Ein Künstler des 17. Jahrhunderts könnte ein Geheimnis gekannt haben, das Wissenschaftler erst jetzt bestätigt haben

Das Gemälde „Die Luft“ von Jan Brueghel dem Älteren, 1611. In der rechten oberen Ecke entdeckten Forscher eine Fledermaus, die vermutlich einen kleinen Vogel im Maul hält. Quelle: Proceedings of the National Academy of Sciences (2026). DOI: 10.1073/pnas.2536525123.

Auf einem Gemälde, das vor mehr als 400 Jahren entstanden ist, haben Wissenschaftler ein Detail entdeckt, das fast wie eine Szene aus einer modernen Naturdokumentation wirkt: Eine Fledermaus fliegt mit einem kleinen Vogel im Maul.

Es handelt sich um das Gemälde „Die Luft“ des flämischen Malers Jan Brueghel der Ältere, das im Jahr 1611 entstand. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein allegorisches Gemälde mit Göttern, Vögeln und Luftwesen. Doch in der rechten oberen Ecke entdeckten die Forscher etwas Ungewöhnliches: eine Fledermaus, die vermutlich einen Singvogel festhält.

Die Studie wurde in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht.

Das Interessanteste daran ist, dass Wissenschaftler dieses Verhalten erst im 21. Jahrhundert direkt bestätigen konnten. Die Große Abendfledermaus – die größte Fledermaus Europas – kann tatsächlich kleine Zugvögel in der Luft fangen und sie fressen, ohne dabei auf dem Boden zu landen.

Was auf einem alten Gemälde entdeckt wurde

Forscher aus dem Team von Pedro Romero-Vidal untersuchten die auf historischen Gemälden dargestellten Tiere. Auf dem Gemälde von Bruegel zählten sie mehr als 60 Vogelarten und mehrere Fledermäuse. Doch eine davon erwies sich als besonders merkwürdig: Sie war mit einem kleinen Vogel im Maul dargestellt.

Aufgrund der Körperform, der langen Flügel, der runden Ohren und der rötlich-braunen Färbung vermuteten die Wissenschaftler, dass der Künstler möglicherweise eine Große Abendfledermaus – Nyctalus lasiopterus – dargestellt hatte. Dies ist die größte Fledermaus Europas.

Auf dem Gemälde ist dies nur ein winziges Detail. Doch gerade dieses Detail verleiht Bruegels Werk eine unerwartete Bedeutung, nicht nur für Kunsthistoriker, sondern auch für Biologen.

Warum dies zu einem wissenschaftlichen Rätsel wurde

Lange Zeit ging man davon aus, dass sich die meisten europäischen Fledermäuse von Insekten ernähren. Doch Anfang der 2000er Jahre fanden Forscher im Kot der Großen Abendfledermaus Federn von Singvögeln. Dies deutete darauf hin, dass die Tiere Vögel fressen könnten, doch die zentrale Frage blieb: Wie genau fangen sie diese?

Eine solche Jagd direkt zu beobachten, ist nahezu unmöglich. Sie findet nachts, hoch in der Luft, während des Vogelzugs statt. Daher verfügten Wissenschaftler jahrzehntelang nur über indirekte Hinweise: Federn, DNA, Spuren im Kot.

Erst im Jahr 2025 erhielten die Forscher einen direkten Beweis. Sie statteten Fledermäuse mit winzigen Sensoren und Mikrofonen aus. Diese zeichneten auf, wie eine Große Abendfledermaus auf einen Zugvogel herabstürzte, ihn in der Luft ergriff und die Beute anschließend im Flug verzehrte.

Was Bruegel gewusst haben könnte

Das Gemälde ist kein wissenschaftliches Protokoll. Die Wissenschaftler behaupten nicht, dass Bruegel die nächtliche Jagd der Fledermaus selbst beobachtet habe. Höchstwahrscheinlich konnte er eine solche Szene nicht direkt beobachten: Die Große Abendfledermaus jagt nachts und hoch in der Luft.

Doch der Künstler könnte auf andere Weise von diesem Verhalten erfahren haben. Er reiste durch Italien, wo die Große Abendfledermaus heimisch ist. Zudem könnten die Menschen indirekte Anzeichen bemerkt haben: zum Beispiel Federn im Kot der Fledermäuse oder Reste ihrer Beute. Science News zitiert die Meinung eines Forschers, dass die Menschen jener Zeit gerade anhand solcher Spuren von den Vögeln in der Ernährung dieser Fledermäuse gewusst haben könnten.

Warum ist das so ungewöhnlich?

