Vögel tragen nicht ohne Grund frische Pflanzen in ihre Nester – Wissenschaftler haben einen merkwürdigen Effekt entdeckt
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Vögel vieler Arten bringen regelmäßig frische Blätter, Gras und sogar duftende Pflanzen in ihre Nester. Biologen diskutieren seit langem darüber, warum sie dies tun: um Parasiten abzuschrecken, Partner anzulocken oder buchstäblich eine pflanzliche „Erste-Hilfe-Apotheke“ für ihren Nachwuchs einzurichten.
Nun haben Wissenschaftler die Ergebnisse von 28 experimentellen Studien zusammengefasst, die sieben Vogelarten und 274 einzelne Wirkungsbewertungen umfassten. Es hat sich gezeigt, dass frisches Grün tatsächlich von Nutzen sein kann, insbesondere was die Entwicklungsparameter der Jungvögel betrifft. Das Interessanteste daran ist jedoch, dass es den Forschern nicht gelungen ist, auch nur eine der gängigen Erklärungen für dieses Verhalten zu bestätigen.
Warum bringen Vögel überhaupt Grünzeug in ihre Nester?
Im Gegensatz zu Zweigen, Erde oder trockenem Gras, die für den Bau des Nestes selbst benötigt werden, erfüllen frische Blätter und Triebe oft keine offensichtliche konstruktive Funktion.
Dabei wählen manche Vögel die Pflanzen nicht zufällig aus. In den Nestern finden sich frisches Gras, Blätter und Zweige, darunter auch duftende Arten, die flüchtige chemische Verbindungen enthalten.
Daraus ergaben sich gleich mehrere Hypothesen. Einer davon zufolge dienen die Pflanzen als eine Art Balzsignal: Der Vogel demonstriert einem potenziellen Partner die Qualität des Nestes oder seine eigenen Fähigkeiten. Nach einer anderen Version schützt das Pflanzenmaterial das Nest vor Parasiten und krankheitserregenden Mikroorganismen. Schließlich wurde vermutet, dass bestimmte Pflanzen in der Lage sind, den Zustand der Jungvögel direkt zu verbessern.
Bislang lieferten einzelne Experimente widersprüchliche Ergebnisse. Daher beschlossen Forscher der Universität Bielefeld, die gesamte gesammelte experimentelle Literatur auf einen Blick zu betrachten.
Die Wissenschaftler fassten die Ergebnisse von 28 Experimenten zusammen
Das Team um Shri Dimri führte eine systematische Übersicht und eine Metaanalyse durch – dabei wurden die Ergebnisse unabhängiger Studien statistisch zusammengefasst, um einen Gesamteffekt zu ermitteln, der in einzelnen Arbeiten möglicherweise nicht erkennbar ist.
In die Analyse flossen 28 experimentelle Studien ein, von denen 26 veröffentlicht wurden, während zwei unveröffentlicht blieben. Insgesamt umfassten sie sieben Vogelarten und lieferten 274 Effektschätzungen.
Dies ist wesentlich aussagekräftiger als herkömmliche Beobachtungen. In den untersuchten Experimenten fügten die Wissenschaftler den Nestern gezielt pflanzliches Material hinzu oder entfernten es und verglichen anschließend die Ergebnisse. Ein solches Versuchsdesign ermöglicht es, den Einfluss des pflanzlichen Materials selbst wesentlich zuverlässiger zu beurteilen als eine einfache Korrelation zwischen der Menge an Grünmaterial und dem Zustand der Vögel.
Die Forscher berücksichtigten das Gewicht und die Größe der Jungvögel, physiologische Parameter, den Fortpflanzungserfolg, das Verhalten sowie die Anzahl der Parasiten und Krankheitserreger.
Den deutlichsten Effekt stellten sie bei den Jungvögeln fest
Insgesamt zeigte die Metaanalyse, dass frisches Pflanzenmaterial die Indikatoren, die mit der Fitness der Vögel zusammenhängen, positiv beeinflussen kann. In der Evolutionsbiologie versteht man unter „Fitness“ nicht einfach nur Gesundheit, sondern Merkmale, die potenziell mit dem Überleben und einer erfolgreichen Fortpflanzung zusammenhängen.
Die deutlichsten positiven Ergebnisse erzielten die Wissenschaftler bei den morphologischen Merkmalen der Jungvögel – beispielsweise beim Körpergewicht und bei den Abmessungen verschiedener Körperteile. Gerade diese Gruppe von Merkmalen erwies sich als besonders empfindlich gegenüber dem Vorhandensein von frischem Grün.
Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass Jungvögel in solchen Nestern generell „gesünder“ sind oder höhere Chancen haben, das Erwachsenenalter zu erreichen. Die Metaanalyse zeigt zwar einen Vorteil bei einzelnen messbaren Merkmalen, belegt jedoch keine allgemeine Steigerung der Überlebensrate.
Die These vom natürlichen „Verbandskasten“ hat sich nicht bestätigt
Auf den ersten Blick scheinen die chemischen Eigenschaften der Pflanzen die logischste Erklärung zu sein.
Es ist bekannt, dass manche Vögel duftende Pflanzenarten bevorzugen, die flüchtige Substanzen absondern. Daher vermuteten die Forscher, dass solches Grün als natürliches Abwehrmittel oder Mittel gegen Mikroorganismen und Parasiten wirken könnte. Zuvor wurde bei einzelnen Arten tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Vegetation im Nest und der Anzahl der Parasiten festgestellt.
