Wissenschaftler haben das Geheimnis einer Seekarte gelüftet, die fast zwei Jahrhunderte lang ein Rätsel war
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Fast zwei Jahrhunderte lang galt eine alte Seekarte aus der Sammlung der Royal Geographical Society in London als seltsam und „ungenau“. Sie unterschied sich von den gewohnten europäischen Karten: Sie stellte den Raum nicht in einer modernen mathematischen Projektion dar, wirkte nicht „korrekt“ genug und blieb lange Zeit nahezu unentschlüsselt.
Nun haben Forscher gezeigt: Das Problem lag nicht in der Karte. Das Problem bestand darin, dass man versuchte, sie anders zu lesen, als es echte Seeleute taten.
Die neue Studie hat bewiesen, dass die Kacchhi-Gujarati-Schriftrolle aus dem 18. bis frühen 19. Jahrhundert keine dekorative Kuriosität, sondern ein praktisches Navigationsinstrument war. Sie half Seeleuten aus Westindien dabei, das Rote Meer und den Golf von Aden zu befahren – eine der schwierigsten Seegebiete zwischen Indien, Arabien und dem Horn von Afrika.
Die Studie wurde im Journal of the Royal Asiatic Society veröffentlicht.
Was ist das für eine Karte?
Es handelt sich um eine lange, schmale Papierrolle, die aus der Tradition der Seeleute aus Kachcha und Gujarat im Westen Indiens stammt. Sie zeigt den südlichen Teil des Roten Meeres und den Golf von Aden – eine Route, die für Handel, Pilgerreisen und Seeverbindungen zwischen Indien, Arabien und Ostafrika von großer Bedeutung war.
Das Dokument gelangte 1835 in die Sammlung der Royal Geographical Society. Der britische Offizier und Reisende Alexander Burnes hatte es von einem örtlichen Lotsen in Kachch erhalten und der Gesellschaft übergeben. Im Archiv wurde die Schriftrolle unter einem Titel wie „Indische Karte der Küste Arabiens und des Roten Meeres“ aufbewahrt.
Die Schriftrolle war in der Breite relativ schmal – etwa 24,5 cm –, aber lang – etwa 195 cm. Dies machte sie an Bord besonders praktisch: Man konnte die Karte teilweise entfalten, und zwar nur für den benötigten Abschnitt der Route, während der Rest aufgerollt blieb.
Warum sie fast 200 Jahre lang nicht verstanden wurde
Europäische Forscher betrachteten die Karte lange Zeit als eine „mangelhafte“ Version einer europäischen Seekarte. Sie entsprach nicht den Erwartungen: Sie sah nicht wie ein präzises Koordinatendiagramm aus, zeigte das Rote Meer und den Golf von Aden nicht in der gewohnten Form und war nicht wie eine moderne Seekarte aufgebaut.
Alexander Burnes, der die Schriftrolle nach London überführte, bewunderte sie einerseits, unterschätzte sie aber zugleich. Er bezeichnete sie als seltenes Beispiel für eine Seekarte, war jedoch der Ansicht, dass sie keine Breiten- und Längengrade enthalte. Später festigte sich der Ruf der Karte als „grob“ oder primitiv.
Die neue Studie rehabilitiert dieses Dokument nun faktisch. Die Autoren zeigen: Die Karte war nicht im europäischen mathematischen Sinne präzise, sondern im praktischen Sinne. Sie hielt das Wissen fest, das ein erfahrener Seemann benötigte: Ortsnamen, Fahrtrichtungen, Orientierungspunkte, Riffe, Inseln, Küstenprofile und astronomische Daten.
Es handelte sich nicht um eine Karte für Anfänger. Sie sollte einem Menschen, der diese Gewässer noch nie befahren hatte, nicht „alles erklären“. Sie diente als Merkblatt für einen Seefahrer, der bereits in der lokalen Navigationstradition geschult war.
Auf der Schriftrolle fanden und entzifferten die Forscher etwa 66 Ortsnamen, die in Devanagari niedergeschrieben waren. Zuvor waren viele davon unerkannt geblieben oder konnten nicht eindeutig bestimmten realen Orten zugeordnet werden. Die Autoren der neuen Studie haben die Koordinaten für all diese Ortsnamen ermittelt und deren Lesbarkeit verbessert.
Auf der Karte befanden sich zudem astronomische Daten, die zur Bestimmung des Breitengrads und der Fahrtrichtung dienten. Für die Seeleute war dies von entscheidender Bedeutung: Sie konnten sich anhand der Sterne, Küsten, Inseln und Riffe orientieren, indem sie die Angaben auf der Schriftrolle mit ihrer eigenen Erfahrung verbanden.
Was die Wissenschaftler auf der Schriftrolle fanden
Die Karte erwies sich als weitaus detailreicher als bisher angenommen. Die Forscher identifizierten darauf mehr als 180 Inseln, Riffe, Küstenorientierungspunkte, religiöse Gebäude, Flaggen, Kurslinien und wichtige Punkte entlang der Küste.
