Wissenschaftler haben den Mythos der "dummen" Neandertaler in Frage gestellt
Neandertaler werden oft als plumpe und weniger intelligente "Höhlenmenschen" dargestellt, die dem Homo sapiens aufgrund ihrer Denkschwäche unterlegen waren. Eine neue Studie lässt Zweifel an dieser Theorie aufkommen: Die Unterschiede zwischen den Gehirnen von Neandertalern und frühen modernen Menschen könnten nicht größer sein als die Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen heute.
Wissenschaftler haben die alte Idee wieder aufgegriffen, dass die Form der Gehirne der Neandertaler auf ihre kognitive "Zurückgebliebenheit" hinweist. Früher dachte man, dass ein länglicher Schädel und ein weniger abgerundetes Gehirn schwächere Fähigkeiten in den Bereichen Sprache, Gedächtnis und soziale Organisation bedeuten könnten.
Details
Die Autoren der neuen Studie verglichen Gehirndaten von Neandertalern und frühen Homo sapiens mit modernen MRT-Daten von zwei großen Gruppen von Menschen: ethnische Han-Chinesen und europäische Amerikaner.
Die Forscher maßen das Volumen von 13 Gehirnregionen. In neun der 13 Fälle waren die Unterschiede zwischen den modernen Menschengruppen größer als die zuvor beschriebenen Unterschiede zwischen Neandertalern und frühen Homo sapiens.
Das bedeutet, dass die anatomischen Unterschiede im Gehirn der Neandertaler allein kein ausreichender Grund zu sein scheinen, sie als geistig weit unterlegen gegenüber unseren Vorfahren anzusehen.
Die Studie behauptet nicht, dass Neandertaler und Homo sapiens genau gleich waren. Es gab Unterschiede zwischen ihnen - im Körperbau, im Schädel, in der Lebensweise und wahrscheinlich auch in einzelnen Verhaltensmerkmalen.
Aber die Arbeit stellt ein einfaches Schema in Frage: "Der Homo sapiens war schlauer, also hat er überlebt, und der Neandertaler ist verschwunden." Wenn die Unterschiede im Gehirn in die Variationsbreite des modernen Menschen passen, dann ist es nicht möglich, das Verschwinden der Neandertaler allein mit "geringer Intelligenz" zu erklären.
Die Wissenschaftler glauben, dass die Gründe komplexer sein könnten:
- klimawandel,
- die Größe der Bevölkerung,
- konkurrenz, Vermischung mit Homo sapiens,
- anpassung an neue Umgebungen und zufällige demografische Faktoren.
Warum das wichtig ist
Neandertaler sehen zunehmend nicht mehr wie ein primitiver Zweig aus, sondern wie nahe Verwandte des Menschen mit komplexen Verhaltensweisen. Andere Studien haben bereits gezeigt, dass sie Werkzeuge herstellten, jagten, Feuer benutzten und möglicherweise über fortgeschrittene soziale Fähigkeiten verfügten.
Die neue Arbeit fügt dem ein weiteres Argument hinzu: Form und Struktur des Gehirns liefern keine ausreichenden Beweise, um die Neandertaler als kognitiv beeinträchtigt anzusehen.
Mit anderen Worten, ihr Aussterben war wahrscheinlich keine "Klugheit schlägt Dummheit" Geschichte, sondern ein viel komplexerer Prozess.
Hintergrund
Die Neandertaler lebten Hunderttausende von Jahren in Europa und Westasien und verschwanden vor etwa 40.000 Jahren. Lange Zeit wurden sie als ungehobelt und unterentwickelt dargestellt, aber dieses Bild hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert.
Moderne Beweise zeigen, dass der Neandertaler nicht nur Kontakt mit dem Homo sapiens hatte, sondern sich auch mit ihm gekreuzt hat. Viele moderne Menschen außerhalb Afrikas haben einen kleinen Anteil an Neandertaler-DNA.
Quelle
Die Studie von P. Thomas Schoenemann und Co-Autoren Neanderthal brain and cognition reconsidered wurde 2026 in Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. Das Material widmet sich dem Vergleich von Gehirnrekonstruktionen von Neandertalern, frühen Homo sapiens und modernen menschlichen Populationen.