurden zwei weitere jüngere Kinder sowie rituelle Gegenstände gefunden. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass die Kinder vor ihrem Tod auf die Zeremonie vorbereitet wurden, unter anderem durch eine Umstellung der Ernährung sowie den Konsum von Koka und Alkohol.
Quelle
Studie: Dominika Sieczkowska-Jacyna und Mitautoren, „Timing the Sacred: A Multi-Step Chronological Framework for the Llullaillaco Inca Burial“, Zeitschrift Archaeometry, 2026.