Besonders interessant sind 29 Kompasslinien – Richtungen, die dabei halfen, den Hauptverlauf der Küste, die Route über offenes Wasser und möglicherweise sichere Durchfahrten in und aus Häfen zu erkennen.
Auf der Karte sind zudem islamische Bauwerke abgebildet – wahrscheinlich bestimmte Moscheen oder Heiligtümer der Region. Die Flaggen könnten hingegen auf politische und steuerliche Zentren hinweisen, die für den Handel und die Kontrolle der Seewege von Bedeutung waren.
Warum die Karte „falsch“ aussah
Der moderne Mensch ist an Karten gewöhnt, auf denen der Raum mathematisch dargestellt wird: Maßstab, Gitter, Koordinaten, vertraute Küstenformen. Doch diese Schriftrolle funktionierte anders.
Sie hatte nicht den Anspruch, eine universelle Weltkarte zu sein. Sie war ein Gedächtnisinstrument. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, das Meer „wie auf einem Satellitenbild“ darzustellen, sondern einem erfahrenen Seemann dabei zu helfen, sich an die gewünschte Route, Orientierungspunkte, Gefahren und Richtungen zu erinnern.
Genau deshalb mag seine Form den Europäern seltsam erschienen sein. Für die einheimischen Seefahrer war sie jedoch praktisch: Die schmale Schriftrolle ließ sich leicht auf dem Schiff aufbewahren, Stück für Stück entrollen und zusammen mit mündlichen Überlieferungen, der Sternennavigation und praktischer Erfahrung nutzen.
Warum diese Entdeckung wichtig ist
Die Geschichte dieser Karte zeigt, wie leicht man sich irren kann, wenn man ein fremdes Wissenssystem nur anhand der eigenen Maßstäbe bewertet.
Europäische Wissenschaftler betrachteten die Schriftrolle lange Zeit als „ungenaue Karte“. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass es sich nicht um einen Fehler handelte, sondern um eine andere Navigationslogik. Die Seeleute aus Kachcha und Gujarat hatten sich die Route nicht nur „ungefähr vorgestellt“ – sie nutzten ein komplexes System praktischen Wissens, das es ihnen ermöglichte, sicher durch das Rote Meer und den Golf von Aden zu navigieren.
Dies ist zudem eine wichtige Erinnerung: Die Geschichte der Navigation ist nicht nur die Geschichte europäischer Instrumente, Globen und Koordinaten. Vor der Verbreitung einer abstrakteren, instrumentengestützten Navigation im Indischen Ozean gab es eigene, effektive Traditionen der Seefahrt.
Warum es sich nicht einfach um eine „alte Karte“ handelt
Diese Schriftrolle ist weder ein museales Schmuckstück noch eine zufällige Kuriosität. Sie ist ein Zeugnis lebendiger Seefahrtspraxis.
Er zeigt, wie Seefahrer Indien, Arabien, das Rote Meer und das Horn von Afrika miteinander verbanden. Solche Routen waren wichtig für Handel, Austausch, Pilgerreisen und politische Beziehungen. Über sie wurden Waren, Menschen, Ideen und religiöse Praktiken transportiert.
Genau aus diesem Grund ist die Entschlüsselung der Karte nicht nur für die Geschichte der Kartografie von Bedeutung. Sie hilft dabei, eine ganze Welt des maritimen Wissens zu erkennen, die lange Zeit im Schatten der europäischen Archivbeschreibungen stand.
Hintergrund
Das Rote Meer und der Golf von Aden waren jahrhundertelang Teil der wichtigsten Seewege zwischen dem Indischen Ozean, der Arabischen Halbinsel und Ostafrika. Diese Gewässer sind für die Navigation schwierig: Dort gibt es Riffe, Inseln, enge Durchfahrten, gefährliche Küsten und wichtige saisonale Winde.
Für Seeleute, die diese Routen befuhren, war die Karte nur ein Teil des Wissens. Ebenso wichtig waren das Gedächtnis, die Erfahrung, mündliche Anweisungen, die Kenntnis der Sterne, Küstenorientierungspunkte und Ortsnamen.
Eine neue Entzifferung zeigt, dass die alte Schriftrolle genau ein solches System festhielt – nicht weniger komplex als die europäische Navigation, nur nach einer anderen Logik aufgebaut.
Quelle
Studie: John P. Cooper und Kumail Rajani, „Kachchhi-Gujarati-Navigation im Roten Meer und im Golf von Aden im 18. und 19. Jahrhundert: ein immaterielles Wissenssystem, kartografiert“, Journal of the Royal Asiatic Society, 2026.
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Unabhängiger Forscher, der sich für Archäologie und sakrale Geografie interessiert. Er erforscht diese Themen und schreibt über sie.