Eine neue Metaanalyse ergab jedoch keine überzeugende allgemeine Bestätigung dieser These.
Den Forschern lagen keine verlässlichen Belege dafür vor, dass frisches Grün die Anzahl von Parasiten oder Krankheitserregern systematisch verringert. Darüber hinaus ergaben Experimente, in denen duftende Pflanzen mit nicht duftenden verglichen wurden, keinen eindeutigen Vorteil für erstere.
Dies lässt Zweifel an der verlockenden Vorstellung aufkommen, dass Vögel ihre Nester in erster Linie mit einer Art pflanzlicher Heilmittel auskleiden.
Der Effekt ist vorhanden, doch seine Ursache bleibt ein Rätsel
Auch keine andere der wichtigsten Hypothesen konnte sich entscheidend durchsetzen.
Die Autoren fanden keine ausreichend überzeugenden Daten, um weder die Anziehung von Partnern noch den Schutz des Nestes vor Parasiten noch die vermutete „medizinische“ Wirkung der Pflanzen auf den Nachwuchs als Haupt erklären zu können.
Es stellte sich jedoch heraus, dass die Ergebnisse sehr stark von der Gestaltung des Experiments selbst beeinflusst werden – beispielsweise davon, welche Nester und welche Varianten von Pflanzenmaterial die Wissenschaftler miteinander verglichen. Gerade die Versuchsgestaltung erklärte einen erheblichen Teil der Unterschiede zwischen den erzielten Effekten.
Daher bleibt noch eine weitere Möglichkeit: Möglicherweise kommt es gar nicht so sehr auf die chemische Zusammensetzung der Pflanzen an, sondern vielmehr auf deren physikalische Eigenschaften.
Frische Blätter und Gräser können die Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Nestinneren, dessen Struktur, Sauberkeit oder die Bedingungen, unter denen sich die Jungvögel entwickeln, verändern. Diese Mechanismen sind jedoch bislang weitaus weniger gut erforscht und bleiben Hypothesen.
Warum es sich als so schwierig erwiesen hat, diese Gewohnheit zu entschlüsseln
Eines der Hauptprobleme ist die geringe wissenschaftliche Datenbasis.
Obwohl die Wissenschaftler 28 Studien zusammengetragen haben, betrafen diese lediglich sieben Arten. Ein Großteil der Daten stammt von einigen wenigen gut erforschten Vogelarten – insbesondere von Blaumeisen, Staren und Einfarbigen Staren. Daher ist ungewiss, ob der festgestellte Effekt bei Hunderten anderer Arten, die ebenfalls grünes Material nutzen, auf dieselbe Weise zum Tragen kommt.
Zudem wiesen die Ergebnisse der verschiedenen Experimente deutliche Unterschiede auf. Das bedeutet, dass man nicht von einer einfachen, allgemeingültigen Regel wie „frisches Gras verbessert den Zustand der Jungvögel“ sprechen kann.
Es ist durchaus möglich, dass bei verschiedenen Vogelarten ein auf den ersten Blick gleichartiges Verhalten unterschiedliche Ursachen hat: Bei der einen Art tragen die Pflanzen zur Regulierung des Mikroklimas bei, bei einer anderen sind sie Teil der Balz, und bei einer dritten üben sie tatsächlich eine chemische Wirkung aus.
Nun müssen die Wissenschaftler das Nest in seine einzelnen Bestandteile zerlegen
Um den Mechanismus aufzuklären, schlagen die Autoren vor, Experimente durchzuführen, in denen die verschiedenen Eigenschaften des Grüns unabhängig voneinander untersucht werden.
So könnte man beispielsweise das Vorhandensein von frischestem Pflanzenmaterial und das Vorhandensein von Duftstoffen getrennt voneinander variieren und gleichzeitig die Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Nest, die Anzahl der Parasiten und Krankheitserreger, die chemische Zusammensetzung der Pflanzen sowie die Entwicklung der Jungvögel messen.
So wird klarer, ob die Vögel tatsächlich die Pflanzenchemie nutzen oder ob das Geheimnis in weitaus prosaischeren physikalischen Eigenschaften frischer Blätter liegt.
Bislang sieht das Ergebnis ungewöhnlich aus: Das sich mehrfach wiederholende Verhalten, für das die Vögel Zeit und Energie aufwenden, ist tatsächlich mit messbaren Vorteilen für den Nachwuchs verbunden – doch der Mechanismus, der diesen Vorteilen zugrunde liegt, bleibt unbekannt.
Quelle
Studie: „Why do birds use green nest material? A systematic review and meta-analysis of experiments“.
Autoren: Shreya Dimri, Tuba Rizvi, Julio M. G. Segovia, Meinolf Ottensmann, Alfredo Sánchez-Tójar.
Zeitschrift: Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, Band 293, 2026. Die Universität Bielefeld bestätigt ebenfalls die Veröffentlichung der Arbeit in den Proceedings B.
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Maria Grynevych, Projektmanagerin, Journalistin, Mitautorin des Reiseführers Heilige Berge der Dnjepr-Region, Vortragskurs: Kultische Topographie der mittleren Dnjepr-Region.













