Im größten Grab aus der Kupferzeit wurden Hinweise auf eine mögliche Tuberkulose-Epidemie bei Kindern gefunden
Wissenschaftler haben im größten bekannten kupferzeitlichen Grab Europas beunruhigende Anzeichen für eine antike Gesundheitskrise gefunden. Fast alle der untersuchten Kinder- und Jugendskelette aus der Grabstätte Camino del Molino im Südosten Spaniens wiesen Knochenveränderungen auf, die mit langfristigen oder wiederkehrenden Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht werden können.
Die Studie wurde im International Journal of Paleopathology veröffentlicht.
Die Autoren untersuchten die Überreste von Kindern und Jugendlichen aus einer etwa 5.000 Jahre alten Sammelbestattung. Sie konzentrierten sich auf poröse Knochenläsionen und Veränderungen, die die Paläopathologie mit Infektionen der Atemwege in Verbindung bringt.
Wichtig: Die Wissenschaftler behaupten nicht, dass jedes Kind speziell an TB erkrankt war. Es ist möglich, anhand der Knochen Spuren von Krankheiten oder Belastungen am Körper zu erkennen, aber es ist nicht immer möglich, den Erreger genau zu benennen. Tuberkulose wird als eine Möglichkeit angesehen, die noch mit Hilfe von alter DNA und anderen Methoden getestet werden muss.
Details
Camino del Molino ist eine große kupferzeitliche Kollektivgrabstätte in der Region Caravaca de la Cruz in Murcia im Südosten Spaniens. In ihr wurden die Überreste von mehr als 1.300 Menschen gefunden. Solche Bestattungen wurden lange Zeit genutzt: Neue Generationen wurden neben früheren Überresten begraben, so dass die Knochen oft durcheinander lagen und schlecht erhalten waren.
Vor diesem Hintergrund sind die 48 gut erhaltenen Skelette von Kindern und Jugendlichen besonders wichtig. Sie ermöglichten es den Forschern, nicht einzelne Knochen, sondern fast ganze Körper zu untersuchen und nach wiederkehrenden Anzeichen von Krankheiten zu suchen.
Einer Nacherzählung der Studie zufolge wiesen 92 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen zumindest einige mit dem Krankheitszustand verbundene Knochenveränderungen auf. Etwa zwei Drittel hatten eine Kombination aus porösen Knochenläsionen und Anzeichen, die auf Infektionen der Atemwege hinweisen könnten.
Was genau sahen die Wissenschaftler? In erster Linie poröse Knochen im Schädel und in den langen Knochen sowie Veränderungen an der Innenseite des Schädels, der Wirbel, der Beckenknochen und in anderen Bereichen. Einige dieser Spuren ähneln Veränderungen, die in späteren und besser untersuchten Fällen auf Infektionen des Atmungssystems zurückgeführt wurden.
Die Forscher schenkten zwei Altersgruppen besondere Aufmerksamkeit: Kindern im Alter von 1 bis 4 Jahren und Jugendlichen im Alter von 10 bis 14 Jahren. Sie waren diejenigen, bei denen die Anzeichen der Krankheit besonders häufig auftraten. Das ist wichtig, weil junge Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Lungeninfektionen, einschließlich Tuberkulose, sein können.
Die möglichen Ursachen lassen sich nicht auf eine einzige Mikrobe zurückführen. Die Autoren sprechen vielmehr von einer breit gefächerten Krankheitslast: Kinder könnten mit Rauch in Wohnungen, Staub, organischen Partikeln aus der Lebensmittelverarbeitung und dem Handwerk, engem Kontakt mit Tieren und Infektionen, die von Tieren auf Menschen übertragen wurden, in Berührung gekommen sein.
Möglicherweise handelt es sich also nicht um einen kurzen Ausbruch, sondern um harte Lebensbedingungen, unter denen Atemwegserkrankungen immer wieder auftraten und die Kinder immer wieder ansteckten.
Warum das wichtig ist
Die Studie zeigt, wie gefährdet Kinder in prähistorischen Bauern- und Hirtengemeinschaften gewesen sein könnten. Sie lebten in der Nähe von Tieren, atmeten den Rauch von Feuerstellen ein, nahmen am täglichen Leben in der Siedlung teil und waren möglicherweise in ständigem Kontakt mit Infektionsquellen.
Dies ist auch ein wichtiges Beispiel dafür, dass Knochen uns nicht nur etwas über den Tod, sondern auch über das Leben erzählen können. Die Veränderungen an einem Skelett zeigen nicht unbedingt, woran eine Person gestorben ist. Aber sie helfen uns zu verstehen, welche Krankheiten er oder sie hatte, welchen Belastungen er oder sie ausgesetzt war und wie rau die Umgebung war, in der er oder sie aufwuchs.
Unabhängig davon, so die Forscher, wurden Kinder mit Anzeichen von Krankheit nicht von dem allgemeinen Bestattungsritual ausgeschlossen. Sie wurden auf die gleiche Weise wie andere Mitglieder der Gemeinschaft begraben. Dies deutet darauf hin, dass Krankheit, Behinderung oder ungewöhnliche körperliche Merkmale nicht zwangsläufig zu einer Isolation nach dem Tod führten.
Hintergrund
Die Kupferzeit auf der Iberischen Halbinsel war eine Zeit des komplexen sozialen Wandels. Die Menschen lebten sesshafter, betrieben Landwirtschaft und Viehzucht und bildeten große kollektive Bestattungsgemeinschaften. Solche Gemeinschaften mögen eng miteinander verbunden gewesen sein, aber gerade das erhöhte das Risiko der Verbreitung von Infektionen.
Der Camino del Molino ist den Archäologen bereits als außergewöhnliches Monument bekannt. In früheren Arbeiten wurde es als Sammelgrab mit 1.348 Individuen beschrieben, in dem Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts vertreten waren. Auch Trepanationen - Schädeloperationen - wurden unter den Funden erwähnt, was die Komplexität und den ungewöhnlichen Charakter dieses archäologischen Komplexes zeigt.
Die neue Studie fügt diesem Bild eine medizinische Ebene hinzu. Sie zeigt, dass sich hinter dem reichhaltigen archäologischen Material echte Gesundheitsprobleme verbargen - insbesondere bei Kindern.
Quelle
Studie: Sonia Díaz-Navarro et al, "Porous skeletal lesions and respiratory infection-related changes in Chalcolithic non-adults: A biocultural approach from Camino del Molino (southeastern Iberia)", International Journal of Paleopathology, 2026.