Was geschah in Europa nach dem Untergang Roms: Wissenschaftler haben die DNA von 300 Menschen entschlüsselt
Was geschah in Europa nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches? Lange Zeit wurde diese Zeit als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet – man ging davon aus, dass die Zivilisation von Horden von Barbaren abgelöst wurde, die Chaos hinterließen und fast keine Spuren hinterließen. Eine neue Studie stellt dieses Bild auf den Kopf.
Wissenschaftler des internationalen Projekts HistoGenes haben die DNA von mehr als 300 Menschen analysiert, die kurz nach dem Untergang Roms auf dem Gebiet des heutigen Nordwestungarns lebten. Es stellte sich heraus, dass die eingewanderten Völker nicht einfach nur die verlassenen Gebiete besiedelten – gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung bauten sie eine komplexe, vielschichtige Gesellschaft mit einer eigenen herrschenden Elite auf.
Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.
Details
Zunächst einmal dazu, was „Barbaren“ sind. Dies ist kein neutraler Begriff, sondern die Sichtweise der Römer selbst: So bezeichneten sie alle Völker außerhalb ihres Reiches. Historiker verwenden diesen Begriff aus Gewohnheit, doch es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass dahinter reale und sehr unterschiedliche Gruppen von Menschen stehen und nicht eine gesichtslose Horde von Zerstörern.
Ein Team aus Wissenschaftlern – Genetiker, Archäologen, Historiker und Anthropologen – hat die Genome von mehr als 300 Menschen entschlüsselt, die in der sogenannten Kleinen Ungarischen Tiefebene begraben wurden. Dies ist ein praktisches „Fenster“ in die Vergangenheit: Die alte DNA ermöglicht es, herauszufinden, woher die Menschen stammten und wie sie miteinander verbunden waren, während archäologische Funde Details über ihre Lebensweise liefern.
Das Bild, das sich daraus ergibt, sieht wie folgt aus: Zur Zeit des Römischen Reiches gehörten die Einheimischen zu einem dichten Netz miteinander verbundener Gemeinschaften. Ihre Gene waren überwiegend südeuropäischer Herkunft, doch es fanden sich auch Spuren asiatischer und afrikanischer Abstammung – ein Spiegelbild dessen, wie heterogen und „kosmopolitisch“ das Reich war.
Nach dem Untergang Roms änderte sich die Situation. In den Grabstätten stieg der Anteil nordeuropäischer Abstammung sprunghaft an – das bedeutet, dass neue Menschen aus dem Norden in die Region kamen. Durch den Abgleich von Gen- und archäologischen Daten brachten die Forscher diesen Zustrom mit der Expansion des Langobardenreichs in Verbindung, das zu Beginn des 6. Jahrhunderts aus den Gebieten nördlich der Donau in die ehemaligen römischen Territorien vordrang.
Das Interessanteste ist jedoch, wie genau diese Umsiedlung ablief. Es handelte sich nicht um eine einzige Massenwanderung. Die Wissenschaftler erkannten ein komplexes und langwieriges Muster der Wanderungsbewegungen: Die Menschen kamen nach und nach auf unterschiedlichen Wegen und behielten dabei ihre familiären Bindungen zur Bevölkerung weiter nördlich bei. Und vor allem gründeten die Neuankömmlinge nicht einfach nur vereinzelte Dörfer. Sie schufen eine vielfältige, hierarchische Gesellschaft mit einer herrschenden Elite, die den Grundstein für einen neuen, bereits post-strumischen Staat legte.
Warum dies wichtig ist
Bislang wussten Historiker erschreckend wenig über diese Epoche. Die sogenannten „barbarischen Königreiche“ hinterließen fast keine schriftlichen Zeugnisse – und man musste sich hauptsächlich auf die Aufzeichnungen der unterworfenen Römer stützen, also auf die Sichtweise der unterlegenen Seite.
Eine neue Studie ermöglicht es erstmals, diese Epoche aus einer anderen Perspektive zu betrachten – von innen heraus, anhand der Gene und Knochen der Menschen selbst. Und das Bild erweist sich als weitaus komplexer als das gewohnte Klischee vom „Einfall der Wilden“.
Es gibt auch eine subtilere wissenschaftliche Schlussfolgerung, die weit über dieses Thema hinaus von Bedeutung ist. Die Studie hat gezeigt, dass materielle Kultur und genetische Herkunft nicht immer übereinstimmen. Einfacher ausgedrückt: Die Gegenstände, die ein Mensch benutzte, und die Art und Weise, wie er bestattet wurde, sagen nicht zwangsläufig etwas darüber aus, woher er stammte. Dies ist eine Mahnung für die gesamte Archäologie – man darf „Kultur“ nicht automatisch mit „Volk“ gleichsetzen.
Es sei betont: Es handelt sich um eine bestimmte Region und nicht um ganz Europa. Die Schlussfolgerungen beziehen sich auf die Kleine Ungarische Tiefebene und sollten nicht automatisch auf die Herkunft der Europäer insgesamt übertragen werden.
Hintergrund
Der Untergang des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert gilt gemeinhin als Wendepunkt zwischen Antike und Mittelalter. Die darauf folgende Zeit wurde traditionell als Niedergang beschrieben – daher auch die Bezeichnung „dunkles Zeitalter“. In den letzten Jahrzehnten haben Historiker diese Bezeichnung zunehmend in Frage gestellt, und alte DNA ist zu einem schlagkräftigen neuen Argument in dieser Debatte geworden.
Die Langobarden sind ein germanisches Volk, dessen Vormarsch nach Italien und Mitteleuropa im 6. Jahrhundert aus Chroniken bekannt ist, doch die Einzelheiten dieser Völkerwanderung sind seit langem umstritten: Handelte es sich um eine massive Invasion oder um ein allmähliches Eindringen kleinerer Gruppen? Eine neue Studie neigt zur zweiten Variante – einem komplexen Mosaik von Wanderungsbewegungen und nicht einer einheitlichen „großen Völkerwanderung“.
Die Arbeit wurde im Rahmen des groß angelegten Projekts HistoGenes durchgeführt, das die Bevölkerung Mitteleuropas im Zeitraum von 400 bis 900 n. Chr. untersucht. Im Laufe des Projekts analysierten die Wissenschaftler die Überreste von mehr als 6.000 Menschen – dies ist eine der größten Datenbanken mit alter DNA für diese Epoche.
Quelle
Studie: Yijie Tian et al., „Unveiling the complexity of post-Roman polity formation in Pannonia using ancient DNA“, Zeitschrift Science (2026).