Alte Malerei wird oft als symbolisch wahrgenommen. Auf Gemälden des 17. Jahrhunderts konnten Tiere die Elemente, Tugenden, Sünden, Macht, Exotik oder die göttliche Ordnung symbolisieren. Diese Studie zeigt jedoch: Selbst in einem allegorischen Gemälde können genaue Naturbeobachtungen erhalten bleiben.

Im Fall von „Die Luft“ stellte Bruegel nicht einfach nur abstrakte Vögel und Fledermäuse dar. Viele Arten auf dem Gemälde sind erkennbar. Darunter befinden sich Papageien, Schwäne, ein Truthahn, ein Strauß und andere Vögel. Vor diesem Hintergrund wirkt die Fledermaus mit ihrer Beute nicht wie eine zufällige Fantasie, sondern wie ein möglicher biologischer Hinweis.

Wer ist die Große Abendfledermaus?

Die Große Abendfledermaus ist die größte Fledermaus Europas. Im Gegensatz zu vielen anderen Arten ist sie in der Lage, nicht nur Insekten, sondern auch kleine Zugvögel zu jagen. Dies ist besonders im Herbst und Frühjahr von Bedeutung, wenn Millionen von Vögeln nachts zwischen Europa und Afrika ziehen.

Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Fledermäuse in einer Höhe von über einem Kilometer jagen können. Sie holen einen Vogel in der Luft ein, fangen ihn und können ihn direkt während des Fluges verzehren, ohne auf dem Boden zu landen.

Für den Menschen erscheint dies fast unglaublich: Ein kleines nächtliches Säugetier jagt einen Vogel am dunklen Himmel. Doch genau dies haben moderne Sensoren bestätigt.

Warum das Gemälde die Ernährung der Fledermäuse nicht „bewiesen“ hat

Hier darf man nicht übertreiben. Das Gemälde von Bruegel ist kein eigenständiger Beweis dafür, dass die Große Abendfledermaus Vögel frisst. Wissenschaftliche Bestätigung lieferten moderne Untersuchungen: die Analyse von Kot, DNA, Bewegungssensoren und Tonaufnahmen der Jagd.

Das Gemälde könnte jedoch ein frühes künstlerisches Zeugnis für ein solches Verhalten sein. Und genau das macht es wertvoll: Es zeigt, dass Naturbeobachtungen bereits Hunderte von Jahren, bevor die Wissenschaft über die technischen Mittel zur Überprüfung verfügte, Eingang in die Kunst gefunden haben könnten.

Mit anderen Worten: Der Künstler könnte etwas bemerkt oder erkannt haben, was Biologen erst vier Jahrhunderte später beweisen konnten.

Warum diese Entdeckung wichtig ist

Die Studie zeigt, dass Museen und digitale Archive nicht nur für Kunsthistoriker von Nutzen sein können. Alte Gemälde, Zeichnungen und Stiche bewahren mitunter Informationen über Tiere, Pflanzen, Landschaften und das Verhalten von Arten.

Wenn Sammlungen in hoher Auflösung digitalisiert werden, erhalten Wissenschaftler die Möglichkeit, Details zu betrachten, die zuvor leicht übersehen wurden. Die Autoren der Studie vermuten, dass sich in alten Gemälden auch andere Naturbeobachtungen verbergen könnten, die bisher noch niemand erkannt hat.

Das bedeutet nicht, dass jedes Gemälde als biologisches Nachschlagewerk gelesen werden muss. Es bedeutet jedoch, dass die Kunst eine zusätzliche Datenquelle darstellen kann – insbesondere dort, wo schriftliche oder wissenschaftliche Beobachtungen fehlen.

Hintergrund

Jan Brueghel der Ältere war einer der bekanntesten flämischen Maler des frühen 17. Jahrhunderts. Seine Gemälde sind oft reich an zahlreichen kleinen Details: Tiere, Pflanzen, Gegenstände, Symbole und Szenen aus der Mythologie.

Das Gemälde „Die Luft“ gehört zu den Allegorien der Elemente. Es zeigt eine Welt von Wesen, die mit dem Himmel und dem Fliegen verbunden sind. Daher sind Fledermäuse auf einem solchen Gemälde naheliegend. Überraschend war nicht die Fledermaus an sich, sondern die Tatsache, dass eine von ihnen vermutlich mit einem gefangenen Vogel dargestellt ist.

Quelle

Studie: Pedro Romero-Vidal et al., „Natural history on canvas: Brueghel knew about bird-eating noctule bats“, Proceedings of the National Academy of Sciences, 2026.